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3 Schlüssel zum Verständnis des Gehirns

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    Wie von Chris bereits eingeleitet, studiere ich das menschliche Gehirn --
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    die Funktionsweise und Struktur des menschlichen Gehirns.
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    Und ich möchte, dass Sie sich kurz darüber klarwerden, was da bedeutet.
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    Wir haben hier diese Geleemasse -- 3 Pfund Geleemasse,
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    die man in einer Hand halten kann.
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    Sie kann die unermessliche Weite des Weltalls betrachten.
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    Sie kann über die Bedeutung der Unendlichkeit nachsinnen
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    und sich selbst betrachten, wie sie über die Bedeutung der Unendlichkeit nachsinnt.
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    Diese besondere rekursive Eigenschaft -- das Selbstbewusstsein --
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    ist meiner Meinung nach der Heilige Gral der Neurowissenschaft, der Neurologie.
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    Und irgendwann werden wir hoffentlich verstehen, was dabei vorgeht.
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    Gut, wie erforscht man nun dieses mysteriöse Organ?
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    Ich meine, wir haben 100 Milliarden Nervenzellen,
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    kleine Bündel aus Protoplasma, die miteinander interagieren.
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    Und aus diesen geht das gesamte Spektrum an Fähigkeiten hervor,
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    das wir die menschliche Natur und das menschliche Bewusstsein nennen.
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    Wie geht das?
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    Nun, es gibt verschiedene Ansätze, die Funktionen des Gehirns zu untersuchen.
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    Der wohl am häufigsten verfolgte Ansatz ist,
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    sich Patienten mit dauerhaften Schäden lokal begrenzter Hirnregionen anzusehen,
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    bei denen es genetische Veränderungen kleiner Regionen gegeben hat.
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    Was dabei passiert ist keine generelle Verringerung
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    der geistigen Fähigkeiten,
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    also eine Art Abstumpfung der kognitiven Fähigkeit.
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    Das Resultat ist ein hochselektiver Verlust einer einzelnen Funktion,
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    während die anderen Funktionen erhalten bleiben.
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    Das gibt uns eine gewisse Sicherheit zur Annahme,
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    dass dieser Teil des Gehirns bei der Vermittlung dieser Funktion beteiligt sein muss.
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    So lässt sich dann also eine Funktion auf eine Struktur abbilden,
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    um herauszufinden, welche Schaltvorgänge ablaufen,
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    um diese Funktion hervorzurufen.
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    Das ist genau, was wir zu tun versuchen.
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    Lassen Sie mich Ihnen ein paar eindrucksvolle Beispiele geben.
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    Ich werde Ihnen drei Beispiele während dieses Vortrags geben -- 6 Minuten pro Beispiel.
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    Das erste ist ein sehr außergewöhnliches Syndrom, das Capgras-Syndrom.
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    Auf der ersten Folie hier sehen Sie
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    den Temporallappen, Frontallappen und Parietallappen --
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    die Lappen, die das Gehirn bilden.
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    Verborgen in der Innenfläche des Temporallappens --
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    Sie können es hier leider nicht sehen --
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    ist eine kleine Struktur, die Gyrus fusiformis heißt.
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    Sie wird auch als der Gesichtsbereich des Gehirns bezeichnet,
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    da man nach ihrer Beschädigung die Gesichter von Personen nicht mehr erkennen kann.
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    Man kann sie immer noch anhand ihrer Stimme erkennen
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    und sagen: "Ja klar, das ist Joe."
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    Aber wenn man sie ansieht, weiß man nicht, um wen es sich handelt.
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    Sie können sich nicht einmal mehr selbst im Spiegel erkennen.
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    Natürlich wissen Sie, dass Sie das sein müssen, wenn Sie blinzeln und Ihr Gegenüber auch blinzelt
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    und Sie wissen, dass Sie vor einem Spiegel stehen,
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    aber Sie können sich nicht wirklich als sich selbst erkennen.
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    Es ist bekannt, dass dieses Syndrom durch eine Beschädigung des Gyrus fusiformis verursacht wird.
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    Aber es gibt da noch ein anderes seltenes Syndrom, so selten sogar,
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    dass nur sehr wenige Mediziner und nicht einmal Neurologen davon wissen.
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    Es ist das Capgras-Syndrom.
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    Es kann so beschrieben werden, dass ein Patient, der ansonsten völlig normal ist,
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    nach einer Kopfverletzung aus dem Koma erwacht,
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    seine Mutter ansieht
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    und sagt: "Diese Person sieht genau wie meine Mutter aus,
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    aber sie ist eine Betrügerin --
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    sie ist eine andere Frau, die nur vorgibt, meine Mutter zu sein."
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    Wie passiert so etwas?
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    Diese Person ist ansonsten bei klarem Verstand und intelligent.
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    Aber wenn er seine Mutter sieht,
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    greift seine Wahnvorstellung und er sagt, es sei nicht seine Mutter.
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    Die häufigste Erklärung dafür,
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    die Sie in allen Psychiatrie-Lehrbüchern finden können,
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    ist eine Freudsche Auffassung. Sie besagt, dass dieser Kerl --
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    und dasselbe trifft auch auf Frauen zu,
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    aber ich werde mich hier auf Männer beschränken.
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    Als kleines, junges Baby,
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    hat man ein starkes sexuelles Begehren nach seiner Mutter.
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    Das ist der so genannte Ödipuskomplex nach Freud.
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    Ich sage nicht, dass ich daran glaube,
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    aber das ist die übliche Freudsche Ansicht.
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    Wenn man dann heranwächst, entwickelt sich der Kortex
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    und hemmt diesen verborgenen Sexualtrieb gegenüber der eigenen Mutter.
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    Gott sei Dank, sonst wären wir alle jedes Mal sexuell erregt, sobald wir unsere Mutter sehen.
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    Wenn Sie nun einen Schlag auf den Kopf bekommen,
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    der den Kortex beschädigt
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    und Ihren verborgenen Sexualtrieb wieder freisetzt,
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    der an die Oberfläche flammt, fühlen Sie sich plötzlich und unerklärlicherweise
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    sexuell von Ihrer Mutter erregt.
