Wie von Chris bereits eingeleitet, studiere ich das menschliche Gehirn -- die Funktionsweise und Struktur des menschlichen Gehirns. Und ich möchte, dass Sie sich kurz darüber klarwerden, was da bedeutet. Wir haben hier diese Geleemasse -- 3 Pfund Geleemasse, die man in einer Hand halten kann. Sie kann die unermessliche Weite des Weltalls betrachten. Sie kann über die Bedeutung der Unendlichkeit nachsinnen und sich selbst betrachten, wie sie über die Bedeutung der Unendlichkeit nachsinnt. Diese besondere rekursive Eigenschaft -- das Selbstbewusstsein -- ist meiner Meinung nach der Heilige Gral der Neurowissenschaft, der Neurologie. Und irgendwann werden wir hoffentlich verstehen, was dabei vorgeht. Gut, wie erforscht man nun dieses mysteriöse Organ? Ich meine, wir haben 100 Milliarden Nervenzellen, kleine Bündel aus Protoplasma, die miteinander interagieren. Und aus diesen geht das gesamte Spektrum an Fähigkeiten hervor, das wir die menschliche Natur und das menschliche Bewusstsein nennen. Wie geht das? Nun, es gibt verschiedene Ansätze, die Funktionen des Gehirns zu untersuchen. Der wohl am häufigsten verfolgte Ansatz ist, sich Patienten mit dauerhaften Schäden lokal begrenzter Hirnregionen anzusehen, bei denen es genetische Veränderungen kleiner Regionen gegeben hat. Was dabei passiert ist keine generelle Verringerung der geistigen Fähigkeiten, also eine Art Abstumpfung der kognitiven Fähigkeit. Das Resultat ist ein hochselektiver Verlust einer einzelnen Funktion, während die anderen Funktionen erhalten bleiben. Das gibt uns eine gewisse Sicherheit zur Annahme, dass dieser Teil des Gehirns bei der Vermittlung dieser Funktion beteiligt sein muss. So lässt sich dann also eine Funktion auf eine Struktur abbilden, um herauszufinden, welche Schaltvorgänge ablaufen, um diese Funktion hervorzurufen. Das ist genau, was wir zu tun versuchen. Lassen Sie mich Ihnen ein paar eindrucksvolle Beispiele geben. Ich werde Ihnen drei Beispiele während dieses Vortrags geben -- 6 Minuten pro Beispiel. Das erste ist ein sehr außergewöhnliches Syndrom, das Capgras-Syndrom. Auf der ersten Folie hier sehen Sie den Temporallappen, Frontallappen und Parietallappen -- die Lappen, die das Gehirn bilden. Verborgen in der Innenfläche des Temporallappens -- Sie können es hier leider nicht sehen -- ist eine kleine Struktur, die Gyrus fusiformis heißt. Sie wird auch als der Gesichtsbereich des Gehirns bezeichnet, da man nach ihrer Beschädigung die Gesichter von Personen nicht mehr erkennen kann. Man kann sie immer noch anhand ihrer Stimme erkennen und sagen: "Ja klar, das ist Joe." Aber wenn man sie ansieht, weiß man nicht, um wen es sich handelt. Sie können sich nicht einmal mehr selbst im Spiegel erkennen. Natürlich wissen Sie, dass Sie das sein müssen, wenn Sie blinzeln und Ihr Gegenüber auch blinzelt und Sie wissen, dass Sie vor einem Spiegel stehen, aber Sie können sich nicht wirklich als sich selbst erkennen. Es ist bekannt, dass dieses Syndrom durch eine Beschädigung des Gyrus fusiformis verursacht wird. Aber es gibt da noch ein anderes seltenes Syndrom, so selten sogar, dass nur sehr wenige Mediziner und nicht einmal Neurologen davon wissen. Es ist das Capgras-Syndrom. Es kann so beschrieben werden, dass ein Patient, der ansonsten völlig normal ist, nach einer Kopfverletzung aus dem Koma erwacht, seine Mutter ansieht und sagt: "Diese Person sieht genau wie meine Mutter aus, aber sie ist eine Betrügerin -- sie ist eine andere Frau, die nur vorgibt, meine