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← Wie viele Leben können wir leben? | Sarah Kay | TEDxEast

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Showing Revision 9 created 10/30/2016 by Nadine Hennig.

  1. (Singt) Ich seh' den Mond.
    Der Mond sieht mich.
  2. Der Mond sieht jemanden,
    den ich nicht seh'.
  3. Gott segne den Mond,
    und Gott segne mich,
  4. und Gott segne diejenige,
    die ich nicht seh'.
  5. Wenn ich vor dir in
    den Himmel komm',
  6. dann mach' ich ein Loch
    und hol' dich durch.
  7. Ich werde deinen Namen
    auf jeden Stern schreiben
  8. und auf diese Weise
  9. scheint die Welt nicht so fern.
  10. Der Astronaut wird heute
    nicht zur Arbeit gehen.
  11. Er friert und ist krank.
  12. Er hat sein Handy, seinen Laptop, seinen
    Beeper und seinen Wecker ausgestellt.
  13. Auf seinem Sofa schläft
    eine fette gelbe Katze,
  14. Regentropfen prallen
    auf die Fensterscheibe
  15. und nicht die geringste Spur von
    Kaffee liegt in der Küchenluft.
  16. Jeder ist völlig durch den Wind.
  17. Die Techniker im 15. Stock
    haben aufgehört,
  18. an ihrem Teilchenbeschleuniger
    zu arbeiten.
  19. Der Antigravitationsraum
    ist nicht dicht
  20. und das sommersprossige Kind mit Brille,
  21. das den Müll hinaus
    bringen soll, ist nervös,
  22. sucht in der Tasche herum, lässt
    Bananenschale und Pappbecher fallen.
  23. Doch niemand bemerkt es.
  24. Sie sind zu beschäftigt damit,
    die verlorene Zeit auszurechnen.
  25. Wie viele Galaxien verlieren
    wir pro Sekunde?
  26. Wie lang, bis die nächste Rakete startet?
  27. Irgendwo löst sich ein Elektron
    aus seiner Elektronenwolke.
  28. Ein schwarzes Loch.
  29. Eine Mutter hat gerade den Tisch
    für das Abendessen gedeckt.
  30. Ein „Law and Order“-Marathon beginnt.
  31. Der Astronaut schläft.
  32. Er vergaß, seine
    Armbanduhr auszustellen,
  33. die wie ein metallener Puls
    gegen sein Handgelenk tickt.
  34. Er hört es nicht.
  35. Er träumt von Korallenriffen
    und Plankton.
  36. Seine Finger umklammern das
    Kissen, seine Tauchermaske.
  37. Er dreht sich auf die Seite.
    Öffnet auf einmal seine Augen.
  38. Er denkt, dass Taucher wohl den
    besten Job der Welt haben müssen.
  39. So viel Wasser zum Dahingleiten.
  40. (Applaus)
  41. Vielen Dank.
  42. Als ich klein war, konnte
    ich nicht verstehen,
  43. dass man nur ein einziges
    Leben leben kann.
  44. Das sage ich nicht
    im metaphorischen Sinne.
  45. Ich dachte wirklich, dass
    ich alles machen konnte,
  46. was man alles machen kann,
  47. und alles werden konnte,
    was man alles werden kann.
  48. Es war nur eine Frage der Zeit.
  49. Weder in punkto Alter,
    Geschlecht, Ethnie
  50. noch Epoche gab es
    eine Beschränkung.
  51. Ich war mir sicher, dass
    ich tatsächlich erfahre,
  52. wie es ist, ein Anführer der
    Bürgerrechtsbewegung zu sein,
  53. oder ein 10-jähriger Junge
    zu sein, der in den 1930ern
  54. auf einer amerikanischen Farm lebte,
  55. oder ein Kaiser der Zhang-
    Dynastie in China zu sein.
  56. Meine Mutter sagt,
    wenn mich Leute fragten,
  57. was ich werden wolle, war meine Antwort
    immer: Prinzessin-Ballerina-Astronaut.
  58. Sie versteht nicht,
    dass ich nicht versuchte,
  59. eine Art "kombinierten
    Superberuf" zu erfinden.
  60. Ich listete Berufe auf,
    die ich alle ausüben wollte:
  61. Prinzessin, Ballerina und Astronaut.
  62. Ich bin mir sicher, dass
    die Liste noch länger war.
  63. Denn ich wurde immer
    irgendwie unterbrochen.
  64. Es ging nie um das "Ob",
    sondern nur um das "Wann".
