< Return to Video

Was wir vor unserer Geburt lernen

  • 0:00 - 0:03
    Mein Thema heute heißt Lernen
  • 0:03 - 0:06
    Und dazu möchte ich gern hier und jetzt einen kleinen Test mit Ihnen machen.
  • 0:06 - 0:08
    Sind Sie bereit?
  • 0:08 - 0:11
    Wann beginnt Lernen?
  • 0:11 - 0:13
    Jetzt beginnen Sie zu überlegen:
  • 0:13 - 0:15
    Vielleicht denken Sie an den ersten Vorschultag,
  • 0:15 - 0:17
    oder an den Kindergarten;
  • 0:17 - 0:20
    an den ersten Schultag im Klassenzimmer mit dem Lehrer.
  • 0:20 - 0:23
    Oder Ihnen fällt dazu das Krabbelalter ein,
  • 0:23 - 0:26
    wenn Kinder laufen und sprechen lernen,
  • 0:26 - 0:28
    und wie man eine Gabel benutzt.
  • 0:28 - 0:31
    Vielleicht kennen Sie die Theorie über frühkindliches Lernen
  • 0:31 - 0:34
    mit der Behauptung, dass die wichtigsten Lernjahre
  • 0:34 - 0:36
    die frühesten sind.
  • 0:36 - 0:39
    Daher wäre die Antwort auf meine Frage:
  • 0:39 - 0:41
    Lernen beginnt mit der Geburt.
  • 0:41 - 0:43
    Nun, heute möchte ich Sie mit einer Idee bekannt machen,
  • 0:43 - 0:46
    die Sie vielleicht überraschen wird,
  • 0:46 - 0:49
    und die vielleicht sogar unglaubwürdig erscheint,
  • 0:49 - 0:51
    die aber durch neueste Beweise
  • 0:51 - 0:54
    der Psychologie und Biologie befürwortet wird.
  • 0:54 - 0:57
    Demnach lernen wir einige der wichtigsten Dinge in unserem Leben
  • 0:57 - 0:59
    bevor wir geboren werden,
  • 0:59 - 1:02
    noch im Mutterleib.
  • 1:02 - 1:04
    Nun, ich bin wissenschaftliche Journalistin,
  • 1:04 - 1:06
    ich schreibe Bücher und Artikel in Zeitschriften.
  • 1:06 - 1:08
    Und ich bin auch Mutter.
  • 1:08 - 1:11
    Und für mich verschmolzen diese beiden Rollen
  • 1:11 - 1:14
    in meinem Buch "Origins" (Ursprünge).
  • 1:14 - 1:17
    "Origins" berichtet von den neuesten Erkenntnissen
  • 1:17 - 1:19
    in einem aufregenden neuen Gebiet
  • 1:19 - 1:21
    genannt "Fötale Ursprünge".
  • 1:21 - 1:24
    Fötale Ursprünge ist eine wissenschaftliche Disziplin,
  • 1:24 - 1:27
    die vor knapp 20 Jahren entstand
  • 1:27 - 1:30
    und auf der Theorie basiert,
  • 1:30 - 1:33
    dass unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden
  • 1:33 - 1:35
    unser Leben lang entscheidend beeinflusst werden
  • 1:35 - 1:38
    durch die neun Monate, die wir im Mutterleib verbringen.
  • 1:38 - 1:42
    Nun, diese Theorie interessierte mich nicht nur auf Papier.
  • 1:42 - 1:44
    Ich war selbst schwanger,
  • 1:44 - 1:47
    während ich für mein Buch recherchierte,
  • 1:47 - 1:49
    und einer der faszinierendsten Einblicke,
  • 1:49 - 1:51
    die ich aus dieser Arbeit gewann,
  • 1:51 - 1:54
    ist, dass wir alle bereits über unsere Welt lernen,
  • 1:54 - 1:57
    noch bevor wir auf diese Welt kommen.
  • 1:57 - 1:59
    Wenn wir unser Baby zum ersten Mal im Arm halten,
  • 1:59 - 2:02
    sehen wir vielleicht ein unbeschriebenes Blatt,
  • 2:02 - 2:04
    noch ungezeichnet von dieser Welt,
  • 2:04 - 2:07
    und doch sind sie bereits geformt, durch uns
  • 2:07 - 2:11
    und die Umgebung, in der wir uns befinden.