Mutter zu sein." Wie passiert so etwas? Diese Person ist ansonsten bei klarem Verstand und intelligent. Aber wenn er seine Mutter sieht, greift seine Wahnvorstellung und er sagt, es sei nicht seine Mutter. Die häufigste Erklärung dafür, die Sie in allen Psychiatrie-Lehrbüchern finden können, ist eine Freudsche Auffassung. Sie besagt, dass dieser Kerl -- und dasselbe trifft auch auf Frauen zu, aber ich werde mich hier auf Männer beschränken. Als kleines, junges Baby, hat man ein starkes sexuelles Begehren nach seiner Mutter. Das ist der so genannte Ödipuskomplex nach Freud. Ich sage nicht, dass ich daran glaube, aber das ist die übliche Freudsche Ansicht. Wenn man dann heranwächst, entwickelt sich der Kortex und hemmt diesen verborgenen Sexualtrieb gegenüber der eigenen Mutter. Gott sei Dank, sonst wären wir alle jedes Mal sexuell erregt, sobald wir unsere Mutter sehen. Wenn Sie nun einen Schlag auf den Kopf bekommen, der den Kortex beschädigt und Ihren verborgenen Sexualtrieb wieder freisetzt, der an die Oberfläche flammt, fühlen Sie sich plötzlich und unerklärlicherweise sexuell von Ihrer Mutter erregt. Und Sie denken sich: "Mein Gott, wenn das meine Mutter ist, wie kann ich dann sexuell erregt sein? Sie muss eine andere Frau sein. Sie ist eine Betrügerin." Das ist die einzige Erklärung, die für Ihr beschädigtes Hirn Sinn ergibt. Für mich hat diese Theorie nie sehr viel Sinn ergeben. Sie ist sehr einfallsreich, wie alle Freudschen Theorien. (Gelächter) Aber es war für mich nie sinnvoll, da ich dieselbe Wahnvorstellung an einem Patienten gegenüber seinem Pudel beobachten konnte. (Gelächter) Er sagt: "Doktor, das ist nicht Fifi. Er sieht genauso aus wie Fifi, aber es ist ein anderer Hund." Jetzt versuchen Sie einmal, die Freudsche Erklärung hier anzuwenden. (Gelächter) Sie müssten plötzlich von latenter Sodomie bei allen Menschen sprechen, oder so etwas Ähnliches, was natürlich ziemlich absurd wäre. Was passiert hier also wirklich? Um diese sonderbare Störung zu erklären, sehen wir uns die Struktur und die Funktionen der gesunden visuellen Wahrnehmung im Hirn an. Normalerweise werden visuelle Signale über die Augäpfel empfangen und gehen in die visuellen Bereiche des Hirns. Es gibt in der Tat 30 Bereiche an der Hinterseite des Hirns, die sich ausschließlich mit dem Sehen befassen. Nach der Verarbeitung geht das Signal zu einer kleinen Struktur, dem Gyrus fusiformis, wo Sie Gesichter wahrnehmen. Es gibt dort Neuronen, die empfindlich auf Gesichter reagieren. Man könnte dies also den Gesichtsbereich des Hirns nennen. Ich habe das vorhin bereits angesprochen. Wenn dieser Bereich also beschädigt wird, verlieren Sie die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen. Aber von hier geht das Signal weiter in eine Struktur namens Amygdala im limbischen System, dem emotionalen Kern des Gehirns. Diese Struktur, die Amygdala, misst die emotionale Bedeutung, von dem, was Sie ansehen. Ist es Beute? Ist es ein Feind? Ist es ein Partner? Oder ist es etwas Triviales, wie eine Fluse, ein Stück Kreide oder -- ok, das hier vielleicht nicht -- oder ein Schuh oder etwas Ähnliches? Etwas, das man völlig ignorieren kann. Wenn also die Amygdala angeregt wird und es sich um etwas Bedeutendes handelt, dann werden die Signale in das autonome Nervensystem weitergeleitet. Ihr Herz beginnt schneller zu schlagen. Sie beginnen zu schwitzen, um die Wärme abzuleiten, die Sie gleich erzeugen werden -- durch Muskelanspannung. Zum Glück, denn wir können