Die Macht weiblicher Wut
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0:01 - 0:04Manchmal werde ich wütend,
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0:04 - 0:08und es hat lang gedauert,
diesen einfachen Satz auszusprechen. -
0:08 - 0:10In meiner Arbeit
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0:10 - 0:14bebt mein Körper manchmal vor Wut.
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0:14 - 0:18Aber egal wie gerechtfertigt
meine Wut war, -
0:18 - 0:20wurde mir mein ganzes Leben lang
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0:20 - 0:25immer klar gemacht,
meine Wut sei eine Übertreibung, -
0:25 - 0:27eine Fehldarstellung,
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0:27 - 0:30die mich unhöflich
und unsympathisch wirken lässt. -
0:30 - 0:36Als kleines Mädchen lernte ich,
dass Wut eine Emotion ist, -
0:36 - 0:40die man besser nicht ausdrückt.
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0:40 - 0:42Denken wir kurz an meine Mutter.
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0:42 - 0:45Als ich einmal mit 15
von der Schule nach Hause kam, -
0:45 - 0:48stand sie auf der großen Terrasse
vor unserer Küche -
0:48 - 0:51mit einem riesigen Stapel Teller.
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0:51 - 0:56Ich war sehr verblüfft, als sie anfing,
sie als Frisbees zu werfen ... -
0:56 - 0:58(Gelächter)
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0:58 - 1:01in die heisse, feuchte Luft.
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1:01 - 1:03Als jeder Teller unten auf dem Hügel
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1:03 - 1:05in kleine Stücke zerschmettert war,
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1:06 - 1:10kam sie wieder rein und sagte
fröhlich zu mir: "Wie war dein Tag?" -
1:10 - 1:13(Gelächter)
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1:14 - 1:19Man kann nachvollziehen,
wie ein Kind diesen Vorfall sieht. -
1:19 - 1:25Es denkt, dass Zorn stumm, isolierend,
destruktiv, ja sogar beängstigend ist. -
1:25 - 1:31Vor allem, wenn die wütende Person
ein Mädchen oder eine Frau ist. -
1:31 - 1:33Die Frage ist warum.
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1:33 - 1:37Wut ist eine menschliche Emotion,
weder gut noch schlecht. -
1:37 - 1:39Sie ist eine Warnemotion.
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1:39 - 1:44Sie warnt uns vor Demütigung,
Drohungen, Beleidigungen und Leid. -
1:44 - 1:47Und doch ist in einer Kultur
nach der anderen -
1:47 - 1:52die Wut ein moralisches Prinzip
für Jungs und Männer. -
1:52 - 1:54Aber es gibt natürlich Unterschiede.
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1:54 - 1:56In den Vereinigten Staaten etwa
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1:56 - 2:00ist ein wütender Schwarzer ein Verbrecher,
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2:00 - 2:03aber ein wütender weißer Mann
hat Zivilcourage. -
2:04 - 2:08Aber egal wo wir sind, die Emotion
ist stets geschlechtsabhängig. -
2:08 - 2:13So bringen wir unseren Kindern bei,
Wut in Mädchen und Frauen zu verschmähen -
2:13 - 2:18und als Erwachsene sie zu verurteilen.
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2:18 - 2:21Was würde passieren,
wenn wir das nicht täten? -
2:21 - 2:24Was wäre, wenn wir Wut und Weiblichkeit
nicht mehr voneinander trennen? -
2:24 - 2:28Wenn wir Wut von Weiblichkeit trennen
heißt es, wir trennen Mädchen und Frauen -
2:28 - 2:32von der Emotion, die uns am besten
vor Ungerechtigkeit schützt. -
2:32 - 2:36Was wäre, wenn wir stattdessen
emotionale Kompetenz fördern würden -
2:36 - 2:38für Jungen und für Mädchen?