  65. Ich war mir bewusst, dass,
    wenn ich all das tun wollte,
  66. das bedeutete, ich musste
    bald aktiv werden,
  67. weil es noch sehr viel zu tun gab.
  68. Ich befand mich immer in
    einem hektischen Zustand.
  69. Ich hatte immer Angst,
    hinter dem Zeitplan zu sein.
  70. Da ich in New York
    aufgewachsen bin, war Hektik,
  71. soweit ich das sagen kann,
    ziemlich normal.
  72. Als ich aber älter wurde, wurde
    ich mir allmählich bewusst,
  73. dass ich nur ein Leben
    würde leben können.
  74. Ich wusste nur, wie es war,
    ein pubertierendes Mädchen
  75. in New York zu sein,
  76. und nicht ein pubertierender
    Junge in Neuseeland
  77. oder eine Abschlussball-
    Königin in Kansas.
  78. Ich konnte alles nur durch
    meine eigenen Augen sehen.
  79. Von da an faszinierten mich Geschichten,
  80. weil ich durch Geschichten
    in der Lage war,
  81. die Welt mit den Augen der anderen zu
    sehen, sei es auch nur ganz kurz.
  82. Ich lechzte regelrecht danach,
    die Erfahrungen anderer zu hören,
  83. weil ich so eifersüchtig war,
    dass es ganze Lebenswege gab,
  84. die ich nie gehen konnte,
    und wollte all das hören,
  85. was ich nicht leben konnte.
  86. Nachdem ich vieles gehört
    hatte, wurde mir klar,
  87. dass manche Menschen nie
    erfahren werden, was es heißt,
  88. ein pubertierendes Mädchen
    in New York zu sein.
  89. Sie würden also nie wissen,
  90. wie sich die U-Bahnfahrt
    nach dem ersten Kuss anfühlt,
  91. oder wie still es wird,
    wenn es schneit.
  92. Sie sollten es erfahren,
    ich wollte es ihnen erzählen
  93. und darauf konzentrierte ich mich dann.
  94. Ich erzählte Geschichten,
    teilte und sammelte sie.
  95. Und erst vor kurzem
    ist mir klar geworden,
  96. dass ich Texte nicht immer
    in Windeseile verfassen kann.
  97. Im April, im "National Poetry Month",
    gibt es einen Wettbewerb,
  98. an dem viele aus der
    Lyrik-Szene teilnehmen.
  99. Es wird der „30/30-Wettbewerb“ genannt.
  100. Die Idee dahinter ist, jeden Tag im Monat
    April ein neues Gedicht zu schreiben.
  101. Letztes Jahr nahm ich zum 1. Mal daran
    teil und war völlig begeistert davon,
  102. dass ich Gedichte am
    laufenden Band produzieren konnte.
  103. Am Ende des Monats schaute ich mir
    diese 30 geschriebenen Gedichte an
  104. und entdeckte, dass sie alle die
    gleiche Geschichte erzählten.
  105. Ich hatte 30-mal die Geschichte erzählt,
    um herauszufinden, wie sie sein sollte.
  106. Mir wurde bewusst, dass dies für andere,
    viel längere Geschichten, genauso gilt.
  107. Ich schrieb Geschichten, die ich
    seit Jahren versuchte zu erzählen,
  108. immer wieder um und stets
    nach den richtigen Worten gesucht.
  109. Der französische Dichter und Essayist,
    namens Paul Valéry hat gesagt:
  110. "Ein Gedicht ist niemals vollendet,
    sondern nur halb fertig."
  111. Das macht mir Angst,
    denn das bedeutet ja,
  112. dass ich sie für immer und ewig
    umschreibe und selbst entscheide,
  113. wann die Gedichte fertig sind
    und ich davon lassen kann.
  114. Aber das verstößt gegen
    meine perfektionistischen Züge,
  115. also immer die richtige Antwort, Form
    und die richtigen Worte zu finden.
  116. Mit Lyrik bahnte ich mir meinen Weg
    durch das Leben und verarbeitete Dinge.
  117. Aber nur, weil ich ein Gedicht
    beendet habe, heißt das nicht,
  118. dass ich die Lösung für ein bestimmtes
    Problem gefunden habe.
  119. Ich sehe mir gern alte Gedichte an,
  120. weil sie mir genau zeigen, wo ich
    in diesem Moment im Leben war,
  121. und was ich versucht
    habe, zu verarbeiten,
  122. und welche Worte ich dafür gewählt habe.
