Scott McCloud über Comics
-
0:00 - 0:01Von unseren fünf Sinnen schätze ich
-
0:01 - 0:04das Sehen am meisten und
-
0:04 - 0:07nehme es am wenigsten als selbstverständlich hin.
-
0:07 - 0:10Ich denke, das liegt zum Teil an meinem Vater, der blind war.
-
0:11 - 0:13Es war eine Tatsache, um die er nie viel Aufheben machte.
-
0:13 - 0:14Das eine Mal in Nova Scotia
-
0:14 - 0:16gingen wir uns eine totale Sonnenfinsternis ansehen --
-
0:17 - 0:19ja, genau wie in dem Carly Simon Song
-
0:19 - 0:21der vielleicht oder vielleicht auch nicht von
-
0:21 - 0:24James Taylor, Warren Beatty oder Mick Jagger handelt, wir wissen es nicht.
-
0:24 - 0:27Sie gaben dort diese dunklen Brillen aus Plastik,
-
0:27 - 0:29mit denen wir direkt in die Sonne schauen konnten,
-
0:29 - 0:30ohne unseren Augen zu schaden.
-
0:31 - 0:32Aber Dad erschrak unheimlich und
-
0:32 - 0:33er wollte nicht, dass wir das tun.
-
0:34 - 0:37Er wollte, dass wir stattdessen billige Sichtschutze aus Pappe benutzen
-
0:37 - 0:40damit unsere Augen auf keinen Fall verletzt werden konnten.
-
0:41 - 0:42Damals fand ich das sehr eigenartig.
-
0:43 - 0:44Was ich da noch nicht wusste:
-
0:44 - 0:46Mein Vater war mit perfektem Sehvermögen geboren worden.
-
0:47 - 0:49Als er und seine Schwester Martha noch sehr klein waren,
-
0:49 - 0:52nahm ihre Mutter sie zu einer totalen Finsternis mit --
-
0:52 - 0:53also natürlich eine totale Sonnenfinsternis --
-
0:53 - 0:54und nicht lange danach
-
0:54 - 0:57begannen beide ihr Augenlicht zu verlieren.
-
0:58 - 0:59Jahrzehnte später zeigt sich,
-
0:59 - 1:01dass die Quelle ihrer Blindheit
-
1:01 - 1:04wahrscheinlich eine bakterielle Infektion war.
-
1:04 - 1:05Soweit wir es sagen können hatte
-
1:05 - 1:09es überhaupt nichts mit der Sonnenfinsternis zu tun
-
1:09 - 1:11aber leider war meine Großmutter da schon gestorben,
-
1:11 - 1:12und dachte es wäre ihr Fehler.
-
1:14 - 1:17Also, Dad erhielt seinen Abschluss in Harvard 1946,
-
1:17 - 1:18heiratete meine Mutter und
-
1:18 - 1:21kaufte ein kleines Haus in Lexington, Massachusetts,
-
1:21 - 1:25wo 1775 die ersten Schüsse gegen die Briten gefallen waren,
-
1:25 - 1:27obwohl wir sie bis Concord nicht wirklich trafen.
-
1:27 - 1:29Er bekam einen Job bei Raytheon,
-
1:29 - 1:31wo er Lenkungssysteme entwarf.
-
1:31 - 1:34Raytheon war zu jener Zeit Teil der Route 128 High-Tech-Achse --
-
1:34 - 1:37also das Äquivalent zum Silicone Valley in den 1970ern.
-
1:37 - 1:40Dad war kein wirklich militärischer Typ,
-
1:40 - 1:43er fühlte sich nur schlecht, weil er im Zweiten Weltkrieg
-
1:43 - 1:44wegen seines Handicaps nicht kämpfen konnte.
-
1:44 - 1:46Sie ließen ihn aber dennoch die sieben Stunden lange
-
1:46 - 1:50medizinische Prüfung ablegen,
-
1:50 - 1:51bevor sie zum allerletzten Test kamen,
-
1:51 - 1:52bei dem es ums Sehen ging.