zwei Elektroden in Ihren Handflächen anbringen und die Veränderung des Hautwiderstands durch die Transpiration messen. Wenn Sie etwas betrachten, kann ich also feststellen, ob Sie aufgeregt sind, oder ob sie erregt sind oder nicht. Und darauf komme ich gleich zurück. Meine Theorie war also folgende. Wenn sich dieser Kerl ein Objekt ansieht -- irgendein Objekt --, dann geht das Signal in die visuellen Areale und wird vom Gyrus fusiformis verarbeitet. Und Sie erkennen das Objekt als eine Erbsenpflanze, einen Tisch oder in diesem Fall als Ihre Mutter. Dann geht das Signal zur Amygdala und von dort weiter zum autonomen Nervensystem. Bei diesem Kerl aber ist die Verbindung von der Amygdala zum limbischen System -- dem emotionalen Kern des Hirns -- vielleicht durch einen Unfall unterbrochen worden. Da der Gyrus fusiformis noch intakt ist, erkennt er also nach wie vor seine Mutter und sagt: "Ja, sie sieht aus wie meine Mutter." Da aber die Verbindung zum emotionalen Zentrum unterbrochen ist, sagt er: "Aber warum spüre ich kein Gefühl von Wärme, wenn das hier meine Mutter sein soll?" Beziehungsweise ein Grauen. (Gelächter) Deshalb sagt er also: "Wie kann ich mir diese emotionale Kälte erklären? Das kann nicht meine Mutter sein. Das ist eine fremde Frau, die vorgibt, meine Mutter zu sein." Wie wir das testen? Wir nehmen einen von Ihnen hier und setzen ihn vor einen Bildschirm, messen seine elektrodermale Aktivität und zeigen ihm Bilder auf dem Monitor. Ich kann messen, wie Sie schwitzen, wenn Sie ein Objekt sehen, wie einen Tisch oder einen Regenschirm -- dann schwitzen Sie natürlich nicht. Wenn ich Ihnen aber ein Bild von einem Löwen, einem Tiger oder einem Pin-up-Mädchen zeige, fangen Sie an zu schwitzen. Und ob Sie es glauben oder nicht, wenn ich Ihnen ein Bild Ihrer Mutter zeige -- und wir reden hier von normalen Menschen --, beginnen Sie zu schwitzen. Sie müssen dafür nicht einmal jüdisch sein. (Gelächter) Was passiert nun, wenn man diesem Patienten -- wenn man diesem Patienten Bilder auf dem Monitor zeigt und dabei seine elektrodermale Aktivität misst? Tische und Stühle und Flusen -- nichts passiert, genauso wie bei normalen Menschen. Wenn ich ihm nun aber ein Bild seiner Mutter zeige, bleibt die elektrodermale Aktivität niedrig. Es gibt keine emotionale Reaktion auf seine Mutter, da die Verbindung von den visuellen Arealen zum emotionalen Zentrum unterbrochen ist. Sein Sehvermögen ist normal, da die visuellen Areale normal funktionieren. Seine Emotionen sind normal. Er lacht, er weint und so weiter. Aber die Verbindung der visuellen Wahrnehmung zur Emotion ist unterbrochen, wodurch er der Täuschung unterliegt, seine Mutter wäre eine Betrügerin. Das ist ein wundervolles Beispiel für unsere Arbeit. Man nimmt ein bizarres, scheinbar unfassbares neural-psychiatrisches Syndrom, stellt den üblichen Freudschen Standpunkt in Frage und antwortet stattdessen mit einer präzisen Erklärung anhand der bekannten neuralen Anatomie des Gehirns. Übrigens, wenn dieser Patient nun von seiner Mutter aus dem Nebenzimmer angerufen wird, dann nimmt er ab und sagt: "Wow, Mama, wie geht es dir? Wo bist du?" Über das Telefon gibt es diese Wahnvorstellung nicht. Dann besucht sie ihn nach einer Stunde und er wird sagen: "Wer sind Sie? Sie sehen aus wie meine Mutter." Das liegt daran, dass es eine separate Verbindung zwischen dem Hörzentrum im Gehirn und dem emotionalen Zentrum gibt, die vom Unfall nicht unterbrochen wurde. Das erklärt also, warum er seine