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    Und Sie denken sich: "Mein Gott, wenn das meine Mutter ist,
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    wie kann ich dann sexuell erregt sein?
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    Sie muss eine andere Frau sein. Sie ist eine Betrügerin."
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    Das ist die einzige Erklärung, die für Ihr beschädigtes Hirn Sinn ergibt.
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    Für mich hat diese Theorie nie sehr viel Sinn ergeben.
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    Sie ist sehr einfallsreich, wie alle Freudschen Theorien.
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    (Gelächter)
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    Aber es war für mich nie sinnvoll, da ich dieselbe Wahnvorstellung
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    an einem Patienten gegenüber seinem Pudel beobachten konnte.
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    (Gelächter)
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    Er sagt: "Doktor, das ist nicht Fifi. Er sieht genauso aus wie Fifi,
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    aber es ist ein anderer Hund."
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    Jetzt versuchen Sie einmal, die Freudsche Erklärung hier anzuwenden.
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    (Gelächter)
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    Sie müssten plötzlich von latenter Sodomie bei allen Menschen sprechen,
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    oder so etwas Ähnliches, was natürlich ziemlich absurd wäre.
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    Was passiert hier also wirklich?
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    Um diese sonderbare Störung zu erklären,
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    sehen wir uns die Struktur und die Funktionen der gesunden visuellen Wahrnehmung im Hirn an.
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    Normalerweise werden visuelle Signale über die Augäpfel empfangen
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    und gehen in die visuellen Bereiche des Hirns.
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    Es gibt in der Tat 30 Bereiche an der Hinterseite des Hirns, die sich ausschließlich mit dem Sehen befassen.
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    Nach der Verarbeitung geht das Signal zu einer kleinen Struktur,
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    dem Gyrus fusiformis, wo Sie Gesichter wahrnehmen.
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    Es gibt dort Neuronen, die empfindlich auf Gesichter reagieren.
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    Man könnte dies also den Gesichtsbereich des Hirns nennen.
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    Ich habe das vorhin bereits angesprochen.
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    Wenn dieser Bereich also beschädigt wird, verlieren Sie die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen.
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    Aber von hier geht das Signal weiter
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    in eine Struktur namens Amygdala im limbischen System,
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    dem emotionalen Kern des Gehirns.
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    Diese Struktur, die Amygdala,
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    misst die emotionale Bedeutung, von dem, was Sie ansehen.
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    Ist es Beute? Ist es ein Feind? Ist es ein Partner?
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    Oder ist es etwas Triviales, wie eine Fluse,
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    ein Stück Kreide oder -- ok, das hier vielleicht nicht --
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    oder ein Schuh oder etwas Ähnliches?
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    Etwas, das man völlig ignorieren kann.
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    Wenn also die Amygdala angeregt wird und es sich um etwas Bedeutendes handelt,
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    dann werden die Signale in das autonome Nervensystem weitergeleitet.
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    Ihr Herz beginnt schneller zu schlagen.
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    Sie beginnen zu schwitzen, um die Wärme abzuleiten, die Sie gleich erzeugen werden --
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    durch Muskelanspannung.
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    Zum Glück, denn wir können zwei Elektroden in Ihren Handflächen anbringen
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    und die Veränderung des Hautwiderstands durch die Transpiration messen.
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    Wenn Sie etwas betrachten, kann ich also feststellen,
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    ob Sie aufgeregt sind, oder ob sie erregt sind oder nicht.
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    Und darauf komme ich gleich zurück.
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    Meine Theorie war also folgende. Wenn sich dieser Kerl ein Objekt ansieht --
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    irgendein Objekt --, dann geht das Signal in die visuellen Areale
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    und wird vom Gyrus fusiformis verarbeitet.
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    Und Sie erkennen das Objekt als eine Erbsenpflanze, einen Tisch
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    oder in diesem Fall als Ihre Mutter.
  • 6:27 - 6:30
    Dann geht das Signal zur Amygdala
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    und von dort weiter zum autonomen Nervensystem.
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    Bei diesem Kerl aber ist die Verbindung von der Amygdala zum limbischen System --
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    dem emotionalen Kern des Hirns -- vielleicht durch einen Unfall unterbrochen worden.
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    Da der Gyrus fusiformis noch intakt ist,
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    erkennt er also nach wie vor seine Mutter
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    und sagt: "Ja, sie sieht aus wie meine Mutter."
  • 6:47 - 6:50
    Da aber die Verbindung zum emotionalen Zentrum unterbrochen ist,
  • 6:50 - 6:54
    sagt er: "Aber warum spüre ich kein Gefühl von Wärme, wenn das hier meine Mutter sein soll?"
  • 6:54 - 6:56
    Beziehungsweise ein Grauen.
  • 6:56 - 6:57
    (Gelächter)
  • 6:57 - 7:03
    Deshalb sagt er also: "Wie kann ich mir diese emotionale Kälte erklären?
  • 7:03 - 7:05
    Das kann nicht meine Mutter sein.
  • 7:05 - 7:07
    Das ist eine fremde Frau, die vorgibt, meine Mutter zu sein."
  • 7:07 - 7:09
    Wie wir das testen?
  • 7:09 - 7:11
    Wir nehmen einen von Ihnen hier und setzen ihn vor einen Bildschirm,
  • 7:11 - 7:14
    messen seine elektrodermale Aktivität
  • 7:14 - 7:16
    und zeigen ihm Bilder auf dem Monitor.
  • 7:16 - 7:19
    Ich kann messen, wie Sie schwitzen, wenn Sie ein Objekt sehen,
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    wie einen Tisch oder einen Regenschirm -- dann schwitzen Sie natürlich nicht.
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    Wenn ich Ihnen aber ein Bild von einem Löwen, einem Tiger oder einem Pin-up-Mädchen zeige, fangen Sie an zu schwitzen.