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2:38 - 2:44Fakt ist, dass wir Kinder enorm binär
und gegensätzlich sozialisieren. -
2:44 - 2:49Jungen werden zu absurden,
strengen, maskulinen Normen angehalten -- -
2:49 - 2:54sollen sich von weiblicher Emotionalität,
von Traurigkeit und Angst distanzieren -
2:54 - 2:58und Aggression und Wut als Kennzeichen
wahrer Männlichkeit annehmen. -
2:58 - 3:03Auf der anderen Seite lernen Mädchen,
rücksichtsvoll zu sein, -
3:03 - 3:06und Wut ist mit Rücksicht
nicht kompatibel. -
3:06 - 3:12Genauso wie wir lernen, Beine
überzuschlagen und Haare zu bändigen, -
3:12 - 3:16lernen wir, uns die Wut abzugewöhnen
und unseren Stolz herunterzuschlucken. -
3:16 - 3:20Was uns allen viel zu oft passiert, ist,
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3:20 - 3:25dass die Entwürdigung sich an unsere
Vorstellung von Weiblichkeit knüpft. -
3:25 - 3:30Lang ist die persönliche und
politische Geschichte dieser Weggabelung. -
3:30 - 3:36In Rage mutieren wir von Prinzessinnen
und hormongesteuerten Teenies -
3:36 - 3:41zu Luxusweibchen und schrillen,
hässlichen Nervensägen. -
3:41 - 3:43Es gibt aber Geschmacksnuancen.
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3:43 - 3:46Sind Sie eine feurige Latina,
wenn Sie wütend sind? -
3:47 - 3:54Eine traurige Asiatin? Eine wütende
Schwarze oder eine verrückte Weiße? -
3:54 - 3:55Sie haben die Wahl.
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3:55 - 4:00Aber Fakt ist, dass wenn wir sagen,
was uns wichtig ist, -
4:00 - 4:02und das ist ja, was die Wut vermittelt,
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4:02 - 4:07andere eher wütend werden,
weil wir wütend geworden sind. -
4:07 - 4:12Ob zuhause, in der Schule,
auf der Arbeit, der politischen Arena, -
4:12 - 4:17Wut bekräftigt Männlichkeit
und entkräftet Weiblichkeit. -
4:17 - 4:24Männer werden für Wut belohnt,
Frauen für dasselbe verurteilt. -
4:24 - 4:27Dies benachteiligt uns ungeheuerlich,
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4:27 - 4:32vor allem, wenn wir uns wehren
und unsere Interessen verteidigen müssen. -
4:32 - 4:36Bei sexueller Belästigung auf der Straße
oder eines lüsternen Arbeitgebers, -
4:36 - 4:38eines sexistischen, rassistischen Schülers
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4:38 - 4:43schreit unser Hirn:
"Das kann doch wohl nicht wahr sein." -
4:43 - 4:46Aber der Mund sagt:
"Entschuldige, wie bitte?" -
4:46 - 4:49(Gelächter)
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4:49 - 4:51Oder?
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4:51 - 4:54Es ist widersprüchlich,
weil Wut sich verknäuelt -
4:54 - 4:58mit der Panik, der Angst,
dem Risiko und Rache. -
4:58 - 4:59Wenn man Frauen fragt,
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4:59 - 5:02vor welcher Reaktion sie sich
am meisten fürchten, wenn sie wütend sind, -
5:02 - 5:04nennen sie nicht die Gewalt.
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5:04 - 5:05Sie nennen den Spott.
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5:05 - 5:08Was bedeutet das?
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5:08 - 5:13Bei vielen ausgegrenzten Identitäten
geht es nicht nur um Spott. -
5:13 - 5:17Wenn man sich wehrt, auf Rechte pocht,
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5:17 - 5:20kann das verheerende Konsequenzen haben.
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5:20 - 5:25Wir reproduzieren diese Muster
nicht in großer und gewagter Weise, -
5:25 - 5:29sondern in der alltäglichen Banalität.
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5:29 - 5:32Als meine Tochter in der Vorschule war,
hat sie jeden Morgen -
5:32 - 5:36ein Schloss aus Schleifen
und Blöcken gebaut -- -
5:36 - 5:40und jeden Tag hat derselbe Junge
ihr das Ganze zerstört. -
5:40 - 5:44Seine Eltern waren dort,
haben aber nie vor der Tat eingegriffen. -
5:44 - 5:48Danach gaben sie stets fröhlich
ihre Plattitüden zum Besten: -
5:48 - 5:50"Jungs sind eben Jungs."