Mutter über das Telefon problemlos erkennen kann. Wenn er sie aber sieht, hält er sie für eine Betrügerin. Wie kommt nun diese komplexe Schaltung im Hirn zustande? Ist es von Natur aus so, durch die Gene oder anerzogen? Wir versuchen diese Frage zu beantworten, indem wir uns ein weiteres sonderbares Syndrom ansehen -- Phantom-Gliedmaßen. Und Sie alle wissen, was Phantom-Gliedmaßen sind. Nach der Amputation eines Arms oder Beins aufgrund einer Gangrän oder wenn Sie ihn/es im Krieg verlieren, z.B. im Irakkrieg -- zurzeit ein großes Problem --, dann spüren Sie den fehlenden Arm weiterhin. Das wird als Phantom-Arm oder Phantom-Bein bezeichnet. In der Tat können Sie ein Phantom für nahezu jedes Körperteil bekommen. Sogar bei Eingeweiden, ob Sie es glauben oder nicht. Ich hatte Patientinnen, denen die Gebärmutter entfernt wurde -- Hysterektomie -- und die eine Phantom-Gebärmutter haben, einschließlich Phantom-Menstruationsbeschwerden zur entsprechenden Zeit im Monat. Und eine Studentin fragte mich sogar kürzlich, ob diese Patientinnen auch Phantom-PMS haben können. (Gelächter) Definitiv eine Frage, die weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen bedarf. Die nächste Frage ist nun, was wir experimentell über Phantom-Gliedmaßen lernen können. Was wir z.B. herausgefunden haben ist, dass etwa die Hälfte der Patienten mit Phantom-Gliedmaßen angeben, dass sie das Phantom-Körperglied bewegen können. Es klopft seinem Bruder auf die Schulter, es nimmt das Telefon ab, wenn es klingelt und winkt zum Abschied. Wir sprechen hier von überzeugenden, lebhaften Empfindungen. Dieser Patient hat keine Wahnvorstellung. Er weiß, dass sein Arm nicht da ist. Nichtsdestotrotz ist es für ihn ein überzeugendes, sensorisches Erlebnis. Bei der anderen Hälfte der Patienten trifft dies hingegen nicht zu. Sie sagen: "Herr Doktor, mein Phantom-Körperglied ist gelähmt. Es ist fest in einer zusammengepressten Verkrampfung und es schmerzt entsetzlich. Wenn ich es nur bewegen könnte. Vielleicht verschwindet dann auch der Schmerz." Wie kann aber ein Phantom-Körperglied gelähmt sein? Das klingt wie ein Widerspruch in sich. Bei Durchsicht der Krankenakten fanden wir aber heraus, dass bei Patienten mit einem gelähmten Phantom-Körperglied der echte Arm durch eine periphere Nervenverletzung gelähmt wurde. Der für den Arm zuständige Nerv wurde abgetrennt. Er wurde durchtrennt, z.B. durch einen Motorrad-Unfall. Dieser Patient hatte also tatsächlich einen Arm, der schmerzte, für Monate oder ein Jahr in einer Armschlinge. Dann, in einem fehlgeleiteten Versuch, den Schmerz im Arm zu eliminieren, hat der Chirurg den Arm amputiert. Und was bleibt ist ein Phantom-Arm mit denselben Schmerzen. Das ist ein ernstzunehmendes, klinisches Problem. Die Patienten werden depressiv. Manche von ihnen werden in den Selbstmord getrieben. Wie soll man dieses Syndrom also behandeln? Wieso bekommt man überhaupt einen gelähmten Phantom-Arm? Bei der Studie der Krankenakten fand ich heraus, dass sie alle einen echten Arm hatten, dessen versorgende Nerven durchtrennt worden waren, so dass der echte Arm gelähmt war und vor der Amputation monatelang in einer Armschlinge getragen wurde. Der Schmerz wird dann an das Phantom-Körperglied übertragen. Wieso passiert das? Solange der Arm intakt, aber gelähmt ist, sendet das Hirn Befehle zum Arm und sagt ihm: "Beweg dich!" Aber es bekommt visuell die Rückmeldung: "Nein!" Beweg dich! Nein! Beweg dich! Nein! Beweg dich! Nein! Und das wird im Schaltkreis