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    Und ob Sie es glauben oder nicht, wenn ich Ihnen ein Bild Ihrer Mutter zeige --
  • 7:30 - 7:32
    und wir reden hier von normalen Menschen --, beginnen Sie zu schwitzen.
  • 7:32 - 7:34
    Sie müssen dafür nicht einmal jüdisch sein.
  • 7:34 - 7:36
    (Gelächter)
  • 7:36 - 7:40
    Was passiert nun, wenn man diesem Patienten --
  • 7:40 - 7:44
    wenn man diesem Patienten Bilder auf dem Monitor zeigt
  • 7:44 - 7:46
    und dabei seine elektrodermale Aktivität misst?
  • 7:46 - 7:51
    Tische und Stühle und Flusen -- nichts passiert, genauso wie bei normalen Menschen.
  • 7:51 - 7:53
    Wenn ich ihm nun aber ein Bild seiner Mutter zeige,
  • 7:53 - 7:55
    bleibt die elektrodermale Aktivität niedrig.
  • 7:55 - 7:57
    Es gibt keine emotionale Reaktion auf seine Mutter,
  • 7:57 - 8:02
    da die Verbindung von den visuellen Arealen zum emotionalen Zentrum unterbrochen ist.
  • 8:02 - 8:05
    Sein Sehvermögen ist normal, da die visuellen Areale normal funktionieren.
  • 8:05 - 8:08
    Seine Emotionen sind normal. Er lacht, er weint und so weiter.
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    Aber die Verbindung der visuellen Wahrnehmung zur Emotion ist unterbrochen,
  • 8:11 - 8:14
    wodurch er der Täuschung unterliegt, seine Mutter wäre eine Betrügerin.
  • 8:14 - 8:17
    Das ist ein wundervolles Beispiel für unsere Arbeit.
  • 8:17 - 8:21
    Man nimmt ein bizarres, scheinbar unfassbares neural-psychiatrisches Syndrom,
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    stellt den üblichen Freudschen Standpunkt in Frage
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    und antwortet stattdessen mit einer präzisen Erklärung
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    anhand der bekannten neuralen Anatomie des Gehirns.
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    Übrigens, wenn dieser Patient nun
  • 8:31 - 8:36
    von seiner Mutter aus dem Nebenzimmer angerufen wird,
  • 8:36 - 8:40
    dann nimmt er ab und sagt: "Wow, Mama, wie geht es dir? Wo bist du?"
  • 8:40 - 8:42
    Über das Telefon gibt es diese Wahnvorstellung nicht.
  • 8:42 - 8:44
    Dann besucht sie ihn nach einer Stunde und er wird sagen: "Wer sind Sie?
  • 8:44 - 8:46
    Sie sehen aus wie meine Mutter."
  • 8:46 - 8:48
    Das liegt daran, dass es eine separate Verbindung
  • 8:48 - 8:52
    zwischen dem Hörzentrum im Gehirn und dem emotionalen Zentrum gibt,
  • 8:52 - 8:54
    die vom Unfall nicht unterbrochen wurde.
  • 8:54 - 8:59
    Das erklärt also, warum er seine Mutter über das Telefon problemlos erkennen kann.
  • 8:59 - 9:02
    Wenn er sie aber sieht, hält er sie für eine Betrügerin.
  • 9:02 - 9:06
    Wie kommt nun diese komplexe Schaltung im Hirn zustande?
  • 9:06 - 9:09
    Ist es von Natur aus so, durch die Gene oder anerzogen?
  • 9:09 - 9:11
    Wir versuchen diese Frage zu beantworten,
  • 9:11 - 9:15
    indem wir uns ein weiteres sonderbares Syndrom ansehen -- Phantom-Gliedmaßen.
  • 9:15 - 9:17
    Und Sie alle wissen, was Phantom-Gliedmaßen sind.
  • 9:17 - 9:20
    Nach der Amputation eines Arms oder Beins aufgrund einer Gangrän
  • 9:20 - 9:22
    oder wenn Sie ihn/es im Krieg verlieren, z.B. im Irakkrieg
  • 9:22 - 9:24
    -- zurzeit ein großes Problem --,
  • 9:24 - 9:28
    dann spüren Sie den fehlenden Arm weiterhin.
  • 9:28 - 9:31
    Das wird als Phantom-Arm oder Phantom-Bein bezeichnet.
  • 9:31 - 9:33
    In der Tat können Sie ein Phantom für nahezu jedes Körperteil bekommen.
  • 9:33 - 9:36
    Sogar bei Eingeweiden, ob Sie es glauben oder nicht.
  • 9:36 - 9:40
    Ich hatte Patientinnen, denen die Gebärmutter entfernt wurde -- Hysterektomie --
  • 9:40 - 9:45
    und die eine Phantom-Gebärmutter haben, einschließlich Phantom-Menstruationsbeschwerden
  • 9:45 - 9:47
    zur entsprechenden Zeit im Monat.
  • 9:47 - 9:49
    Und eine Studentin fragte mich sogar kürzlich,
  • 9:49 - 9:51
    ob diese Patientinnen auch Phantom-PMS haben können.
  • 9:51 - 9:52
    (Gelächter)
  • 9:52 - 9:56
    Definitiv eine Frage, die weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen bedarf.
  • 9:56 - 9:59
    Die nächste Frage ist nun,
  • 9:59 - 10:02
    was wir experimentell über Phantom-Gliedmaßen lernen können.
  • 10:02 - 10:04
    Was wir z.B. herausgefunden haben ist,
  • 10:04 - 10:06
    dass etwa die Hälfte der Patienten mit Phantom-Gliedmaßen
  • 10:06 - 10:08
    angeben, dass sie das Phantom-Körperglied bewegen können.
  • 10:08 - 10:10
    Es klopft seinem Bruder auf die Schulter,
  • 10:10 - 10:12
    es nimmt das Telefon ab, wenn es klingelt und winkt zum Abschied.
  • 10:12 - 10:15
    Wir sprechen hier von überzeugenden, lebhaften Empfindungen.
  • 10:15 - 10:17
    Dieser Patient hat keine Wahnvorstellung.