  • 2:11 - 2:13
    Heute möchte ich Ihnen einige der fantastischen Dinge zeigen,
  • 2:13 - 2:15
    die Wissenschaftler entdeckt haben
  • 2:15 - 2:17
    über Föten, und was sie lernen,
  • 2:17 - 2:20
    während sie sich noch in den Bäuchen ihrer Mütter befinden.
  • 2:21 - 2:23
    Zuallererst
  • 2:23 - 2:26
    lernen sie die Stimmen ihrer Mütter.
  • 2:26 - 2:29
    Geräusche von ausserhalb des Leibs
  • 2:29 - 2:32
    übertragen sich durch das Bauchgewebe der Mutter
  • 2:32 - 2:36
    und durch das Fruchtwasser, in dem sich der Fötus befindet.
  • 2:36 - 2:38
    Die Stimmen, die Föten hören können,
  • 2:38 - 2:41
    ungefähr ab dem vierten Schwangerschaftsmonat,
  • 2:41 - 2:43
    sind gedämpft und undeutlich.
  • 2:43 - 2:45
    Einer der Forscher meinte,
  • 2:45 - 2:48
    sie klingen wohl ähnlich wie die Stimme des Lehrers von Charlie Brown
  • 2:48 - 2:51
    aus der gleichnamigen Zeichentrickserie.
  • 2:51 - 2:54
    Aber die Stimme der schwangeren Frau
  • 2:54 - 2:56
    resoniert durch ihren Körper
  • 2:56 - 2:59
    und erreicht den Fötus viel einfacher.
  • 2:59 - 3:02
    Und weil der Fötus immer bei ihr ist,
  • 3:02 - 3:05
    hört er ständig ihre Stimme.
  • 3:05 - 3:08
    Nach der Geburt erkennt das Baby ihre Stimme
  • 3:08 - 3:10
    und hört diese Stimme lieber
  • 3:10 - 3:12
    als alle anderen.
  • 3:12 - 3:14
    Wie können wir das wissen?
  • 3:14 - 3:16
    Neugeborene können nicht viel machen,
  • 3:16 - 3:19
    aber sie können ausgezeichnet nuckeln.
  • 3:19 - 3:22
    Forscher nutzen diese Fähigkeit
  • 3:22 - 3:25
    und konstruieren zwei künstliche Brustwarzen.
  • 3:25 - 3:27
    Wenn das Baby an einer nuckelt,
  • 3:27 - 3:29
    hört es die aufgezeichnete Stimme seiner Mutter
  • 3:29 - 3:31
    über Kopfhörer,
  • 3:31 - 3:33
    und wenn es an der anderen Brustwarze nuckelt,
  • 3:33 - 3:37
    hört es die aufgezeichnete Stimme einer fremden Frau.
  • 3:37 - 3:40
    Babys zeigen schnell ihre Vorliebe,
  • 3:40 - 3:43
    indem sie die erste wählen.
  • 3:43 - 3:46
    Wissenschaftler nutzen auch die Tatsache,
  • 3:46 - 3:48
    dass Babys langsamer nuckeln,
  • 3:48 - 3:50
    wenn etwas ihr Interesse geweckt hat.
  • 3:50 - 3:52
    und sie nuckeln wieder schneller,
  • 3:52 - 3:55
    wenn ihnen langweilig wird.
  • 3:55 - 3:57
    Auf diese Weise haben Forscher entdeckt dass,
  • 3:57 - 4:00
    nachdem Frauen während der Schwangerschaft wiederholt und laut
  • 4:00 - 4:04
    einen Abschnitt aus Dr. Seuss' Buch "Ein Kater macht Theater" gelesen haben,
  • 4:04 - 4:07
    ihre Neugeborenen diesen Abschnitt erkannten,
  • 4:07 - 4:10
    als sie ihn ausserhalb des Mutterleibs hörten.