des Gehirns fest verdrahtet. Wir bezeichnen dies als erlernte Lähmung. Das Gehirn lernt aufgrund der Hebbschen Lernregel, dass der bloße Befehl, den Arm zu bewegen, das Gefühl eines gelähmten Arms hervorruft. Wenn Sie nun den Arm amputieren, wird diese erlernte Lähmung in Ihr Körperbild und in Ihr Phantom-Körperglied übertragen. Wie hilft man nun diesen Patienten? Wie macht man die erlernte Lähmung rückgängig, um ihn von der entsetzlichen, zusammengepressten Verkrampfung seines Phantom-Arms zu erlösen? Nun ja, was würde passieren wenn man weiterhin Befehle zum Phantom-Körperglied senden würde, ihm aber eine visuelle Rückmeldung gibt, dass sein Befehl ausgeführt wird? Vielleicht kann man dadurch den Phantomschmerz, die Verkrampfung im Phantom-Körperglied lösen. Wie man das macht? Nun ja, mit virtueller Realität. Aber das kostet mehrere Millionen Dollar. Also habe ich einen Weg gefunden, genau das für drei Dollar zu machen. Aber sagen Sie das bitte nicht meinen Förderungseinrichtungen. (Gelächter) Sie benötigen einen so genannten Spiegelkasten. Sie nehmen einen Pappkarton mit einem Spiegel in der Mitte, in den man das Phantom-Körperflied steckt. Mein erster Patient war Derek. Sein Arm war vor zehn Jahren amputiert worden. Sein Arm wurde gewaltsam abgerissen. Die Nerven waren also durchtrennt. Der Arm war gelähmt, lag für ein Jahr in einer Armschlinge und wurde schließlich amputiert. Danach hatte er einen entsetzlich schmerzhaften Phantom-Arm, den er nicht bewegen konnte. Es war ein gelähmter Phantom-Arm. Er kam also zu mir und ich gab ihm solch einen Spiegel in einem Kasten, den ich Spiegelkasten nenne. Der Patient legt seinen linken Phantom-Arm, der zusammengepresst und verkrampft ist, auf die linke Seite des Spiegels und den gesunden Arm auf die rechte Seite. Dabei ahmt er dieselbe zusammengepresste Haltung des anderen Arms nach und sieht in den Spiegel. Und was nimmt er wahr? Er sieht wie sein Phantom-Arm wieder auflebt, da er im Spiegel die Reflektion seines gesunden Arms sieht. Und es sieht so aus, als wäre sein Phantom-Arm zu neuem Leben erweckt worden. "Nun", sagte ich, "wackeln Sie mit Ihrem Phantom-Arm -- Ihren gesunden Fingern oder bewegen Sie sie, während Sie in den Spiegel schauen." Dadurch bekommt er den visuellen Eindruck, dass sich sein Phantom-Arm bewegt. Das ist einleuchtend, aber das Erstaunliche ist, dass der Patient tatsächlich sagt: "Oh mein Gott, mein Phantom-Arm bewegt sich wieder und der Schmerz, die zusammenpressende Verkrampfung ist gelöst." Und denken Sie daran, mein erster Patient, der zu mir kam -- (Applaus) Danke. (Applaus) Mein erster Patient kam hinein, sah in den Spiegel und ich sagte zu ihm: "Schauen Sie sich die Spiegelung von Ihrem Phantom-Arm an." Und er begann zu kichern und sagte: "Ich kann meinen Phantom-Arm sehen." Aber er ist ja nicht dumm. Er weiß, dass er nicht real ist. Er weiß, dass es sich um eine Spiegelung handelt. Trotzdem hat er ein klares, sensorisches Erlebnis. Nun sagte ich: "Bewegen Sie Ihren gesunden und Ihren Phantom-Arm." Er sagte: "Ich kann meinen Phantom-Arm nicht bewegen. Das wissen Sie. Es schmerzt." Ich sagte: "Dann bewegen Sie Ihren gesunden Arm." Und er sagte: "Oh mein Gott, mein Phantom-Arm bewegt sich wieder. Ich kann es nicht glauben! Und meine Schmerzen sind verschwunden." Dann sagte ich: "Schließen Sie Ihre Augen." Er schloss seine Augen. "Bewegen Sie Ihren gesunden Arm." "Oh, nichts -- er ist wieder verkrampft." "OK, öffnen Sie Ihre Augen." "Oh mein Gott, oh