  • 10:17 - 10:19
    Er weiß, dass sein Arm nicht da ist.
  • 10:19 - 10:22
    Nichtsdestotrotz ist es für ihn ein überzeugendes, sensorisches Erlebnis.
  • 10:22 - 10:25
    Bei der anderen Hälfte der Patienten trifft dies hingegen nicht zu.
  • 10:25 - 10:29
    Sie sagen: "Herr Doktor, mein Phantom-Körperglied ist gelähmt.
  • 10:29 - 10:32
    Es ist fest in einer zusammengepressten Verkrampfung und es schmerzt entsetzlich.
  • 10:32 - 10:35
    Wenn ich es nur bewegen könnte. Vielleicht verschwindet dann auch der Schmerz."
  • 10:35 - 10:38
    Wie kann aber ein Phantom-Körperglied gelähmt sein?
  • 10:38 - 10:40
    Das klingt wie ein Widerspruch in sich.
  • 10:40 - 10:43
    Bei Durchsicht der Krankenakten fanden wir aber heraus,
  • 10:43 - 10:45
    dass bei Patienten mit einem gelähmten Phantom-Körperglied
  • 10:45 - 10:49
    der echte Arm durch eine periphere Nervenverletzung gelähmt wurde.
  • 10:49 - 10:52
    Der für den Arm zuständige Nerv wurde abgetrennt.
  • 10:52 - 10:54
    Er wurde durchtrennt, z.B. durch einen Motorrad-Unfall.
  • 10:54 - 10:57
    Dieser Patient hatte also tatsächlich einen Arm, der schmerzte,
  • 10:57 - 11:01
    für Monate oder ein Jahr in einer Armschlinge. Dann,
  • 11:01 - 11:04
    in einem fehlgeleiteten Versuch, den Schmerz im Arm zu eliminieren,
  • 11:04 - 11:06
    hat der Chirurg den Arm amputiert.
  • 11:06 - 11:10
    Und was bleibt ist ein Phantom-Arm mit denselben Schmerzen.
  • 11:10 - 11:12
    Das ist ein ernstzunehmendes, klinisches Problem.
  • 11:12 - 11:14
    Die Patienten werden depressiv.
  • 11:14 - 11:16
    Manche von ihnen werden in den Selbstmord getrieben.
  • 11:16 - 11:18
    Wie soll man dieses Syndrom also behandeln?
  • 11:18 - 11:20
    Wieso bekommt man überhaupt einen gelähmten Phantom-Arm?
  • 11:20 - 11:24
    Bei der Studie der Krankenakten fand ich heraus, dass sie alle einen echten Arm hatten,
  • 11:24 - 11:27
    dessen versorgende Nerven durchtrennt worden waren,
  • 11:27 - 11:30
    so dass der echte Arm gelähmt war
  • 11:30 - 11:34
    und vor der Amputation monatelang in einer Armschlinge getragen wurde.
  • 11:34 - 11:40
    Der Schmerz wird dann an das Phantom-Körperglied übertragen.
  • 11:40 - 11:42
    Wieso passiert das?
  • 11:42 - 11:44
    Solange der Arm intakt, aber gelähmt ist,
  • 11:44 - 11:47
    sendet das Hirn Befehle zum Arm und sagt ihm: "Beweg dich!"
  • 11:47 - 11:49
    Aber es bekommt visuell die Rückmeldung: "Nein!"
  • 11:49 - 11:53
    Beweg dich! Nein! Beweg dich! Nein! Beweg dich! Nein!
  • 11:53 - 11:56
    Und das wird im Schaltkreis des Gehirns fest verdrahtet.
  • 11:56 - 11:59
    Wir bezeichnen dies als erlernte Lähmung.
  • 11:59 - 12:03
    Das Gehirn lernt aufgrund der Hebbschen Lernregel,
  • 12:03 - 12:06
    dass der bloße Befehl, den Arm zu bewegen,
  • 12:06 - 12:08
    das Gefühl eines gelähmten Arms hervorruft.
  • 12:08 - 12:10
    Wenn Sie nun den Arm amputieren,
  • 12:10 - 12:14
    wird diese erlernte Lähmung in Ihr Körperbild
  • 12:14 - 12:17
    und in Ihr Phantom-Körperglied übertragen.
  • 12:17 - 12:19
    Wie hilft man nun diesen Patienten?
  • 12:19 - 12:21
    Wie macht man die erlernte Lähmung rückgängig,
  • 12:21 - 12:25
    um ihn von der entsetzlichen, zusammengepressten Verkrampfung
  • 12:25 - 12:27
    seines Phantom-Arms zu erlösen?
  • 12:27 - 12:32
    Nun ja, was würde passieren wenn man weiterhin Befehle zum Phantom-Körperglied senden würde,
  • 12:32 - 12:36
    ihm aber eine visuelle Rückmeldung gibt, dass sein Befehl ausgeführt wird?
  • 12:36 - 12:39
    Vielleicht kann man dadurch den Phantomschmerz, die Verkrampfung im Phantom-Körperglied lösen.
  • 12:39 - 12:41
    Wie man das macht? Nun ja, mit virtueller Realität.
  • 12:41 - 12:43
    Aber das kostet mehrere Millionen Dollar.
  • 12:43 - 12:46
    Also habe ich einen Weg gefunden, genau das für drei Dollar zu machen.
  • 12:46 - 12:48
    Aber sagen Sie das bitte nicht meinen Förderungseinrichtungen.
  • 12:48 - 12:49
    (Gelächter)
  • 12:49 - 12:53
    Sie benötigen einen so genannten Spiegelkasten.
  • 12:53 - 12:55
    Sie nehmen einen Pappkarton mit einem Spiegel in der Mitte,
  • 12:55 - 12:59
    in den man das Phantom-Körperflied steckt. Mein erster Patient war Derek.
  • 12:59 - 13:02
    Sein Arm war vor zehn Jahren amputiert worden.
  • 13:02 - 13:05
    Sein Arm wurde gewaltsam abgerissen. Die Nerven waren also durchtrennt.