  • 4:10 - 4:13
    Mein Lieblingsversuch auf diesem Gebiet zeigt,
  • 4:13 - 4:15
    dass Babys von Frauen,
  • 4:15 - 4:17
    die jeden Tag während der Schwangerschaft
  • 4:17 - 4:20
    eine bestimmte Fernsehserie gesehen haben,
  • 4:20 - 4:23
    die Titelmelodie aus dieser Serie erkannten
  • 4:23 - 4:26
    nachdem sie geboren waren.
  • 4:26 - 4:28
    Föten lernen also sogar
  • 4:28 - 4:31
    die bestimmte Sprache, die gesprochen wird
  • 4:31 - 4:33
    in der Welt, in die sie hinein geboren werden.
  • 4:33 - 4:36
    Eine im letzten Jahr veröffentlichte Studie ergab,
  • 4:36 - 4:39
    dass von Geburt an, vom Moment der Geburt an,
  • 4:39 - 4:41
    Babys im Tonfall der Muttersprache
  • 4:41 - 4:44
    ihrer Mütter schreien.
  • 4:44 - 4:47
    Französische Babys schreien in aufsteigendem Ton,
  • 4:47 - 4:50
    deutsche Babys enden mit abfallendem Ton,
  • 4:50 - 4:52
    und sie imitieren dabei die Betonungsmuster
  • 4:52 - 4:54
    dieser Sprachen.
  • 4:54 - 4:56
    Nun, warum sollte dieses fötale Lernen
  • 4:56 - 4:58
    von Nutzen sein?
  • 4:58 - 5:01
    Seine Entstehung könnte dem Überleben des Babys dienen.
  • 5:01 - 5:03
    Vom Moment der Geburt an
  • 5:03 - 5:05
    reagiert das Baby hauptsächlich auf die Stimme der Person,
  • 5:05 - 5:07
    die sich wahrscheinlich am meisten um es kümmern wird:
  • 5:07 - 5:09
    Seine Mutter.
  • 5:09 - 5:11
    Es schreit sogar in Tönen,
  • 5:11 - 5:13
    die der Muttersprache ähneln,
  • 5:13 - 5:16
    was wohl somit auch an den Mutterinstinkt appelliert
  • 5:16 - 5:18
    und es dadurch dem Baby etwas einfacher macht
  • 5:18 - 5:20
    bei der schwierigen Aufgabe,
  • 5:20 - 5:23
    verstehen und sprechen zu lernen
  • 5:23 - 5:25
    in der Muttersprache.
  • 5:25 - 5:27
    Es sind aber nicht nur Geräusche,
  • 5:27 - 5:29
    die die Föten im Mutterleib erlernen,
  • 5:29 - 5:32
    sondern auch Geschmack und Geruch.
  • 5:32 - 5:34
    Im siebten Schwangerschaftsmonat
  • 5:34 - 5:36
    sind die Geschmacksknospen des Fötus vollständig entwickelt,
  • 5:36 - 5:39
    und die Geruchsempfänger zum Riechen
  • 5:39 - 5:41
    sind funktionsfähig.
  • 5:41 - 5:44
    Die Aromen der Nahrungsmittel, die die Schwangere zu sich nimmt,
  • 5:44 - 5:46
    gelangen ins Fruchtwasser,
  • 5:46 - 5:48
    das vom Fötus
  • 5:48 - 5:50
    ständig aufgenommen wird.
  • 5:50 - 5:53
    Babys scheinen diese Geschmäcker zu erkennen und bevorzugen,
  • 5:53 - 5:56
    nachdem sie auf die Welt gekommen sind.
  • 5:56 - 5:59
    In einem Experiment wurde eine Gruppe Schwangerer gebeten,
  • 5:59 - 6:01
    eine größere Menge Möhrensaft
  • 6:01 - 6:04
    im dritten Schwangerschaftstrimester zu trinken,
  • 6:04 - 6:06
    während eine andere Gruppe schwangerer Frauen
  • 6:06 - 6:08
    lediglich Wasser trank.
  • 6:08 - 6:11
    Sechs Monate später wurde den Babys
  • 6:11 - 6:14
    ein Brei mit Möhrensaft angeboten
  • 6:14 - 6:18
    und der Gesichtsausdruck beim Essen beobachtet.