mein Gott, er bewegt sich wieder." Er war wie ein Kind im Süßwarenladen. Das bestätigt also meine Theorie von der erlernten Lähmung und die entscheidende Rolle der visuellen Wahrnehmung. Aber ich werde keinen Nobelpreis dafür erhalten, dass jemand seinen Phantom-Arm wieder bewegen kann. (Gelächter) (Applaus) Es ist eine völlig nutzlose Fähigkeit, wenn Sie darüber nachdenken. (Gelächter) Aber dann wurde mir klar, dass es vielleicht bei anderen Arten von Lähmungen aus der Neurologie, wie bei Schlaganfällen oder fokalen Dystonien, eine erlernte Komponente geben könnte, die man mit einer ähnlichen Vorrichtung bewältigen könnte. Also sagte ich: "Schauen Sie, Derek." Nun ja, er kann nicht die ganze Zeit mit einem Spiegel herumlaufen, um seinen Schmerz zu lindern. Ich sagte ihm: "Derek, nehmen Sie den Kasten mit nach Hause und üben Sie damit für ein oder zwei Wochen." Vielleicht können Sie nach einer gewissen Zeit auf den Spiegel verzichten, die Lähmung verlernen, Ihren gelähmten Arm wieder bewegen und sich dann von den Schmerzen befreien." Er sagte zu und nahm den Kasten mit nach Hause. Ich sagte: "Schauen Sie, er kostet schließlich nur zwei Dollar. Nehmen Sie ihn mit." Also nahm er ihn mit nach Hause und nach zwei Wochen rief er mich an und sagte: "Sie werden es nicht glauben." Ich sagte: "Was?" Er sagte: "Er ist weg!" Ich fragte: "Was ist weg?" Ich dachte, der Spiegelkasten wäre verschwunden. (Gelächter) Er sagte: "Nein, nein. Mein Phantom-Arm, den ich 10 Jahre lang hatte. Er ist verschwunden." Und ich sagte -- ich machte mir Sorgen und sagte: "Mein Gott!" Ich meine, ich habe das Körperbild dieses Mannes verändert. Was ist mit menschlichen Versuchspersonen, der Ethik und alledem? Und ich sagte: "Derek, stört Sie das?" Er sagte: "Nein, die letzten drei Tage hatte ich keinen Phantom-Arm und daher auch keine Phantomschmerzen mehr im Ellenbogen, keine Verkrampfung, keinen Phantomschmerz im Unterarm. All meine Schmerzen sind verschwunden. Ich habe nur das Problem, dass ich jetzt meine Phantom-Finger von der Schulter baumeln habe, und dorthin reicht Ihr Kasten nicht." (Gelächter) "Können Sie ihn vielleicht umbauen, damit ich ihn an meine Stirn setzen kann und wenn ich so mache, meine Phantom-Finger loswerde?" Er hielt mich für eine Art Magier. Warum ist das passiert? Es liegt daran, dass das Hirn mit einem enormen sensorischen Konflikt konfrontiert wird. Es erhält visuelle Signale, dass das Phantom-Körperglied wieder da ist. Andererseits gibt es keine passende Rückmeldung. Die Muskeln melden, dass es keinen Arm gibt und Ihr motorischer Steuerbefehl sagt, dass es einen Arm gibt. Aufgrund dieses Konflikts sagt das Gehirn: "Zur Hölle damit. Es gibt keinen Phantom-Arm, es gibt keinen Arm." Es fällt in einen Zustand der Verweigerung -- verneint jedes Signal. Und mit dem Phantom-Arm verschwindet auch der Schmerz, da es keinen körperlosen Schmerz gibt, der frei durch den Raum schwirrt. Das ist das Gute daran. Diese Technik ist bereits an dutzenden Patienten erprobt worden -- von anderen Gruppen in Helsinki. Sie könnte sich also als wertvolle Behandlungsmethode bei Phantomschmerzen erweisen. In der Rehabilitation nach Schlaganfällen wurde sie auch bereits erprobt. Bei einem Schlaganfall denkt man meistens an beschädigte Fasern, wogegen man nichts unternehmen kann. Es hat sich aber herausgestellt, dass ein gewisser Teil dieser Lähmung ebenfalls erlernte Lähmung ist. Und vielleicht kann man diese Komponente mit Spiegeln bezwingen. Diese Techniken