-
1:52 - 1:56(Lachen)
-
1:56 - 1:59Dad begann also all diese Patente anzuhäufen
-
1:59 - 2:02und erwarb sich einen Ruf als das blinde Genie, Raketenwissenschaftler, Erfinder.
-
2:02 - 2:03Aber für uns war er einfach Dad
-
2:03 - 2:07und zu Hause war alles ziemlich normal.
-
2:07 - 2:09Als Kind sah ich sehr viel Fernsehen
-
2:09 - 2:11und hatte viele andere nerdige Hobbies
-
2:11 - 2:14wie Mineralogie, Mikrobiologie und das Weltraumprogramm
-
2:14 - 2:15und ein bisschen Politik.
-
2:15 - 2:17Ich spielte viel Schach.
-
2:17 - 2:18Aber im Alter von 14 Jahren
-
2:18 - 2:19machte mich ein Freund auf Comicbücher aufmerksam
-
2:19 - 2:22und ich entschied, dass ich das beruflich machen wollte.
-
2:23 - 2:24Da ist also mein Vater,
-
2:24 - 2:29Er ist Wissenschaftler, Ingenieur und arbeitet fürs Militär.
-
2:30 - 2:33Und er hat vier Kinder, richtig?
-
2:33 - 2:34Eines davon wird Informatiker,
-
2:34 - 2:36eines tritt der U.S. Navy bei,
-
2:37 - 2:38eines wird ein Ingenieur und
-
2:39 - 2:40dann gibt's da noch mich:
-
2:41 - 2:43den Comiczeichner.
-
2:43 - 2:46(Lachen)
-
2:46 - 2:47Was mich übrigens zum Gegenteil von Dean Kamen macht,
-
2:47 - 2:49denn ich bin Comiczeichner und Sohn eines Erfinders
-
2:49 - 2:51und er ist Erfinder und Sohn eines Comiczeichners.
-
2:52 - 2:53(Lachen)
-
2:53 - 2:55Wirklich, das stimmt.
-
2:55 - 2:58(Applaus)
-
2:58 - 3:00Das Interessante ist, Dad hat immer an mich geglaubt.
-
3:00 - 3:03Er glaubte an meine Fähigkeit als Karikaturist
-
3:03 - 3:06obwohl er keinen direkten Beweis hatte, dass ich darin gut bin.
-
3:06 - 3:08Alles, was er sah, war nur ein verschwommener Fleck.
-
3:08 - 3:10Da bekommt der Begriff "blindes Vertrauen" eine ganz neue Bedeutung,
-
3:10 - 3:14darum hat es für mich nicht denselben negativen Beiklang, den es für andere Leute haben mag.
-
3:15 - 3:18Also, Vertrauen in Dinge, die nicht sichtbar sind, die man nicht beweisen kann,
-
3:18 - 3:22war nie die Art Vertrauen, der ich viel abgewinnen konnte.
-
3:22 - 3:23Ich mochte immer Wissenschaft,
-
3:23 - 3:25wo das, was wir sehen
-
3:25 - 3:28und erforschen können, die Grundlage unseres Wissens bildet.
-
3:29 - 3:31Aber es gibt auch eine Grauzone dazwischen.
-
3:31 - 3:34Eine Grauzone, wie sie Charles Babbage betreten hat
-
3:34 - 3:38mit seinem Dampf-getriebenen Rechnern, die nie gebaut wurden.
-
3:38 - 3:40Niemand hat wirklich verstanden, was er im Kopf hatte
-
3:40 - 3:43- außer Ada Lovelace -
-
3:44 - 3:47und er nahm seinen Traum mit bis ins Grab.
-
3:47 - 3:49Vannevar Bush mit seinem Memex --
-
3:49 - 3:52die Idee, das gesamte Wissen der Menschheit verfügbar zu machen --
-
3:52 - 3:54er hatte diese Vision.
-
3:54 - 3:55Und ich glaube, die Leute seiner Zeit
-
3:55 - 3:57hielten ihn bestimmt für ziemlich durchgeknallt.