  • 6:18 - 6:20
    Die Babys der Mütter, die Möhrensaft getrunken hatten,
  • 6:20 - 6:22
    aßen mehr von dem Brei mit Möhrengeschmack
  • 6:22 - 6:24
    und vom Ausdruck her schien es,
  • 6:24 - 6:26
    als ob sie es lieber mochten.
  • 6:26 - 6:29
    Eine französische Variante dieses Experiments
  • 6:29 - 6:31
    wurde in Dijon in Frankreich durchgeführt.
  • 6:31 - 6:33
    Forscher fanden heraus dass Mütter,
  • 6:33 - 6:36
    die während der Schwangerschaft Lebensmittel und Getränke
  • 6:36 - 6:41
    mit Anis zu sich nahmen, das nach Lakritz schmeckt,
  • 6:41 - 6:43
    bevorzugten Anis
  • 6:43 - 6:45
    am ersten Lebenstag,
  • 6:45 - 6:47
    und wiederum bei einem weiteren Test
  • 6:47 - 6:49
    am vierten Lebenstag.
  • 6:49 - 6:53
    Babys von Müttern, die kein Anis in der Schwangerschaft gegessen hatten,
  • 6:53 - 6:57
    reagierten mit einem Ausdruck, der in etwa mit "Igitt" übersetzt werden kann.
  • 6:57 - 6:59
    Das bedeutet,
  • 6:59 - 7:01
    dass Föten tatsächlich von ihren Müttern lernen,
  • 7:01 - 7:04
    was gut und sicher gegessen werden kann.
  • 7:04 - 7:06
    Föten lernen auch
  • 7:06 - 7:09
    über die Kultur, in die sie hineingeboren werden,
  • 7:09 - 7:12
    durch eins der prägnantesten kulturellen Erkennungsmerkmale,
  • 7:12 - 7:14
    dem des Essens.
  • 7:14 - 7:17
    Sie lernen die charakteristischen Aromen und Gewürze
  • 7:17 - 7:19
    ihrer Landesküche kennen,
  • 7:19 - 7:22
    noch bevor sie geboren werden.
  • 7:22 - 7:25
    Jetzt ist klar gworden, dass Föten noch mehr lernen.
  • 7:25 - 7:27
    Aber bevor ich dazu komme,
  • 7:27 - 7:31
    möchte ich noch etwas zu dem sagen, was Sie sich vielleicht gefragt haben.
  • 7:31 - 7:33
    Das Konzept des Fötalen Lernens
  • 7:33 - 7:36
    hat Sie vielleicht auf die Idee gebracht, den Fötus anzuregen -
  • 7:36 - 7:38
    zum Beispiel mit Mozartklängen über Kopfhörer
  • 7:38 - 7:40
    auf dem Bauch der werdenden Mutter.
  • 7:40 - 7:43
    Aber die neunmonatige Entwicklung,
  • 7:43 - 7:46
    das Formen und Prägen im Mutterleib,
  • 7:46 - 7:50
    ist viel viszeraler und folgenreicher als das.
  • 7:50 - 7:54
    Vieles, was die werdende Mutter tagtäglich erlebt -
  • 7:54 - 7:56
    die Luft, die sie atmet,
  • 7:56 - 7:58
    was sie isst und trinkt,
  • 7:58 - 8:00
    die Chemikalien, denen sie ausgesetzt ist,
  • 8:00 - 8:02
    sogar die Gefühle, die sie erlebt -
  • 8:02 - 8:05
    an allem nimmt der Fötus in irgendeiner Weise teil.
  • 8:05 - 8:08
    Es entsteht eine Mischung von Einflüssen,
  • 8:08 - 8:10
    die so individuell und eigenartig sind,
  • 8:10 - 8:12
    wie die Frau selbst.
  • 8:12 - 8:14
    Der Fötus übernimmt diese Eindrücke
  • 8:14 - 8:16
    in seinen eigenen Körper
  • 8:16 - 8:19
    und sie gehen in sein Fleisch und Blut über.
  • 8:19 - 8:21
    Und noch etwas anderes passiert oft.