  • 13:05 - 13:09
    Der Arm war gelähmt, lag für ein Jahr in einer Armschlinge und wurde schließlich amputiert.
  • 13:09 - 13:11
    Danach hatte er einen entsetzlich schmerzhaften Phantom-Arm, den er nicht bewegen konnte.
  • 13:11 - 13:13
    Es war ein gelähmter Phantom-Arm.
  • 13:13 - 13:17
    Er kam also zu mir und ich gab ihm solch einen Spiegel in einem Kasten,
  • 13:17 - 13:20
    den ich Spiegelkasten nenne.
  • 13:20 - 13:23
    Der Patient legt seinen linken Phantom-Arm,
  • 13:23 - 13:25
    der zusammengepresst und verkrampft ist, auf die linke Seite des Spiegels
  • 13:25 - 13:27
    und den gesunden Arm auf die rechte Seite.
  • 13:27 - 13:31
    Dabei ahmt er dieselbe zusammengepresste Haltung des anderen Arms nach
  • 13:31 - 13:34
    und sieht in den Spiegel. Und was nimmt er wahr?
  • 13:34 - 13:37
    Er sieht wie sein Phantom-Arm wieder auflebt,
  • 13:37 - 13:41
    da er im Spiegel die Reflektion seines gesunden Arms sieht.
  • 13:41 - 13:43
    Und es sieht so aus, als wäre sein Phantom-Arm zu neuem Leben erweckt worden.
  • 13:43 - 13:46
    "Nun", sagte ich, "wackeln Sie mit Ihrem Phantom-Arm --
  • 13:46 - 13:50
    Ihren gesunden Fingern oder bewegen Sie sie, während Sie in den Spiegel schauen."
  • 13:50 - 13:54
    Dadurch bekommt er den visuellen Eindruck, dass sich sein Phantom-Arm bewegt.
  • 13:54 - 13:56
    Das ist einleuchtend, aber das Erstaunliche ist,
  • 13:56 - 13:59
    dass der Patient tatsächlich sagt: "Oh mein Gott, mein Phantom-Arm bewegt sich wieder
  • 13:59 - 14:01
    und der Schmerz, die zusammenpressende Verkrampfung ist gelöst."
  • 14:01 - 14:04
    Und denken Sie daran, mein erster Patient, der zu mir kam --
  • 14:04 - 14:05
    (Applaus)
  • 14:05 - 14:09
    Danke. (Applaus)
  • 14:09 - 14:12
    Mein erster Patient kam hinein, sah in den Spiegel
  • 14:12 - 14:15
    und ich sagte zu ihm: "Schauen Sie sich die Spiegelung von Ihrem Phantom-Arm an."
  • 14:15 - 14:17
    Und er begann zu kichern und sagte: "Ich kann meinen Phantom-Arm sehen."
  • 14:17 - 14:19
    Aber er ist ja nicht dumm. Er weiß, dass er nicht real ist.
  • 14:19 - 14:21
    Er weiß, dass es sich um eine Spiegelung handelt.
  • 14:21 - 14:23
    Trotzdem hat er ein klares, sensorisches Erlebnis.
  • 14:23 - 14:26
    Nun sagte ich: "Bewegen Sie Ihren gesunden und Ihren Phantom-Arm."
  • 14:26 - 14:28
    Er sagte: "Ich kann meinen Phantom-Arm nicht bewegen. Das wissen Sie. Es schmerzt."
  • 14:28 - 14:30
    Ich sagte: "Dann bewegen Sie Ihren gesunden Arm."
  • 14:30 - 14:32
    Und er sagte: "Oh mein Gott, mein Phantom-Arm bewegt sich wieder. Ich kann es nicht glauben!
  • 14:32 - 14:35
    Und meine Schmerzen sind verschwunden."
  • 14:35 - 14:36
    Dann sagte ich: "Schließen Sie Ihre Augen."
  • 14:36 - 14:38
    Er schloss seine Augen.
  • 14:38 - 14:39
    "Bewegen Sie Ihren gesunden Arm."
  • 14:39 - 14:40
    "Oh, nichts -- er ist wieder verkrampft."
  • 14:40 - 14:42
    "OK, öffnen Sie Ihre Augen."
  • 14:42 - 14:43
    "Oh mein Gott, oh mein Gott, er bewegt sich wieder."
  • 14:43 - 14:45
    Er war wie ein Kind im Süßwarenladen.
  • 14:45 - 14:50
    Das bestätigt also meine Theorie von der erlernten Lähmung
  • 14:50 - 14:52
    und die entscheidende Rolle der visuellen Wahrnehmung.
  • 14:52 - 14:54
    Aber ich werde keinen Nobelpreis dafür erhalten,
  • 14:54 - 14:56
    dass jemand seinen Phantom-Arm wieder bewegen kann.
  • 14:56 - 14:57
    (Gelächter)
  • 14:57 - 14:58
    (Applaus)
  • 14:58 - 15:01
    Es ist eine völlig nutzlose Fähigkeit, wenn Sie darüber nachdenken.
  • 15:01 - 15:02
    (Gelächter)
  • 15:02 - 15:06
    Aber dann wurde mir klar, dass es vielleicht bei anderen Arten von Lähmungen
  • 15:06 - 15:11
    aus der Neurologie, wie bei Schlaganfällen oder fokalen Dystonien,
  • 15:11 - 15:13
    eine erlernte Komponente geben könnte,
  • 15:13 - 15:16
    die man mit einer ähnlichen Vorrichtung bewältigen könnte.
  • 15:16 - 15:18
    Also sagte ich: "Schauen Sie, Derek."
  • 15:18 - 15:21
    Nun ja, er kann nicht die ganze Zeit mit einem Spiegel herumlaufen, um seinen Schmerz zu lindern.
  • 15:21 - 15:25
    Ich sagte ihm: "Derek, nehmen Sie den Kasten mit nach Hause und üben Sie damit für ein oder zwei Wochen."