-
3:57 - 3:59Und, naja, wir können heute zurückblicken und sagen:
-
3:59 - 4:03Natürlich, ha ha, ist ja alles Mikrofilm. Aber das ist
-
4:03 - 4:06nicht der Punkt. Er verstand die Form der Zukunft.
-
4:06 - 4:10Genau wie J.C.R. Liklider und seine Vorstellung von Computer-Mensch-Interaktion.
-
4:10 - 4:13Dasselbe: Er verstand die Form der Zukunft
-
4:13 - 4:16auch wenn es Dinge waren, die erst
-
4:16 - 4:19viel später von Menschen durchgeführt wurden.
-
4:19 - 4:22Oder Paul Barron und seine Vision für Packet Switching.
-
4:22 - 4:24Kaum jemand hörte ihm seiner Zeit zu.
-
4:25 - 4:27Oder sogar Menschen, die es tatsächlich vollbracht haben,
-
4:27 - 4:30die Leute bei Bolt, Beranek und Newman in Boston,
-
4:30 - 4:32die einfach nur die Strukturen aufzeichneten von etwas,
-
4:32 - 4:35das letztendlich ein weltweites Netzwerk werden würde,
-
4:35 - 4:39sie zeichneten Dinge auf Servietten und Notizzettel
-
4:39 - 4:41und stritten sich während des Essens bei Howard Johnson's
-
4:41 - 4:43auf der Route 128 in Lexington, Massachusetts,
-
4:43 - 4:46nur zwei Meilen von dem Ort, an dem ich das Damengambit lernte,
-
4:46 - 4:48Gladys Knight & the Pips hörte und
-
4:48 - 4:50"Midnight Train to Georgia" sang, während --
-
4:50 - 4:51(Lachen)
-
4:51 - 4:54-- in Dads bequemem Sessel, verstehen Sie?
-
4:54 - 4:56Das sind also drei Arten von Sehen, nicht wahr?
-
4:56 - 4:59Sehen, was man nicht sehen kann:
-
4:59 - 5:02Das Sehen des Unsichtbaren und Unfassbaren.
-
5:02 - 5:05Das Sehen dessen, was schon bewiesen und erforscht wurde.
-
5:05 - 5:07Und diese dritte Sorte
-
5:08 - 5:10von Sehen, die Vision von etwas,
-
5:10 - 5:11das möglicherweise auf Wissen basiert,
-
5:12 - 5:15aber bislang unbewiesen ist.
-
5:15 - 5:20Nun, wir haben viele Beispiele von Menschen gesehen, die diese Art Vision in der Wissenschaft verfolgt haben,
-
5:20 - 5:22aber ich denke, das gilt auch für die Kunst, es gilt für Politik,
-
5:22 - 5:25es gilt sogar für persönliche Bemühungen.
-
5:25 - 5:27Es läuft tatsächlich auf vier grundlegende Prinzipien hinaus:
-
5:27 - 5:29Lerne von jedem,
-
5:29 - 5:31folge niemandem,
-
5:31 - 5:33suche nach Mustern
-
5:33 - 5:34und arbeite bis zum Umfallen.
-
5:34 - 5:37Ich denke, das sind die vier grundlegenden Prinzipien.
-
5:37 - 5:39Und besonders das Dritte,
-
5:39 - 5:41durch welches sich Visionen für die Zukunft
-
5:41 - 5:43manifestieren können.
-
5:43 - 5:45Was ich interessant finde ist, dass diese spezielle Sicht auf die Welt
-
5:46 - 5:48nur eine von vier möglichen Sichtweisen ist,
-
5:48 - 5:50die sich in verschiedene Bestrebung herauskristallisieren.
-
5:50 - 5:52In Comics weiß ich, dass
-
5:52 - 5:55es zu einer formalistischen Auffassung führt,
-
5:55 - 5:57wenn man versucht zu verstehen, wie sie funktionieren.
-
5:57 - 6:00Dann gibt es eine andere eher klassische Haltung,
-
6:00 - 6:02welche die Schönheit und das Handwerk umfasst.