  • 8:21 - 8:24
    Es behandelt diese mütterlichen Beiträge
  • 8:24 - 8:26
    als Information.
  • 8:26 - 8:28
    Ich nenne es eine biologische Postkarte
  • 8:28 - 8:31
    von der Außenwelt.
  • 8:31 - 8:34
    Also, was ein Fötus im Mutterleib lernt
  • 8:34 - 8:36
    ist nicht Mozarts "Zauberflöte"
  • 8:36 - 8:40
    sondern Antworten auf viel wichtigere Fragen des Überlebens.
  • 8:40 - 8:42
    Wird es geboren in eine Welt des Reichtums
  • 8:42 - 8:44
    oder des Mangels?
  • 8:44 - 8:47
    Wird es sicher sein und beschützt,
  • 8:47 - 8:50
    oder ständiger Gefahr und Drohung ausgesetzt sein?
  • 8:50 - 8:52
    Wird es ein langes, erfülltes Leben haben,
  • 8:52 - 8:55
    oder ein kurzes, qualvolles?
  • 8:55 - 8:58
    Die Ernährung der werdenden Mutter und besonders ihr Stresslevel
  • 8:58 - 9:01
    sind wichtige Anzeichen für die herrschenden Bedingungen,
  • 9:01 - 9:04
    als wenn man mit dem Finger die Windrichtung prüft.
  • 9:04 - 9:06
    Die daraus folgende Abstimmung und Anpassung
  • 9:06 - 9:09
    des Gehirns und anderer Organe des Fötus
  • 9:09 - 9:11
    sind Teil der enormen Flexibilität
  • 9:11 - 9:13
    von uns Menschen,
  • 9:13 - 9:15
    unsere Fähigkeit zum Gedeihen
  • 9:15 - 9:17
    in einer Vielzahl verschiedener Lebensumstände,
  • 9:17 - 9:19
    sei es Stadt oder Land,
  • 9:19 - 9:22
    Tundra oder Wüste.
  • 9:22 - 9:24
    Zum Abschluss möchte ich Ihnen zwei Geschichten erzählen
  • 9:24 - 9:27
    wie Müttern ihren Kindern die Welt beibringen
  • 9:27 - 9:30
    noch bevor sie geboren sind.
  • 9:31 - 9:33
    Im Herbst 1944,
  • 9:33 - 9:36
    der dunkelsten Zeit des Zweiten Weltkriegs,
  • 9:36 - 9:39
    barrikadierten deutsche Truppen den Westen Hollands,
  • 9:39 - 9:42
    indem sie alle Lebensmittellieferungen blockierten.
  • 9:42 - 9:44
    Der Beginn der Nazibelagerung
  • 9:44 - 9:47
    wurde gefolgt von einem der härtesten Winter in Jahrzehnten -
  • 9:47 - 9:51
    es war so kalt, dass die Kanäle völlig zufroren.
  • 9:51 - 9:53
    Bald wurden die Lebensmittel knapp,
  • 9:53 - 9:57
    viele Holländer überlebten mit nur 500 Kalorien pro Tag -
  • 9:57 - 10:00
    ein Viertel von dem, was sie vor dem Krieg zu sich genommen hatten.
  • 10:00 - 10:03
    Aus Wochen der Entbehrung wurden Monate,
  • 10:03 - 10:06
    und manche begannen, Tulpenzwiebeln zu essen.
  • 10:06 - 10:08
    Anfang Mai waren
  • 10:08 - 10:10
    die sorgsam rationierten Lebensmittelreserven
  • 10:10 - 10:12
    völlig erschöpft.
  • 10:12 - 10:15
    Eine Hungersnot drohte.
  • 10:15 - 10:18
    Und dann, am 5. Mai 1945,
  • 10:18 - 10:20
    fand die Belagerung ein plötzliches Ende
  • 10:20 - 10:22
    als Holland befreit wurde
  • 10:22 - 10:24
    durch die Alliierten.
  • 10:24 - 10:27
    Im "Hungerwinter", wie er seither genannt wird,
  • 10:27 - 10:29
    starben rund 10.000 Menschen,
  • 10:29 - 10:31
    und er schwächte und entkräfteteTausende mehr.