  • 15:25 - 15:27
    Vielleicht können Sie nach einer gewissen Zeit
  • 15:27 - 15:29
    auf den Spiegel verzichten, die Lähmung verlernen,
  • 15:29 - 15:31
    Ihren gelähmten Arm wieder bewegen
  • 15:31 - 15:33
    und sich dann von den Schmerzen befreien."
  • 15:33 - 15:35
    Er sagte zu und nahm den Kasten mit nach Hause.
  • 15:35 - 15:37
    Ich sagte: "Schauen Sie, er kostet schließlich nur zwei Dollar. Nehmen Sie ihn mit."
  • 15:37 - 15:40
    Also nahm er ihn mit nach Hause und nach zwei Wochen rief er mich an
  • 15:40 - 15:42
    und sagte: "Sie werden es nicht glauben."
  • 15:42 - 15:43
    Ich sagte: "Was?"
  • 15:43 - 15:45
    Er sagte: "Er ist weg!"
  • 15:45 - 15:46
    Ich fragte: "Was ist weg?"
  • 15:46 - 15:48
    Ich dachte, der Spiegelkasten wäre verschwunden.
  • 15:48 - 15:49
    (Gelächter)
  • 15:49 - 15:52
    Er sagte: "Nein, nein. Mein Phantom-Arm, den ich 10 Jahre lang hatte.
  • 15:52 - 15:54
    Er ist verschwunden."
  • 15:54 - 15:56
    Und ich sagte -- ich machte mir Sorgen und sagte: "Mein Gott!"
  • 15:56 - 15:58
    Ich meine, ich habe das Körperbild dieses Mannes verändert.
  • 15:58 - 16:01
    Was ist mit menschlichen Versuchspersonen, der Ethik und alledem?
  • 16:01 - 16:03
    Und ich sagte: "Derek, stört Sie das?"
  • 16:03 - 16:06
    Er sagte: "Nein, die letzten drei Tage hatte ich keinen Phantom-Arm
  • 16:06 - 16:09
    und daher auch keine Phantomschmerzen mehr im Ellenbogen, keine Verkrampfung,
  • 16:09 - 16:12
    keinen Phantomschmerz im Unterarm. All meine Schmerzen sind verschwunden.
  • 16:12 - 16:16
    Ich habe nur das Problem, dass ich jetzt meine Phantom-Finger von der Schulter baumeln habe,
  • 16:16 - 16:18
    und dorthin reicht Ihr Kasten nicht."
  • 16:18 - 16:19
    (Gelächter)
  • 16:19 - 16:22
    "Können Sie ihn vielleicht umbauen, damit ich ihn an meine Stirn setzen kann
  • 16:22 - 16:25
    und wenn ich so mache, meine Phantom-Finger loswerde?"
  • 16:25 - 16:27
    Er hielt mich für eine Art Magier.
  • 16:27 - 16:28
    Warum ist das passiert?
  • 16:28 - 16:31
    Es liegt daran, dass das Hirn mit einem enormen sensorischen Konflikt konfrontiert wird.
  • 16:31 - 16:34
    Es erhält visuelle Signale, dass das Phantom-Körperglied wieder da ist.
  • 16:34 - 16:36
    Andererseits gibt es keine passende Rückmeldung.
  • 16:36 - 16:40
    Die Muskeln melden, dass es keinen Arm gibt
  • 16:40 - 16:42
    und Ihr motorischer Steuerbefehl sagt, dass es einen Arm gibt.
  • 16:42 - 16:45
    Aufgrund dieses Konflikts sagt das Gehirn: "Zur Hölle damit.
  • 16:45 - 16:48
    Es gibt keinen Phantom-Arm, es gibt keinen Arm."
  • 16:48 - 16:50
    Es fällt in einen Zustand der Verweigerung -- verneint jedes Signal.
  • 16:50 - 16:54
    Und mit dem Phantom-Arm verschwindet auch der Schmerz,
  • 16:54 - 16:58
    da es keinen körperlosen Schmerz gibt, der frei durch den Raum schwirrt.
  • 16:58 - 17:00
    Das ist das Gute daran.
  • 17:00 - 17:02
    Diese Technik ist bereits an dutzenden Patienten erprobt worden --
  • 17:02 - 17:04
    von anderen Gruppen in Helsinki.
  • 17:04 - 17:07
    Sie könnte sich also als wertvolle Behandlungsmethode bei Phantomschmerzen erweisen.
  • 17:07 - 17:09
    In der Rehabilitation nach Schlaganfällen wurde sie auch bereits erprobt.
  • 17:09 - 17:12
    Bei einem Schlaganfall denkt man meistens an beschädigte Fasern,
  • 17:12 - 17:14
    wogegen man nichts unternehmen kann.
  • 17:14 - 17:19
    Es hat sich aber herausgestellt, dass ein gewisser Teil dieser Lähmung ebenfalls erlernte Lähmung ist.
  • 17:19 - 17:22
    Und vielleicht kann man diese Komponente mit Spiegeln bezwingen.
  • 17:22 - 17:24
    Diese Techniken haben bereits klinische Tests durchlaufen
  • 17:24 - 17:26
    und dabei sehr vielen Patienten geholfen.
  • 17:26 - 17:30
    Gut, lassen Sie mich nun zum dritten Teil meines Vortrags kommen,
  • 17:30 - 17:34
    in dem es um ein weiteres, sonderbares Phänomen namens Synästhesie geht.
  • 17:34 - 17:37
    Synästhesie wurde im 19. Jahrhundert von Francis Galton entdeckt.
  • 17:37 - 17:39
    Er war ein Cousin von Charles Darwin.
  • 17:39 - 17:41
    Er stellte heraus, dass bestimmte Personen in der Bevölkerung,
  • 17:41 - 17:45
    die ansonsten völlig normal sind, folgende Auffälligkeit haben.
  • 17:45 - 17:48
    Jedes Mal, wenn sie eine Ziffer sehen, ist sie farbig.
  • 17:48 - 17:52
    Fünf ist blau, sieben ist gelb, acht ist grüngelb,
  • 17:52 - 17:54
    neun ist indigofarben.