-
6:02 - 6:06Eine weitere Haltung bezieht sich auf die pure Transparenz von Inhalten.
-
6:06 - 6:08Und eine andere
-
6:08 - 6:10betont die Authenzität der menschlichen Erfahrung --
-
6:10 - 6:12und Wahrheit und den Rohzustand.
-
6:12 - 6:14Dies sind vier wirklich sehr unterschiedliche Arten, die Welt zu sehen. Ich habe sie benannt:
-
6:14 - 6:18Die klassizistische, die animistische, die formalistische und die ikonoklastische.
-
6:18 - 6:19Interessanterweise scheint das mehr oder weniger mit den vier
-
6:19 - 6:22Subkategorien für menschliches Denken nach Jung zu korrespondieren.
-
6:24 - 6:26Und sie reflektieren eine Dichotomie von Kunst und Vergnügen
-
6:26 - 6:28auf der linken und rechten Seite;
-
6:28 - 6:30Tradition und Revolution an der Spitze und am Boden.
-
6:30 - 6:32Und wenn sie es diagonal sehen, bekommen sie Inhalt und Form --
-
6:32 - 6:34und dann Schönheit und Wahrheit.
-
6:34 - 6:35Und es passt wahrscheinlich genau so
-
6:35 - 6:38auf Musik und Film und Kunst,
-
6:38 - 6:41was aber im Grunde gar nichts mit dem Sehen zu tun hat
-
6:41 - 6:44oder besser gesagt, nichts mit dem Thema der Konferenz
-
6:44 - 6:45"Von der Natur inspiriert" --
-
6:45 - 6:48außer vielleicht bezogen auf die Fabel des Frosches,
-
6:48 - 6:51der den Skorpion über den Fluss zu tragen verspricht,
-
6:51 - 6:53weil dieser verspricht, ihn nicht zu stechen.
-
6:53 - 6:55Aber dann sticht ihn der Skorpion trotzdem und beide sterben,
-
6:55 - 6:58aber vorher fragt ihn der Frosch, warum er das getan hat, und der Skorpion sagt:
-
6:58 - 6:59"Weil es meine Natur ist" --
-
6:59 - 7:01in diesem Sinne passt es.
-
7:01 - 7:03(Lachen)
-
7:03 - 7:04Also --
-
7:05 - 7:08das war also meine Natur. Und die Sache war, ich erkannte es
-
7:08 - 7:10als diesen Weg, den ich nahm, um den
-
7:10 - 7:13Fokus in meiner Arbeit zu entdecken
-
7:13 - 7:15und wer ich war,
-
7:15 - 7:17ich sah es nur als diese Straße zur Erkenntnis.
-
7:17 - 7:19Tatsächlich war es nur ich, wie ich meine Natur akzeptierte
-
7:19 - 7:21und das bedeutet,
-
7:21 - 7:24dass ich dann doch nicht so weit vom Stamm gefallen bin.
-
7:26 - 7:28Also, was machte ein wissenschaftlicher Geist
-
7:28 - 7:30in der Kunst?
-
7:31 - 7:32Naja, ich begann Comics zu machen,
-
7:32 - 7:34aber ich begann auch, sie verstehen zu lernen, beinahe zeitgleich.
-
7:34 - 7:37Und eines der wichtigsten Dinge über Comics, die ich entdeckte, war,
-
7:37 - 7:39dass Comics ein visuelles Medium sind,
-
7:39 - 7:43aber sie versuchen, darin alle Sinne zu umfassen.
-
7:43 - 7:47Die verschiedenen Elemente von Comics, wie Bilder und Worte
-
7:47 - 7:50und die verschiedenen Symbole und alles dazwischen,
-
7:50 - 7:51wofür Comics stehen,
-
7:51 - 7:53werden alle durch den einen Kanal des Sehen geschleust.