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5:50 - 5:54"Es ist zu verlockend,
er kann gar nicht anders." -
5:54 - 5:58Ich tat was viele Mädchen
und Frauen lernen. -
5:58 - 6:01Ich entschloss mich präventiv,
Frieden walten zu lassen -
6:01 - 6:04und lehrte meine Tochter dasselbe.
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6:04 - 6:06Sie benutzte ihre Sprache.
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6:06 - 6:09Sie versuchte ihn sanft abzuwehren.
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6:09 - 6:14Sie ging woanders hin
im Klassenzimmer, kein Effekt. -
6:14 - 6:20Ich und die anderen Erwachsenen bauten
ein nur männliches Anspruchsrecht auf. -
6:20 - 6:24Er durfte wild herumtoben
und das Umfeld kontrollieren, -
6:24 - 6:29während sie ihre Gefühle für sich behielt
und sich seinen Bedürfnissen anpasste. -
6:29 - 6:33Wir haben beiden Unrecht getan,
weil wir ihrer Wut die Akzeptanz -
6:33 - 6:36und den Ausbruch verwehrten.
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6:36 - 6:39Dies ist ein Mikrokosmos
eines viel grösseren Problems. -
6:40 - 6:43Weil wir kulturell weltweit
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6:44 - 6:48die maskuline Leistung präferieren --
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6:48 - 6:51und die einhergehende Macht
und Privilegien -- -
6:51 - 6:57vor den Rechten und Bedürfnissen
und Sprache von Kindern und Frauen. -
6:57 - 7:01Es wird demnach für Sie hier
keine Überraschung sein, -
7:01 - 7:10dass Frauen von intensiverer und
anhaltenderer Wut berichten als Männer. -
7:10 - 7:13Zum Teil ist das so, weil wir
zum Grübeln sozialisiert werden, -
7:13 - 7:16zum "schön den Mund halten"
und zum wiederkauen. -
7:16 - 7:19Wir müssen aber auch
sozial akzeptierte Wege finden, -
7:19 - 7:23die Intensität unserer Gefühle
auszudrücken -
7:23 - 7:28und uns dessen bewusst werden,
wie vorsichtig wir sind. -
7:28 - 7:30Wir machen also Mehreres.
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7:30 - 7:36Wenn Männer wüssten, wie viel Frauen
voller Wut sind wenn sie weinen, -
7:36 - 7:37würden sie staunen.
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7:37 - 7:39(Gelächter)
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7:39 - 7:41Wir benutzen minimierende Sprache.
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7:41 - 7:43"Wir sind frustriert.
Nein, wirklich, alles Okay." -
7:43 - 7:46(Gelächter)
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7:46 - 7:49Wir objektivieren uns selbst und verlernen
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7:49 - 7:56die physischen Zeichen
der Wut zu erkennen. -
7:56 - 7:59Vor allem aber werden wir krank.
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7:59 - 8:04Jetzt wissen wir, dass Wut
in vielen Erkrankungen mitspielt, -
8:04 - 8:07die zufälligerweise als
"Frauenkrankheiten" abgestempelt werden. -
8:07 - 8:13Höhere Raten bei chronischen Schmerzen,
Autoimmunerkrankungen, Essstörungen, -
8:13 - 8:17psychische Probleme, Panik,
Selbstverletzung und Depression. -
8:17 - 8:21Wut beeinflusst unser Immunsystem,
unser kardiovaskuläres System. -
8:21 - 8:26Manche Studien zeigen sogar
höhere Mortalitätsraten auf, -
8:26 - 8:30vor allem bei schwarzen Frauen mit Krebs.
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8:30 - 8:37Ich habe die Nase voll von mir
bekannten Frauen, die die Nase voll haben. -
8:37 - 8:40Unser Zorn bringt uns großes Unbehagen
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8:40 - 8:45und der Konflikt besteht in unserer Rolle,
Behaglichkeit verbreiten zu sollen. -
8:45 - 8:47Es gibt Wut, die akzeptabel ist.
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8:47 - 8:53Wir dürfen wütend sein, wenn wir
"unseren Platz" einhalten, den Status quo. -
8:53 - 8:56Als Mütter oder Lehrerinnen
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8:56 - 9:02dürfen wir wütend sein, aber nicht auf
die enormen Kosten, ein Kind aufzuziehen. -
9:02 - 9:04Auf unsere Mütter dürfen wir böse sein.
