Ein bewegendes Gedicht über Flüchtlingserfahrung | Babak Ghassim und Usama Elyas | TEDxEastEnd
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0:18 - 0:19Hinter uns mein Land.
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0:19 - 0:22Alles, was ich bin, wurde dort geboren.
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0:22 - 0:25Alles, was mir Heimat war.
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0:25 - 0:29Der Bolzplatz, wo wir als Kinder spielten.
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0:29 - 0:31Das Lächeln meiner ersten Liebe.
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0:31 - 0:33Der Apfelbaum bei uns im Park
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0:33 - 0:36und der kleine See hinterm Berg versteckt.
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0:36 - 0:38Der heiße Tee auf dem Blechtablett.
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0:38 - 0:42Faltige Geschichtenerzähler,
Lachfalten zieren ihre Gesichter. -
0:42 - 0:45Quatsch machen auf dem Rückweg
von der Schule nach Hause. -
0:45 - 0:49Und nachts warten, bis die Eltern
schlafen, und dann wieder raus. -
0:49 - 0:52Das quietschende Fahrrad meines Bruders,
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0:52 - 0:56die Gedichte Nerudas und
der Geruch von nassem Rasen. -
0:56 - 0:59Radios, die gequälte Töne
trotzdem wie Melodien raus tragen. -
0:59 - 1:02Das Singen meiner Schwester
am Morgen. Meine Mutter. -
1:02 - 1:05Meine Mutter mit all ihren Geldsorgen.
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1:05 - 1:08Und ich weiß nicht warum: Marienkäfer.
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1:08 - 1:10All das war mir Heimat.
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1:10 - 1:12All das war mir einst Heimat.
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1:12 - 1:15Aber ich konnte nicht mehr bleiben.
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1:15 - 1:16Hinter uns: der Krieg,
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1:16 - 1:18das frische Grab meiner Eltern,
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1:18 - 1:23der letzte Erdkrumen rollt noch ab, hat
seinen festen Platz noch nicht gefunden. -
1:23 - 1:27So frisch ist die Trauer.
Und nichts ist verarbeitet. -
1:27 - 1:29Ich konnte nicht mehr bleiben.
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1:29 - 1:32Man sprach von uns als den Todgeweihten.
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1:32 - 1:37Unsere Leute in Züge gezwungen,
die im Rauch der Locks dahingleiten. -
1:37 - 1:40Unsere Türen zertrümmert,
Schaufenster in Scherben. -
1:40 - 1:44Unsere Eltern verängstigt,
Geschwister geschunden -
1:44 - 1:47und grausame Nachrichten von Freunden,
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1:47 - 1:51denen, die noch da waren,
die meisten waren verschwunden. -
1:51 - 1:54Man konnte nicht mehr bleiben,
keinen weiteren Tag mehr. -
1:54 - 1:56Der nächste Schritt in meiner Stadt,
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1:56 - 1:59war der letzte Schritt in meinem Land
und der schlimmste Schritt dann -
1:59 - 2:01auf dieses rostige Boot.
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2:01 - 2:04Was wanken wird zunächst,
uns halten wird zunächst. -
2:04 - 2:07Und dann wird es sinken,
uns dem Meer übergeben. -
2:07 - 2:09Im Meer so trostlos,
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2:09 - 2:11der Mond versteckt sich
hinter den Wolken. -
2:11 - 2:13Die Nacht so dunkel,
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2:13 - 2:18du siehst nichts, stundenlang nichts.
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2:18 - 2:20Und wenn ich im Dunkeln
die Augen schließe, -
2:20 - 2:23höre ich meiner Mutters Stimme.
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2:23 - 2:28Um uns her nur das Meer, als wäre
unser Boot das Herz aller Dinge. -
2:28 - 2:31Ich öffne die Augen und
flüstere Richtung Himmel. -
2:31 - 2:34Denn Gebete sind unsere Segel.
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2:34 - 2:36Rettungswesten werden den Rest übernehmen,
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2:36 - 2:38nur die Hoffnung können sie nicht tragen.
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2:38 - 2:40Ein Mann schwimmt auf mich zu:
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2:40 - 2:43“Hier, nimmt es du.
Ich schaffe es nicht mehr. -
2:43 - 2:47Ein Jahr ist er alt
und Bassem ist sein Name.” -
2:47 - 2:51So wurde ich das erste Mal Vater.
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2:51 - 2:55Im Meer, also. Der Übergabe, also.
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2:55 - 3:00Der Mann aus der Weste
gab mir sein Erbgut als Erbe. -
3:00 - 3:05Im Exil angekommen, hab ich schnell
gelernt, die wichtigsten Wörter -
3:05 - 3:11sind Aufenthaltsgenehmigung,
Entschuldigung und Danke. -
3:11 - 3:16Im Exil angekommen, sah ich
eine Familie nach langer Zeit vereint. -
3:16 - 3:20Wie der Vater vor Glück wimmerte,
still und aus tiefsten Innern, -
3:20 - 3:23mit all der Scham
eines Menschen, der selten weint. -
3:23 - 3:28Ich folgte der Familie Schritt
für Schritt, aber nur mit meinem Blick. -
3:28 - 3:29Im Exil angekommen,
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3:29 - 3:33aber die Heimatserde
nimmt man an den Fußsohlen mit. -
3:33 - 3:37Denn ich bin von dort
und ich hab Erinnerungen. -
3:37 - 3:40Ich bin geboren,
wie die Menschen geboren werden: -
3:40 - 3:42ich habe eine Mutter, die mich liebt.