-
7:53 - 7:55Es gibt also Dinge wie Ähnlichkeit,
-
7:55 - 7:58wo etwas, das der physischen Welt ähnelt, in verschiedene Richtungen
-
7:58 - 8:00abstrahiert werden kann,
-
8:00 - 8:02abstrahiert von der Ähnlichkeit,
-
8:02 - 8:04aber dennoch seine komplette Bedeutung behaltend,
-
8:04 - 8:08oder wegabstrahiert sowohl von Ähnlichkeit als auch Bedeutung hin zur Bildebene.
-
8:08 - 8:10Wenn man diese drei Dinge zusammenpackt, gibt das eine nette kleine Karte
-
8:10 - 8:13der gesamten Begrenzung von visueller Ikonographie,
-
8:13 - 8:15welche von Comics umfasst werden können.
-
8:15 - 8:18Und wenn man nach rechts geht, bekommt man auch Sprache,
-
8:18 - 8:21denn diese ist noch weiter von der Ähnlichkeit wegabstrahiert,
-
8:21 - 8:23während die Bedeutung erhalten bleibt.
-
8:24 - 8:26Das Sehvermögen wird gefordert, um Ton zu repräsentieren
-
8:26 - 8:29und um sowohl ihre gemeinsamen Eigenschaften zu verstehen,
-
8:29 - 8:31als auch ihr gemeinsames Erbe.
-
8:31 - 8:34Es wird auch versucht, die Struktur von Ton darzustellen;
-
8:34 - 8:38das Einfangen seines essenziellen Wesens durch das Visuelle.
-
8:39 - 8:41Und es gibt auch eine Balance
-
8:41 - 8:43zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren in Comics.
-
8:44 - 8:46Comics sind eine Art von Ruf und Antwort,
-
8:46 - 8:47denn der Künstler gibt ihnen
-
8:47 - 8:48etwas Sichbares innerhalb des Feldes und
-
8:48 - 8:52dann Raum für ihre Vorstellungskraft zwischen den Feldern.
-
8:53 - 8:55Außerdem gibt es noch einen Sinn,
-
8:55 - 8:58den Comics über das Sehen repräsentieren, und das ist Zeit.
-
8:59 - 9:02Reihenfolge ist ein sehr wichtiger Aspekt von Comics.
-
9:03 - 9:05Comics zeigen eine Art von temporaler Karte.
-
9:06 - 9:09Und diese temporale Karte war etwas, das moderne Comics angetrieben hat,
-
9:09 - 9:12aber ich fragte mich, ob das möglicherweise
-
9:12 - 9:14auch für andere Formen galt
-
9:14 - 9:15und ich habe ein paar in der Geschichte gefunden.
-
9:16 - 9:19Und sie können sehen, das dasselbe Prinzip auch
-
9:19 - 9:22in diesen alten Versionen derselben Idee funktioniert.
-
9:22 - 9:24Was dort passiert ist, dass die Kunstform mit
-
9:24 - 9:25der gegebenen Technologie kollidiert,
-
9:25 - 9:29egal ob das nun Farbe auf Stein ist, wie im Grab des Schreibers im alten Ägypten,
-
9:29 - 9:31eine Flachreliefskulptur an einer Steinsäule,
-
9:32 - 9:34eine 200 Fuß lange Stickarbeit oder
-
9:34 - 9:36bemaltes Hirschleder und Baumrinde
-
9:36 - 9:39über 88 Akkordeon-gefaltete Seiten.
-
9:39 - 9:41Was interessant ist, sobald man es ausdruckt --
-
9:41 - 9:43und - nebenbei bemerkt - das ist ist von 1450 --
-
9:43 - 9:45zeigen sich all die Artefakte von modernen Comics:
-
9:45 - 9:47Rechteckiges Feldarrangement
-
9:47 - 9:49einfache Strichzeichnungen ohne Schattierung
-
9:49 - 9:52und eine Lesesequenz von links nach rechts.
-
9:53 - 9:54Und innerhalb von 100 Jahren
-
9:54 - 9:57kann man schon Sprechblasen und Untertitel sehen
-
9:58 - 10:00und es ist eigentlich nur ein kleiner Sprung von hier nach da.