haben bereits klinische Tests durchlaufen und dabei sehr vielen Patienten geholfen. Gut, lassen Sie mich nun zum dritten Teil meines Vortrags kommen, in dem es um ein weiteres, sonderbares Phänomen namens Synästhesie geht. Synästhesie wurde im 19. Jahrhundert von Francis Galton entdeckt. Er war ein Cousin von Charles Darwin. Er stellte heraus, dass bestimmte Personen in der Bevölkerung, die ansonsten völlig normal sind, folgende Auffälligkeit haben. Jedes Mal, wenn sie eine Ziffer sehen, ist sie farbig. Fünf ist blau, sieben ist gelb, acht ist grüngelb, neun ist indigofarben. Bedenken Sie bitte, dass diese Personen ansonsten völlig normal sind. Oder Cis. Manchmal rufen Töne Farben hervor. Cis ist blau, Fis ist grün, ein anderer Ton könnte gelb sein. Wie kommt so etwas zustande? Man nennt das Synästhesie -- Galton nannte es Synästhesie, eine Vermischung der Sinne. Bei uns sind alle Sinne voneinander getrennt. Diese Personen werfen ihre Sinne durcheinander. Wieso passiert das? Einer der zwei Aspekte dieses Phänomens ist sehr verblüffend. Synästhesie liegt in der Familie. Galton sagte, dass es eine erbliche, eine genetische Grundlage gibt. Zweitens ist Synästhesie -- und das bringt mich zum Hauptthema dieses Vortrags, der Kreativität -- Synästhesie ist etwa achtmal häufiger bei Künstlern, Dichtern, Schriftstellern und anderen kreativen Leuten als in der Allgemeinbevölkerung. Wieso sollte das so sein? Ich werde diese Frage beantworten. Sie ist noch nie zuvor beantwortet worden. Also, was ist Synästhesie? Wodurch wird sie verursacht? Gut, es gibt viele Theorien dazu. Eine besagt, diese Personen seien einfach verrückt. Das ist nicht wirklich wissenschaftlich, also vergessen wir sie. Eine andere besagt, es handle sich um LSD-Junkies und Kiffer. Da mag etwas Wahres dran sein, denn es ist hier in der Bucht von San Francisco geläufiger als in San Diego. (Gelächter) Gut, die dritte Theorie besagt -- nun ja, fragen wir uns einmal was wirklich bei Synästhesie geschieht. Wir haben herausgefunden, dass die Areale für Farben und für Ziffern unmittelbar nebeneinander im Hirn liegen, im Gyrus fusiformis. Es kommt also zu einer versehentlichen Querverbindung zwischen Farben und Ziffern innerhalb des Gehirns. Jedes Mal wenn Sie also eine Ziffer sehen, sehen Sie eine entsprechende Farbe. Und das ist, warum Sie Synästhesie haben. Nun überlegen Sie -- wie kommt das zustande? Warum sollte es bei manchen Personen diese Querverbindungen geben? Erinnern Sie sich, dass ich sagte, es liege in der Familie? Das ist der Schlüssel. Und zwar gibt es ein anormales Gen, eine Mutation im Gen, die diese Querverbindungen verursacht. Es hat sich herausgestellt, dass bei uns allen bei der Geburt alle Bereiche im Hirn miteinander verknüpft sind. Jede Hirnregion ist also mit jeder anderen verbunden und mit der Zeit werden diese Querverbindungen reduziert -- -- der charakteristische, modulare Aufbau des adulten Gehirns. Wenn es also ein Gen gibt, das dafür verantwortlich ist und wenn dieses Gen mutiert, dann bleibt die Verbindung zwischen benachbarten Hirnregionen erhalten. Und wenn es zwischen Zahlen- und Farb-Arealen ist, führt das zur Zahl-Farb-Synästhesie. Wenn es zwischen Klang- und Farb-Arealen ist, zur Ton-Farb-Synästhesie. So weit, so gut. Was passiert nun, wenn dieses Gen überall im Hirn wirkt und es überall Querverbindungen gibt? Überlegen Sie einmal, was Künstler, Schriftsteller und Dichter gemeinsam haben -- die Fähigkeit in Metaphern zu denken, Begriffe, die