  • 10:31 - 10:34
    Aber noch eine Bevölkerungsgruppe war betroffen -
  • 10:34 - 10:36
    die 40.000 Föten,
  • 10:36 - 10:39
    die während der Belagerung ausgetragen wurden.
  • 10:39 - 10:41
    Einige Auswirkungen der Unterernährung während der Schwangerschaft
  • 10:41 - 10:43
    waren sofort erkennbar
  • 10:43 - 10:45
    in den erhöhten Zahlen der Totgeburten,
  • 10:45 - 10:47
    Missbildungen bei Neugeborenen, niedrigem Geburtsgewicht
  • 10:47 - 10:49
    und Säuglingssterblichkeit.
  • 10:49 - 10:52
    Andere wurden erst nach Jahren entdeckt.
  • 10:52 - 10:54
    Jahrzehnte nach dem "Hungerwinter"
  • 10:54 - 10:56
    belegten Forscher,
  • 10:56 - 11:00
    dass Menschen, deren Mütter während der Belagerung schwanger waren,
  • 11:00 - 11:02
    mehr an Übergewicht, Diabetes und
  • 11:02 - 11:05
    Herzerkrankungen in späteren Jahren litten
  • 11:05 - 11:08
    als Menschen, die unter normalen Bedingungen ausgetragen worden waren.
  • 11:08 - 11:12
    Die prenatale Erfahrung des Hungerleidens dieser Personen
  • 11:12 - 11:14
    scheint ihre Körper
  • 11:14 - 11:16
    auf unzählige Weise beeinflusst zu haben.
  • 11:16 - 11:18
    Sie haben höheren Blutdruck,
  • 11:18 - 11:20
    einen schlechteren Cholesterinspiegel,
  • 11:20 - 11:22
    und eine geringere Glukosetoleranz -
  • 11:22 - 11:25
    eine Vorstufe von Diabetes.
  • 11:25 - 11:27
    Warum sollte Unterernährung im Mutterleib
  • 11:27 - 11:29
    zu späterer Krankheit führen?
  • 11:29 - 11:31
    Eine Erklärung ist,
  • 11:31 - 11:34
    dass Föten das Beste aus einer schlechten Lage machen.
  • 11:34 - 11:36
    Wenn Nahrung knapp ist
  • 11:36 - 11:39
    leiten sie die Nährstoffe zum wichtigsten Organ, dem Gehirn,
  • 11:39 - 11:41
    und weg von anderen Organen
  • 11:41 - 11:43
    wie Herz und Leber.
  • 11:43 - 11:46
    Das hält den Fötus auf kurze Sicht am Leben,
  • 11:46 - 11:49
    hat aber nachteilige Folgen im späteren Leben
  • 11:49 - 11:51
    wenn die anderen, vernachlässigten Organe
  • 11:51 - 11:54
    anfälliger für Krankheiten werden.
  • 11:54 - 11:57
    Das ist aber womöglich noch nicht alles.
  • 11:57 - 11:59
    Föten scheinen sich
  • 11:59 - 12:02
    nach der intrauterinen Umgebung zu richten
  • 12:02 - 12:04
    und ihre Physiologie entsprechend auszurichten.
  • 12:04 - 12:06
    Sie bereiten sich
  • 12:06 - 12:08
    auf ihre Lebenswelt vor,
  • 12:08 - 12:10
    die außerhalb der Gebärmutter auf sie wartet.
  • 12:10 - 12:12
    Der Fötus passt seinen Stoffwechsel und
  • 12:12 - 12:15
    andere physiologische Prozesse an
  • 12:15 - 12:18
    die Umgebung an, die ihn erwartet.
  • 12:18 - 12:21
    Und die Grundlage für die Prognosen des Fötus
  • 12:21 - 12:23
    ist die Nahrung, die die Mutter zu sich nimmt.
  • 12:23 - 12:25
    Die Mahlzeiten einer werdenden Mutter
  • 12:25 - 12:27
    bilden eine Art Geschichte,
  • 12:27 - 12:29
    ein Märchen des Überflusses
  • 12:29 - 12:32
    oder eine düstere Chronik der Entbehrung.