-
10:01 - 10:03Darüber habe ich 1993 ein Buch geschrieben,
-
10:03 - 10:05aber als ich das Buch beendete,
-
10:05 - 10:06musste ich ein wenig Schrift setzen
-
10:06 - 10:08und ich war es leid, dafür zu meinem Copy Shop gehen zu müssen,
-
10:08 - 10:10also kaufte ich einen Computer.
-
10:11 - 10:14Und es war so ein kleines Ding -- es konnte nichts außer Textverarbeitung --
-
10:14 - 10:17aber mein Vater erzählt mir über Moores Gesetz
-
10:17 - 10:20in den 1970ern und ich wusste, was kommen würde.
-
10:21 - 10:23Und darum hielt ich meine Augen offen
-
10:23 - 10:25um zu sehen, ob die Veränderungen, die geschehen waren
-
10:25 - 10:28als wir von Prä-Buchdruck-Comics zu gedruckten übergingen
-
10:28 - 10:31auch geschehen würden, wenn wir darüber hinausgehen, zu Post-Buchdruck-Comics.
-
10:31 - 10:33Eines der ersten Dinge, die vorgeschlagen wurden, war,
-
10:33 - 10:35das Visuelle von Comics mit Ton,
-
10:35 - 10:37Bewegung und Interaktivität der CD-ROMs zu vermischen,
-
10:37 - 10:39die zu dieser Zeit verbreitet waren.
-
10:39 - 10:41Das war noch vor dem Netz.
-
10:41 - 10:42Und als eines der ersten Dinge hat man versucht,
-
10:42 - 10:44die Comicseite eins zu eins zu übernehmen
-
10:44 - 10:45und auf den Monitor zu transplantieren,
-
10:45 - 10:47was sich als klassischer McLuhan-Fehler erwies,
-
10:48 - 10:51weil man die Form der vorhergehenden Technologie
-
10:51 - 10:53als Inhalt für die neue Technologie anpassen wollte.
-
10:53 - 10:54Was sie also taten, war folgendes:
-
10:54 - 10:56Sie hatten die Comicseiten, die den gedruckten Seiten ähnelten
-
10:56 - 10:59und sie fügten Geräusche und Bewegung hinzu.
-
11:00 - 11:02Das Problem mit dieser Idee ist --
-
11:02 - 11:05die Grundidee, dass in Comics Raum der Zeit entspricht --
-
11:05 - 11:07was also passiert, wenn man sie mit Ton und Bewegung verbindet,
-
11:07 - 11:11die beide zeitliche Phänomene sind, die nur in der Zeit repräsentierbar sind,
-
11:11 - 11:16dann bricht man damit die Kontinuität der Präsentation.
-
11:17 - 11:18Interaktivität war auch so eine Sache.
-
11:18 - 11:19Es gab Hypertext-Comics.
-
11:19 - 11:20Aber die Sache bei Hypertext ist,
-
11:20 - 11:23dass alles entweder hier, nicht hier oder mit hier verbunden ist;
-
11:23 - 11:25es ist zutiefst unräumlich.
-
11:25 - 11:28Der Abstand von Abraham Lincoln zu einem Lincoln Penny,
-
11:28 - 11:30von Penny Marshall zum Marshallplan und
-
11:30 - 11:31und von "Plan 9" zu den neun Leben:
-
11:31 - 11:33das ist alles dasselbe.
-
11:33 - 11:34(Lachen)
-
11:34 - 11:36Und -- aber in Comics, in Comics hat
-
11:37 - 11:39jeder Aspekt der Arbeit, jedes Element
-
11:40 - 11:43immer eine räumliche Beziehung zu jedem anderen Element.
-
11:43 - 11:44Die Frage war also:
-
11:44 - 11:47gibt es eine Möglichkeit, diese räumliche Beziehung zu erhalten,
-
11:47 - 11:49während man trotzdem die Vorteile nutzen kann,
-
11:49 - 11:51die das Digitale uns bietet?