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3:42 - 3:45Es bricht mir das Herz:
in den Briefen, die sie schrieb, -
3:45 - 3:48sehe ich, wie ihre Hand
inzwischen zittert. -
3:48 - 3:54Wenn ich nun Heimweh sage, sage ich Traum,
denn die alte Heimat gibt es kaum. -
3:54 - 3:57Und bleiben wir hier,
werden wir wie der Strand, -
3:57 - 4:01nicht ganz Meer und nicht ganz Land.
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4:01 - 4:04Und bleiben wir hier,
werden wir wie der Strand, -
4:04 - 4:06nicht ganz Meer, nicht ganz Land.
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4:06 - 4:09Im Exil angekommen:
heißt mich ein Heer willkommen, -
4:09 - 4:12das andere Heer hisst mir fremde Fahnen.
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4:12 - 4:15Manchmal spürt man die Liebe,
manchmal spürt man den Hass. -
4:15 - 4:18Dir schauen sie auf das Kopftuch,
mir in den Pass. -
4:18 - 4:21Aber sei ihnen nicht böse,
Habibi, vergib ihnen, -
4:21 - 4:25sie vergaßen die Liebe, sie vergaßen
die Bibel, wünsch ihnen den Frieden. -
4:25 - 4:29Im Gegenteil, zeig es Ihnen:
Wir sind Stehaufmännchen! -
4:29 - 4:32Reiß uns die Beine weg
und wir gehen auf Händen! -
4:32 - 4:36Reiß uns die Beine weg
und wir gehen auf Händen! -
4:36 - 4:40Machen das Beste aus unseren Leben,
bis unsere Leben enden. -
4:40 - 4:41Und wer weiß.
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4:41 - 4:46Vielleicht kehre ich eines Tages heim
und es wird nicht alles verwandelt sein. -
4:46 - 4:48Vielleicht sehe ich
unseren alten Apfelbaum, -
4:48 - 4:51oder den Bolzplatz,
hinter dem rostbraunen Zaun, -
4:51 - 4:54und ich umarme meine Geschwister
und ich küsse meine Mutter -
4:54 - 4:58und das Glück beißt
seinen kleinen Zahn in mein Herz. -
4:58 - 5:01Mein Name ist Ahmed Yusuf,
Vater von Bassem, -
5:01 - 5:03und ich bin Flüchtling.
Ich bin aus Syrien geflohen. -
5:04 - 5:07Mein Name ist Daniel Levy
und ich bin Flüchtling. -
5:07 - 5:09Ich bin aus Deutschland geflohen.
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5:09 - 5:12Das Jahr ist 2015.
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5:12 - 5:15Das Jahr ist 1938.
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5:15 - 5:17(Musik)
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5:18 - 5:20(Beifall)
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5:39 - 5:41(Englisch) Thank you very much.
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5:41 - 5:42Thank you very much.
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5:42 - 5:46We are Babak and Usama.
We are from RebellComedy in Deutschland. -
5:46 - 5:48And we wrote this poem for everyone
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5:48 - 5:53who had to leave behind his home,
his country, his family, his beloved ones. -
5:53 - 5:54And we hope that
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5:54 - 5:59this poem can contribute to
more tolerance towards refugees -
5:59 - 6:01because maybe one day we all need help.
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6:01 - 6:04And let's be more tolerant. Thank you.
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6:04 - 6:05Thank you very much. Have fun.
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6:05 - 6:07(Beifall)
- Title:
- Ein bewegendes Gedicht über Flüchtlingserfahrung | Babak Ghassim und Usama Elyas | TEDxEastEnd
- Description:
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Aufgrund der eigenen persönlichen Erfahrung von Babak und Usama wird eine herzzerreißende, gesprochene Wortaufführung über die leidvolle Reise erzählt, die Flüchtlinge unternehmen müssen, wenn sie ihr Zuhause für einen unbekannten Ort verlassen. Dabei weben sie wunderbar Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart zusammen.
Die Kindheitsfreunde Babak und Usama gründeten im Jahr 2006 die Stand-up-Gruppe, RebellComedy. Es war die erste dieser Art in Deutschland, die multikulturelle Komiker mit Stadtmusik (sogenannter Urban Music) und gesprochenem Wort zusammen brachte. Zehn Jahre später ist RebellComedy eine der beliebtesten Comedy-Shows in Deutschland mit einem wöchentlichen TV-Spot und ausverkauften Touren im ganzen Land. Babak begann als Teenager, Videos zu schreiben und zu drehen. Er studierte Literatur, als er Film- und Theaterdrehbücher schrieb. Er arbeitet gerade an seinem ersten Buch und verbereitet das gesprochene Wort für die Rebell-Bühne. Usama ist ein weltweit aufführender Stand-up-Comedian und ist dabei, sein erstes Solo-Stand-up-Spezial für 2017 zu entwickeln.
Dieser Vortrag wurde bei einem TEDx-Event gehalten, der dem Format für TED-Konferenzen entspricht, aber eigenständig von einem lokalen Veranstalter organisiert wurde. Erfahren Sie mehr unter http://ted.com/tedx.
- Video Language:
- German
- Team:
closed TED
- Project:
- TEDxTalks
- Duration:
- 06:21