  • 12:32 - 12:35
    Diese Geschichte enthält Informationen
  • 12:35 - 12:37
    die der Fötus nutzt,
  • 12:37 - 12:39
    um seinen Körper und dessen Funktionen aufzubauen -
  • 12:39 - 12:42
    eine Anpassung an die herrschenden Umstände,
  • 12:42 - 12:45
    die sein zukünftiges Überleben ermöglichen.
  • 12:45 - 12:48
    Angesichts stark eingeschränkter Ressourcen
  • 12:48 - 12:51
    hat ein kleiner gebautes Kind mit geringerem Nährstoffanspruch
  • 12:51 - 12:53
    tatsächlich eine bessere Chance,
  • 12:53 - 12:55
    das Erwachsenenalter zu erreichen.
  • 12:55 - 12:57
    Die eigentlichen Probleme entstehen,
  • 12:57 - 13:00
    wenn Schwangere sozusagen unzuverlässige Erzähler sind,
  • 13:00 - 13:02
    wenn Föten annehmen müssen
  • 13:02 - 13:04
    dass eine Welt des Mangels auf sie wartet
  • 13:04 - 13:07
    und sie stattdessen in eine Welt der Fülle geboren werden.
  • 13:07 - 13:10
    Dies geschah mit den Kindern des holländischen "Hungerwinters",
  • 13:10 - 13:12
    und die erhöhten Zahlen an Übergewicht,
  • 13:12 - 13:14
    Diabetes und Herzerkrankungen
  • 13:14 - 13:16
    sind das Ergebnis.
  • 13:16 - 13:19
    Körper die so konzipiert waren, dass sie jede Kalorie speichern,
  • 13:19 - 13:21
    badeten nun in den überzähligen Kalorien
  • 13:21 - 13:24
    der reichhaltigen Nachkriegskost.
  • 13:24 - 13:27
    Die Welt, die sie im Mutterleib kennengelernt hatten
  • 13:27 - 13:29
    war nicht mehr die gleiche,
  • 13:29 - 13:32
    in die sie jetzt hineingeboren waren.
  • 13:32 - 13:34
    Hier ist noch eine andere Geschichte.
  • 13:34 - 13:38
    Am 11. September 2001, um 8.46 morgens,
  • 13:38 - 13:40
    befanden sich zehntausende Menschen
  • 13:40 - 13:42
    in der Nähe des World Trade Centers
  • 13:42 - 13:44
    in New York -
  • 13:44 - 13:46
    Pendler strömten aus den Zügen,
  • 13:46 - 13:49
    Kellnerinnen deckten die Tische für den morgendlichen Andrang,
  • 13:49 - 13:53
    Finanzmakler in der Wall Street hingen bereits an den Telefonhörern.
  • 13:53 - 13:56
    1.700 dieser Menschen waren schwangere Frauen.
  • 13:56 - 13:59
    Als die Flugzeuge einschlugen und die Türme einfielen,
  • 13:59 - 14:02
    empfanden viele dieser Frauen den gleichen Horror
  • 14:02 - 14:05
    wie andere Überlebende dieser Katastrophe -
  • 14:05 - 14:07
    das unermessliche Chaos und Durcheinander,
  • 14:07 - 14:09
    die undurchdringlichen Wolken
  • 14:09 - 14:13
    von Schutt und möglicherweise giftigem Staub,
  • 14:13 - 14:15
    die beklemmende Angst ums Überleben.
  • 14:15 - 14:17
    Ungefähr ein Jahr nach dem Ereignis vom 9. September 2001
  • 14:17 - 14:20
    untersuchten Forscher eine Gruppe von Frauen,
  • 14:20 - 14:22
    die schwanger gewesen waren
  • 14:22 - 14:24
    als sie den Angriff auf das World Trade Center erlebten.