-
11:51 - 11:53Und ich habe meine persönliche Antwort darauf
-
11:53 - 11:55in den antiken Comics gefunden, die ich gezeigt habe.
-
11:56 - 11:59Jedes von ihnen hat eine einzige, ununterbrochene Leselinie,
-
11:59 - 12:01ob sie nun im Zick-Zick über die Wand geht
-
12:01 - 12:03oder in einer Spirale oder als Spalte
-
12:03 - 12:06oder einfach gerade nach links und recht oder im umgekehrten Zick-Zack
-
12:06 - 12:08über diese 88 ziehharmonikaförmigen Seiten.
-
12:08 - 12:10Es passiert die gleiche Sache und es ist die Grundidee
-
12:11 - 12:13dass man sich sowohl durch Raum als auch durch die Zeit bewegt und
-
12:13 - 12:15sie wird ohne Kompromiss angewendet.
-
12:15 - 12:18Aber es gab Kompromisse, als der Buchdruck begann.
-
12:18 - 12:21Benachbarte Räume waren nicht mehr benachbarte Momente,
-
12:21 - 12:24die Grundidee von Comics wurde also wieder und wieder
-
12:24 - 12:25und wieder gebrochen.
-
12:25 - 12:26Und ich dachte, OK, also
-
12:26 - 12:28wenn das stimmt, gibt es einen Weg
-
12:29 - 12:31wenn wir über den Buchdruck von heute hinausgehen
-
12:31 - 12:33das wieder zurückzubringen.
-
12:34 - 12:36Nun, der Monitor
-
12:37 - 12:39ist technisch genauso begrenzt wie eine Seite, nicht wahr?
-
12:39 - 12:41Es ist eine andere Form, aber davon abgesehen
-
12:41 - 12:43ist es dieselbe Einschränkung.
-
12:43 - 12:46Das gilt jedoch nur, wenn man den Bildschirm als Seite betrachtet,
-
12:47 - 12:49aber nicht, wenn man ihn als Fenster betrachtet.
-
12:50 - 12:52Und das war, was ich vorschlug: wir könnten vielleicht Comics machen
-
12:52 - 12:53auf einer unendlichen Leinwand:
-
12:54 - 12:58an der X- und an der Y-Achse und in Treppenform.
-
12:59 - 13:01Wir könnten kreisförmige Erzählungen haben, die tatsächlich rund sind.
-
13:01 - 13:04eine Wendung in einer Geschichte, die eine echte Drehung ist.
-
13:05 - 13:07Parallele Erzählung könnten parallel dargestellt werden.
-
13:09 - 13:11X, Y und auch Z.
-
13:12 - 13:14Ich hatte also all die Vorstellungen. Das war in den späten 90ern.
-
13:14 - 13:17Und andere Leute in meiner Branche dachten, ich sei ziemlich verrückt,
-
13:18 - 13:20aber viele Leute gingen hin und setzten es in die Tat um.
-
13:20 - 13:22Ich werde Ihnen jetzt ein paar zeigen.
-
13:23 - 13:26Dies ist ein früher Kollagencomic von einem Typen, der Jason Lex heißt.
-
13:30 - 13:32Schauen Sie, was hier geschieht.
-
13:32 - 13:34Was ich suche, ist eine dauerhafte Variante --
-
13:34 - 13:36danach suchen wir alle.
-
13:36 - 13:38Während Medien in diese neue Ära gehen,
-
13:38 - 13:41suchen wir nach Varianten,
-
13:41 - 13:45die langlebig sind, die eine Art bleibende Kraft haben.
-
13:45 - 13:49Nun, wir nehmen diese Grundidee, Comics in visuellen Medien zu präsentieren
-
13:49 - 13:52und dann gehen wir es von vorne nach hinten durch.
-
13:52 - 13:54Das ist der gesamte Comic, den sie gerade sahen,
-
13:54 - 13:56oben auf dem Bildschirm.
-
13:56 - 13:59Aber obwohl wir es nur in Einzelteilen wahrnehmen
-
13:59 - 14:01ist das ja nur, wo die Technologie derzeit ist.