  • 17:54 - 17:57
    Bedenken Sie bitte, dass diese Personen ansonsten völlig normal sind.
  • 17:57 - 18:00
    Oder Cis. Manchmal rufen Töne Farben hervor.
  • 18:00 - 18:03
    Cis ist blau, Fis ist grün,
  • 18:03 - 18:06
    ein anderer Ton könnte gelb sein.
  • 18:06 - 18:08
    Wie kommt so etwas zustande?
  • 18:08 - 18:10
    Man nennt das Synästhesie -- Galton nannte es Synästhesie,
  • 18:10 - 18:12
    eine Vermischung der Sinne.
  • 18:12 - 18:14
    Bei uns sind alle Sinne voneinander getrennt.
  • 18:14 - 18:16
    Diese Personen werfen ihre Sinne durcheinander.
  • 18:16 - 18:17
    Wieso passiert das?
  • 18:17 - 18:19
    Einer der zwei Aspekte dieses Phänomens ist sehr verblüffend.
  • 18:19 - 18:21
    Synästhesie liegt in der Familie.
  • 18:21 - 18:24
    Galton sagte, dass es eine erbliche, eine genetische Grundlage gibt.
  • 18:24 - 18:28
    Zweitens ist Synästhesie -- und das bringt mich zum Hauptthema
  • 18:28 - 18:31
    dieses Vortrags, der Kreativität --
  • 18:31 - 18:36
    Synästhesie ist etwa achtmal häufiger bei Künstlern, Dichtern, Schriftstellern
  • 18:36 - 18:39
    und anderen kreativen Leuten als in der Allgemeinbevölkerung.
  • 18:39 - 18:40
    Wieso sollte das so sein?
  • 18:40 - 18:42
    Ich werde diese Frage beantworten.
  • 18:42 - 18:44
    Sie ist noch nie zuvor beantwortet worden.
  • 18:44 - 18:45
    Also, was ist Synästhesie? Wodurch wird sie verursacht?
  • 18:45 - 18:46
    Gut, es gibt viele Theorien dazu.
  • 18:46 - 18:48
    Eine besagt, diese Personen seien einfach verrückt.
  • 18:48 - 18:51
    Das ist nicht wirklich wissenschaftlich, also vergessen wir sie.
  • 18:51 - 18:55
    Eine andere besagt, es handle sich um LSD-Junkies und Kiffer.
  • 18:55 - 18:57
    Da mag etwas Wahres dran sein,
  • 18:57 - 18:59
    denn es ist hier in der Bucht von San Francisco geläufiger als in San Diego.
  • 18:59 - 19:00
    (Gelächter)
  • 19:00 - 19:03
    Gut, die dritte Theorie besagt --
  • 19:03 - 19:08
    nun ja, fragen wir uns einmal was wirklich bei Synästhesie geschieht.
  • 19:08 - 19:11
    Wir haben herausgefunden, dass die Areale für Farben und für Ziffern
  • 19:11 - 19:14
    unmittelbar nebeneinander im Hirn liegen, im Gyrus fusiformis.
  • 19:14 - 19:16
    Es kommt also zu einer versehentlichen Querverbindung
  • 19:16 - 19:19
    zwischen Farben und Ziffern innerhalb des Gehirns.
  • 19:19 - 19:22
    Jedes Mal wenn Sie also eine Ziffer sehen, sehen Sie eine entsprechende Farbe.
  • 19:22 - 19:24
    Und das ist, warum Sie Synästhesie haben.
  • 19:24 - 19:26
    Nun überlegen Sie -- wie kommt das zustande?
  • 19:26 - 19:28
    Warum sollte es bei manchen Personen diese Querverbindungen geben?
  • 19:28 - 19:30
    Erinnern Sie sich, dass ich sagte, es liege in der Familie?
  • 19:30 - 19:32
    Das ist der Schlüssel.
  • 19:32 - 19:34
    Und zwar gibt es ein anormales Gen,
  • 19:34 - 19:37
    eine Mutation im Gen, die diese Querverbindungen verursacht.
  • 19:37 - 19:39
    Es hat sich herausgestellt, dass bei uns allen
  • 19:39 - 19:43
    bei der Geburt alle Bereiche im Hirn miteinander verknüpft sind.
  • 19:43 - 19:46
    Jede Hirnregion ist also mit jeder anderen verbunden
  • 19:46 - 19:48
    und mit der Zeit werden diese Querverbindungen reduziert --
  • 19:48 - 19:51
    -- der charakteristische, modulare Aufbau des adulten Gehirns.
  • 19:51 - 19:53
    Wenn es also ein Gen gibt, das dafür verantwortlich ist
  • 19:53 - 19:55
    und wenn dieses Gen mutiert,
  • 19:55 - 19:58
    dann bleibt die Verbindung zwischen benachbarten Hirnregionen erhalten.
  • 19:58 - 20:01
    Und wenn es zwischen Zahlen- und Farb-Arealen ist, führt das zur Zahl-Farb-Synästhesie.
  • 20:01 - 20:04
    Wenn es zwischen Klang- und Farb-Arealen ist, zur Ton-Farb-Synästhesie.
  • 20:04 - 20:06
    So weit, so gut.
  • 20:06 - 20:08
    Was passiert nun, wenn dieses Gen überall im Hirn wirkt
  • 20:08 - 20:09
    und es überall Querverbindungen gibt?
  • 20:09 - 20:15
    Überlegen Sie einmal, was Künstler, Schriftsteller und Dichter gemeinsam haben --
  • 20:15 - 20:18
    die Fähigkeit in Metaphern zu denken,
  • 20:18 - 20:20
    Begriffe, die scheinbar ohne Beziehung sind, miteinander zu verbinden,
  • 20:20 - 20:23
    wie etwa: "Es ist der Osten und Julia ist die Sonne."
  • 20:23 - 20:25
    Nun ja, das heißt nicht, dass Julia die Sonne ist.
  • 20:25 - 20:27
    Heißt es, dass sie ein glühender Feierball ist?