scheinbar ohne Beziehung sind, miteinander zu verbinden, wie etwa: "Es ist der Osten und Julia ist die Sonne." Nun ja, das heißt nicht, dass Julia die Sonne ist. Heißt es, dass sie ein glühender Feierball ist? Ich meine, Schizophrene denken das, aber das ist ein anderes Thema. Normale Personen würden sagen, sie ist warm wie die Sonne, sie strahlt wie die Sonne, sie ist nährend wie die Sonne. Sie haben sofort die Bezüge hergestellt. Wenn Sie nun davon ausgehen, dass diese Querverbindungen und Konzepte in verschiedenen Bereichen des Hirns vorkommen, dann führt das zu einer höheren Neigung für metaphorisches Denken und Kreativität bei Synästhesisten. Daher auch die achtmal höhere Verbreitung von Synästhesie unter Dichtern, Künstlern und Schriftstellern. Das ist eine sehr phrenologische Betrachtung der Synästhesie. Ein letztes Beispiel -- habe ich noch eine Minute? (Applaus) Gut, ich werde Ihnen beweisen, dass Sie alle Synästhesisten sind, es aber nicht wahrhaben wollen. Das hier ist das marsianische Alphabet, genau wie unserer Alphabet. A ist A, B ist B, C ist C. Andere Symbole für andere Laute. Hier haben wir also das marsianische Alphabet. Eines dieser Symbole ist Kiki, das andere Bouba. Welches ist Kiki, welches ist Bouba? Wer von Ihnen denkt, das hier ist Kiki und das hier Bouba? Heben Sie bitte die Hand. Nun ja, es gibt ein oder zwei Mutanten. (Gelächter) Wer von Ihnen glaubt, das hier ist Bouba und das hier Kiki? Heben Sie bitte die Hand. 99 Prozent von Ihnen. Niemand von Ihnen ist Marsianer. Wie haben Sie das gemacht? Das liegt daran, dass Sie alle Querverbindungen herstellen -- eine synästhetische Abstraktion. Das heißt, Sie erkennen, dass der scharfe Tonfall Ki-ki in Ihrem auditiven Kortex -- wobei die Haarzellen gereizt werden -- Ki-ki, der visuellen Gestalt -- scharfe Kanten -- dieser zackigen Form gleicht. Das ist sehr wichtig. Denn was es uns sagt ist, dass unser Hirn eine primitive -- es kommt einem wie eine dumme Täuschung vor, aber die Photonen erzeugen diese Form in Ihrem Auge, und die Haarzellen in Ihrem Ohr regen das auditorische Muster an. Aber das Hirn ist in der Lage, den gemeinsamen Nenner herauszuziehen. Das ist eine primitive Form der Abstraktion und mittlerweile wissen wir, dass sie im Gyrus fusiformis des Hirns stattfindet. Wenn dieser nämlich beschädigt wird, verlieren diese Personen die Fähigkeit, sich auf Bouba-Kiki einzulassen. Sie verlieren außerdem das Verständnis für Metaphern. Wenn sie so jemanden fragen, was "Es ist nicht alles Gold, was glänzt." bedeutet, wird der Patient sagen: "Nun, nur weil es metallisch ist und glänzt, heißt das nicht, dass es Gold ist. Man müsste seine spezifische Dichte messen." Sie haben die metaphorische Bedeutung also überhaupt nicht verstanden. Dieser Bereich ist nun etwa achtmal größer bei höheren Primaten -- insbesondere bei Menschen -- als bei niederen Primaten. Etwas sehr Interessantes passiert hier im Gyrus angularis, da er die Verbindung zwischen Hören, Sehen und Fühlen ist. Und beim Menschen ist er besonders ausgeprägt -- etwas sehr Interessantes passiert hier. Ich glaube, dass er die Grundlage vieler den Menschen vorbehaltenen Fähigkeiten ist, wie Abstraktion, metaphorisches Denken und Kreativität. All diese Fragen, die sich Philosophen über Jahrtausende gestellt haben, können wir Wissenschaftler durch Hirntomografie sowie durch die Analyse von Patienten und die richtigen Fragen zu erforschen beginnen. Vielen Dank. (Applaus) Das tut mir leid. (Gelächter)