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9:04 - 9:07Sagen wir, als Teenager --
patriarchale Regeln und Vorschriften -- -
9:07 - 9:10geben wir nicht dem System
die Schuld, sondern ihnen. -
9:10 - 9:14Wir können auf andere Frauen wütend sein,
wer mag nicht einen guten "Zickenkrieg"? -
9:14 - 9:20Wir dürfen wütend sein auf Männer
eines niedrigeren Status einer Hierarchie, -
9:20 - 9:24die Rassismus und Xenophobie unterstützt.
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9:24 - 9:27Wir haben darin aber eine grosse Macht.
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9:27 - 9:32Gefühle sind ja unser Kompetenzbereich
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9:32 - 9:35und den Leuten ist
unsere Wut ja unangenehm. -
9:35 - 9:39Wir sollten ihnen also beibringen
sich wohler zu fühlen bei ihrem Unbehagen, -
9:39 - 9:44wenn Frauen nein sagen,
ohne sich dafür zu entschuldigen. -
9:44 - 9:49Wir könnten Gefühle nach Kompetenzen,
nicht nach Geschlechtern einteilen. -
9:49 - 9:54Die, die Wut verarbeiten können
und daraus einen Sinn herleiten, -
9:54 - 9:57sind kreativer und optimistischer,
-
9:57 - 9:59sie haben mehr Intimität,
-
9:59 - 10:02sind bessere Problemlöser,
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10:02 - 10:05sie haben eine größere
politische Wirksamkeit. -
10:05 - 10:08Nun, ich bin eine Frau,
die über Frauen und Gefühle schreibt, -
10:08 - 10:11darum werden wenige einflussreiche Männer
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10:11 - 10:16ernst nehmen, was ich zu sagen habe,
im politischen Sinne. -
10:16 - 10:22Wir verbinden Politik und Wut
mit der Verachtung und dem Zorn, -
10:22 - 10:25den der Macho-Faschismus
auf dieser Welt wieder entfacht. -
10:25 - 10:29Wenn es aber das Gift ist,
ist es auch das Gegengift. -
10:30 - 10:33Wir haben eine Wut an Hoffnung
und sehen sie jeden einzelnen Tag -
10:33 - 10:38in der resistenten Wut von Frauen
und marginalisierten Menschen. -
10:38 - 10:42Es ist mit Mitgefühl verwandt
und Empathie und Liebe -
10:42 - 10:48und wir sollten diese Wut auch anerkennen.
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10:48 - 10:56Gesellschaften, die die Wut der Frauen
nicht achten, achten Frauen nicht. -
10:56 - 11:02Die Gefahr unserer Wut liegt nicht darin,
dass wir Bindungen oder Teller zerstören, -
11:02 - 11:07Sie zeigt uns vielmehr genau auf,
wie ernst wir uns selber nehmen, -
11:07 - 11:12und dass wir von Anderen
ebenso ernst genommen werden wollen. -
11:12 - 11:16Wenn dies passiert sind die Chancen hoch,
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11:16 - 11:21dass Frauen lächeln können,
wenn sie das wirklich möchten. -
11:21 - 11:23(Applaus)
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11:23 - 11:24Danke.
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11:24 - 11:27(Applaus) (Jubel)
- Title:
- Die Macht weiblicher Wut
- Speaker:
- Soraya Chemaly
- Description:
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Wut ist eine mächtige Emotion -- sie warnt uns vor Gefahren, Beleidigungen, Demütigungen und Leid. Auf der ganzen Welt wird Frauen und Mädchen aber beigebracht, ihre Wut besser zu unterdrücken, sagt Autorin Soraya Chemaly. Warum ist das so und was verlieren wir mit diesem Schweigen? In einem provokanten, nachdenklichen Vortrag geht Chemaly der gefährlichen Lüge nach, dass Wut nicht feminin sein soll und zeigt wie die Wut der Frauen gerechtfertigt, gesund und ein potentieller Katalysator für Veränderung ist.
- Video Language:
- English
- Team:
closed TED
- Project:
- TEDTalks
- Duration:
- 11:43
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