  • 20:27 - 20:30
    Ich meine, Schizophrene denken das, aber das ist ein anderes Thema.
  • 20:30 - 20:33
    Normale Personen würden sagen, sie ist warm wie die Sonne,
  • 20:33 - 20:35
    sie strahlt wie die Sonne, sie ist nährend wie die Sonne.
  • 20:35 - 20:37
    Sie haben sofort die Bezüge hergestellt.
  • 20:37 - 20:40
    Wenn Sie nun davon ausgehen, dass diese Querverbindungen
  • 20:40 - 20:43
    und Konzepte in verschiedenen Bereichen des Hirns vorkommen,
  • 20:43 - 20:46
    dann führt das zu einer höheren Neigung
  • 20:46 - 20:49
    für metaphorisches Denken und Kreativität
  • 20:49 - 20:51
    bei Synästhesisten.
  • 20:51 - 20:54
    Daher auch die achtmal höhere Verbreitung von Synästhesie
  • 20:54 - 20:56
    unter Dichtern, Künstlern und Schriftstellern.
  • 20:56 - 20:59
    Das ist eine sehr phrenologische Betrachtung der Synästhesie.
  • 20:59 - 21:01
    Ein letztes Beispiel -- habe ich noch eine Minute?
  • 21:01 - 21:03
    (Applaus)
  • 21:03 - 21:08
    Gut, ich werde Ihnen beweisen, dass Sie alle Synästhesisten sind, es aber nicht wahrhaben wollen.
  • 21:08 - 21:12
    Das hier ist das marsianische Alphabet, genau wie unserer Alphabet.
  • 21:12 - 21:15
    A ist A, B ist B, C ist C.
  • 21:15 - 21:18
    Andere Symbole für andere Laute.
  • 21:18 - 21:20
    Hier haben wir also das marsianische Alphabet.
  • 21:20 - 21:22
    Eines dieser Symbole ist Kiki, das andere Bouba.
  • 21:22 - 21:24
    Welches ist Kiki, welches ist Bouba?
  • 21:24 - 21:26
    Wer von Ihnen denkt, das hier ist Kiki und das hier Bouba? Heben Sie bitte die Hand.
  • 21:26 - 21:28
    Nun ja, es gibt ein oder zwei Mutanten.
  • 21:28 - 21:29
    (Gelächter)
  • 21:29 - 21:31
    Wer von Ihnen glaubt, das hier ist Bouba und das hier Kiki? Heben Sie bitte die Hand.
  • 21:31 - 21:33
    99 Prozent von Ihnen.
  • 21:33 - 21:35
    Niemand von Ihnen ist Marsianer. Wie haben Sie das gemacht?
  • 21:35 - 21:40
    Das liegt daran, dass Sie alle Querverbindungen herstellen -- eine synästhetische Abstraktion.
  • 21:40 - 21:44
    Das heißt, Sie erkennen, dass der scharfe Tonfall Ki-ki
  • 21:44 - 21:49
    in Ihrem auditiven Kortex -- wobei die Haarzellen gereizt werden -- Ki-ki,
  • 21:49 - 21:52
    der visuellen Gestalt -- scharfe Kanten -- dieser zackigen Form gleicht.
  • 21:52 - 21:55
    Das ist sehr wichtig. Denn was es uns sagt ist,
  • 21:55 - 21:57
    dass unser Hirn eine primitive --
  • 21:57 - 21:59
    es kommt einem wie eine dumme Täuschung vor,
  • 21:59 - 22:03
    aber die Photonen erzeugen diese Form in Ihrem Auge,
  • 22:03 - 22:06
    und die Haarzellen in Ihrem Ohr regen das auditorische Muster an.
  • 22:06 - 22:11
    Aber das Hirn ist in der Lage, den gemeinsamen Nenner herauszuziehen.
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    Das ist eine primitive Form der Abstraktion
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    und mittlerweile wissen wir, dass sie im Gyrus fusiformis des Hirns stattfindet.
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    Wenn dieser nämlich beschädigt wird,
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    verlieren diese Personen die Fähigkeit, sich auf Bouba-Kiki einzulassen.
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    Sie verlieren außerdem das Verständnis für Metaphern.
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    Wenn sie so jemanden fragen, was "Es ist nicht alles Gold, was glänzt."
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    bedeutet,
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    wird der Patient sagen: "Nun, nur weil es metallisch ist und glänzt, heißt das nicht, dass es Gold ist.
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    Man müsste seine spezifische Dichte messen."
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    Sie haben die metaphorische Bedeutung also überhaupt nicht verstanden.
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    Dieser Bereich ist nun etwa achtmal größer bei höheren Primaten --
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    insbesondere bei Menschen -- als bei niederen Primaten.
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    Etwas sehr Interessantes passiert hier im Gyrus angularis,
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    da er die Verbindung zwischen Hören, Sehen und Fühlen ist.
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    Und beim Menschen ist er besonders ausgeprägt -- etwas sehr Interessantes passiert hier.
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    Ich glaube, dass er die Grundlage vieler den Menschen vorbehaltenen Fähigkeiten ist,
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    wie Abstraktion, metaphorisches Denken und Kreativität.
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    All diese Fragen, die sich Philosophen über Jahrtausende gestellt haben,
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    können wir Wissenschaftler durch Hirntomografie
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    sowie durch die Analyse von Patienten und die richtigen Fragen zu erforschen beginnen.
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    Vielen Dank.
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    (Applaus)
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    Das tut mir leid.
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    (Gelächter)
Title:
3 Schlüssel zum Verständnis des Gehirns
Speaker:
Vilayanur Ramachandran
Description:

Vilayanur Ramachandran erklärt uns, was Hirnschäden über die Verbindung zwischen dem Gehirngewebe und der Psyche aussagen können, indem er drei verblüffende Wahnvorstellungen als Beispiele angibt.

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Video Language:
English
Team:
closed TED
Project:
TEDTalks
Duration:
23:17
Angelika Lueckert Leon edited German subtitles for 3 clues to understanding your brain
Reinhold Rittinger added a translation

German subtitles

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