-
14:01 - 14:03Wenn sie sich weiterentwickelt,
-
14:03 - 14:06wenn es also komplett immersive Anzeigen gibt oder was auch immer,
-
14:06 - 14:08dann wird so etwas weiter wachsen.
-
14:08 - 14:10Es wird sich anpassen, es wird...
-
14:10 - 14:12Es wird sich an seine Umgebung anpassen:
-
14:12 - 14:14es ist ein langlebige Abwandlung.
-
14:15 - 14:17Lassen Sie mich Ihnen dieses zeigen. Es ist von Drew Weing:
-
14:17 - 14:18es heißt
-
14:18 - 14:20"Pop denkt über den Hitzetot des Universums nach."
-
14:46 - 14:47Schauen Sie, was hier geschieht,
-
14:48 - 14:51wenn wir die Geschichten auf die unendliche Leinwand zeichnen,
-
14:53 - 14:56man bekommt einen reineren Ausdruck,
-
14:57 - 14:59worum bei diesem Medium geht.
-
15:04 - 15:06Wir werden etwas schneller darüber gehen -- aber die Grundidee ist klar.
-
15:06 - 15:08Ich möchte nur zu diesem letzten Feld.
-
15:14 - 15:17(Lachen)
-
15:17 - 15:18Da sind wir.
-
15:20 - 15:22(Lachen)
-
15:25 - 15:28(Lachen)
-
15:31 - 15:32Einen habe ich noch.
-
15:34 - 15:36Wo wir über die unendliche Leinwand sprechen.
-
15:37 - 15:39Das ist von Daniel Merlin Goodbrey in Großbritannien.
-
15:40 - 15:42Warum ist das wichtig?
-
15:43 - 15:45Ich denke, es ist wichtig, weil Medien,
-
15:46 - 15:47alle Medien,
-
15:48 - 15:51uns ein Fenster zurück in unsere Welt geben.
-
15:51 - 15:53Es könnte passieren, dass Spielfilme --
-
15:53 - 15:56und eines Tages vielleicht virtuelle Realität oder etwas Vergleichbares --
-
15:56 - 15:58eine Art von immersivem Display,
-
15:58 - 16:03uns der effektivsten Möglichkeit versorgen, dieser Welt zu entfliehen, in der wir leben.
-
16:03 - 16:06Denn der Grund, warum Menschen an Geschichten interessiert sind, ist diese Fluchtmöglichkeit.
-
16:06 - 16:09Aber Medien geben uns eben dieses Fenster
-
16:09 - 16:12zurück in die Welt, in der wir leben.
-
16:13 - 16:15Und wenn sich Medien entwickeln,
-
16:16 - 16:21dann so, dass die Identität dieser Medien einzigartig wird.
-
16:21 - 16:24Denn was Sie gerade sehen, das sind Comics zum Quadrat,
-
16:24 - 16:27Sie sehen Comics, die comicartiger sind als jemals zuvor.
-
16:28 - 16:31Wenn das geschieht, dann bietet es den Menschen multiple Wege,
-
16:31 - 16:34durch verschiedene Fenster in diese Welt zurückzukehren und
-
16:35 - 16:38wenn sie das tun, dann können sie die Welt in der sie Leben triangulieren
-
16:38 - 16:40und ihre Form erkennen.
-
16:40 - 16:42Und das ist der Grund, warum ich das für wichtig halte.
-
16:42 - 16:44Einer von vielen Gründen, aber ich muss jetzt gehen.
-
16:44 - 16:45Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
- Title:
- Scott McCloud über Comics
- Speaker:
- Scott McCloud
- Description:
-
In diesem einmaligen Einblick in die Magie von Comics verbiegt Scott McCloud das Präsentationsformat zu einem Cartoon-ähnlichen Erlebnis, in welchem farbenfrohe Umleitungen durch Kindheitsfantasien und ausgedachte Zukunft schwirren, die wir hören und berühren können.
- Video Language:
- English
- Team:
closed TED
- Project:
- TEDTalks
- Duration:
- 16:45