  • 14:24 - 14:26
    In den Babys dieser Frauen,
  • 14:26 - 14:29
    die das posttraumatische Stresssyndrom PTSD
  • 14:29 - 14:31
    nach diesem traumatischen Erlebnis entwickelten,
  • 14:31 - 14:34
    fanden Forscher einen Biomarker, oder Indikator,
  • 14:34 - 14:36
    für die Anfälligkeit, PTSD zu entwickeln -
  • 14:36 - 14:39
    ein Ergebnis, das besonders deutlich war
  • 14:39 - 14:42
    in Kleinkindern, deren Mütter die Katastrophe
  • 14:42 - 14:44
    während des dritten Schwangerschaftstrimesters erlebten.
  • 14:44 - 14:46
    Mit anderen Worten,
  • 14:46 - 14:49
    die Mütter mit posttraumatischem Stresssyndrom
  • 14:49 - 14:52
    hatten die Anfälligkeit für diesen Zustand
  • 14:52 - 14:55
    an ihre Kinder in der Gebärmutter weitergegeben.
  • 14:55 - 14:57
    Jetzt bedenken Sie einmal:
  • 14:57 - 14:59
    Das posttraumatische Stresssyndrom ist,
  • 14:59 - 15:02
    wie es scheint, eine schlimme Fehlreaktion auf Stress,
  • 15:02 - 15:06
    die ihren Opfern furchtbar viel unnötiges Leiden zufügt.
  • 15:06 - 15:09
    Man kann PTSD aber auch mit anderen Augen sehen.
  • 15:09 - 15:12
    Was für uns wie ein Krankheitsbild aussieht
  • 15:12 - 15:14
    ist möglicherweise ein nützliches Anpassungsvermögen
  • 15:14 - 15:16
    in manchen Situationen.
  • 15:16 - 15:19
    In einer besonders gefährlichen Umgebung
  • 15:19 - 15:22
    können die charakteristischen Merkmale von PTSD -
  • 15:22 - 15:25
    eine überdeutliche Wahrnehmung der Umgebung,
  • 15:25 - 15:28
    eine superschnelle Reaktion auf Gefahr -
  • 15:28 - 15:31
    jemandem das Leben retten.
  • 15:31 - 15:35
    Die Idee, dass die prenatale Übertragung des PTSD-Risikos anwendbar ist,
  • 15:35 - 15:37
    ist noch Theorie,
  • 15:37 - 15:40
    für mich aber eine sehr überwältigende.
  • 15:40 - 15:42
    Es würde bedeuten, dass noch vor der Geburt
  • 15:42 - 15:44
    Mütter ihre Kinder warnen
  • 15:44 - 15:46
    vor einer wilden Welt da draußen
  • 15:46 - 15:49
    und ihnen sagen: "Sei vorsichtig".
  • 15:49 - 15:51
    Lassen Sie mich deutlich machen:
  • 15:51 - 15:54
    Die Forschungen über Fötale Ursprünge geben nicht den Frauen die Schuld
  • 15:54 - 15:56
    für das, was während der Schwangerschaft passiert.
  • 15:56 - 15:59
    Es geht darum festzustellen, wie man am besten die Gesundheit
  • 15:59 - 16:02
    und das Wohlergehen der nächsten Generation fördert.
  • 16:02 - 16:04
    In diesem wichtigen Bestreben muss man sich auch auf das konzentrieren
  • 16:04 - 16:06
    was Föten lernen
  • 16:06 - 16:09
    während ihrer neun Monate im Mutterleib.
  • 16:09 - 16:12
    Lernen ist eine der wichtigsten Aufgaben im Leben
  • 16:12 - 16:14
    und beginnt viel früher
  • 16:14 - 16:16
    als wir jemals gedacht hätten.
  • 16:16 - 16:18
    Danke.
  • 16:18 - 16:25
    (Applaus)
Title:
Was wir vor unserer Geburt lernen
Speaker:
Annie Murphy Paul
Description:

Test: Wann beginnt Lernen? Antwort: Bevor wir geboren werden. Wissenschaftsautorin Annie Murphy Paul berichtet über neue Forschungen die aufzeigen, wie viel wir bereits im Mutterleib lernen - vom Tonfall unserer Muttersprache bis zum künftigen Lieblingsessen.

more » « less
Video Language:
English
Team:
closed TED
Project:
TEDTalks
Duration:
16:26
Sabine Hogg added a translation

German subtitles

Revisions