  123. Seit Jahren trage ich
    eine Geschichte mit mir herum,
  124. bei der ich nicht sicher bin,
    ob sie bereits abgeschlossen ist,
  125. oder ob dies nur ein weiterer Versuch ist
  126. und ich sie später umschreiben werde,
  127. um sie auf eine bessere
    Weise zu erzählen.
  128. Aber das weiß ich erst später,
    wenn ich darauf zurückschaue,
  129. werde ich es wissen: Da war ich gerade
  130. in diesem Moment und das
    habe ich versucht zu verarbeiten,
  131. mit diesen Worten, hier,
    in diesem Raum, mit Ihnen.
  132. Also -- lächeln.
  133. Es ist nicht immer so gewesen.
  134. Es gab eine Zeit, da musste man sich
    die Hände dreckig machen.
  135. Wenn du im Dunkeln warst, die meiste
    Zeit, musstest du herumtasten.
  136. Brauchte man mehr Kontrast,
    mehr Sättigung,
  137. dunklere Schatten und hellere Lichter,
  138. nannte man das Weiterentwicklung.
  139. Das hieß, man war den
    Chemikalien länger ausgesetzt,
  140. länger bis zum Handgelenk.
  141. Es war nicht immer leicht.
  142. Opa Stewart war ein Fotograf
    bei der amerikanischen Marine.
  143. Jung, rosige Wangen mit
    umgekrempelten Ärmeln,
  144. richtige Wurstfinger,
  145. er sah aus wie Popeye,
    der Seemann, leibhaftig.
  146. Mit schiefem Lächeln und
    Püscheln von Brusthaaren
  147. kam er im 2. Weltkrieg an,
    mit einem Grinsen und einem Hobby.
  148. Als sie ihn fragten, ob er
    viel über Fotografie wüsste,
  149. log er, lernte, Europa wie
    eine Karte zu lesen,
  150. von oben nach unten,
    vom Kampfflugzeug aus,
  151. die Kamera knipste, die Lider
    zuckten, die dunkelsten Schatten
  152. und die hellsten Lichter.
  153. Er lernte den Krieg so kennen,
    wie er seinen Heimweg kannte.
  154. Als die anderen Männer zurückkehrten,
    taten sie ihre Waffen weg,
  155. aber er nahm die Linsen und
    die Kameras mit nach Hause.
  156. Eröffnete ein Geschäft und
    gründete ein Familienunternehmen.
  157. Mein Vater wurde in diese Welt von
    Schwarz und Weiß hinein geboren.
  158. Seine Basketballhände lernten,
    den Knipser zu betätigen,
  159. die Linsen in die Fassungen, den
    Film in die Kamera zu schieben,
  160. und die Chemikalien
    in Plastikbecken zu füllen.
  161. Sein Vater kannte die Ausrüstung,
    aber nicht mit der Kunst.
  162. Er kannte die Schatten,
    aber nicht die Lichter.
  163. Mein Vater erlernte die Magie, verbrachte
    die Zeit damit, dem Licht zu folgen.
  164. Einmal reiste er durchs ganze Land,
    um einem Waldbrand zu folgen.
  165. Er jagte ihm mit seiner Kamera
    eine Woche lang hinterher.
  166. "Folge dem Licht", sagte er.
  167. "Folge dem Licht."
  168. Es gibt eine Zeit, an die ich mich
    nur durch Fotografien erinnere.
  169. Das Loft in der Wooster Street
    mit knarrenden Dielen,
  170. 4 m hohen Decken, weißen
    Wänden und kalten Böden.
  171. Das war das Zuhause meiner
    Mutter, bevor sie Mutter war.
  172. Bevor sie Ehefrau war,
    war sie Künstlerin.
  173. Die einzigen zwei Räume
    in dem Haus,
  174. bei denen die Wände
    bis an die Decke reichten,
  175. und die schließende Türen hatten,
  176. waren das Bad und die Dunkelkammer.
  177. Die Dunkelkammer baute sie sich selbst,
  178. mit speziell angefertigten
    Edelstahlbecken,
  179. einem 8x10"-Vergrößerungsgerät,
  180. das sich mit einer riesigen Handkurbel
    auf- und abbewegen ließ,
  181. einer bunten Lichtschleuse,
  182. einer weißen Glaswand
    zur Bilderansicht,
  183. einem Trockengestell, das sich
    aus der Wand herausziehen ließ.
  184. Meine Mutter baute sich
    eine Dunkelkammer.
  185. Machte sie ihr Zuhause.
  186. Verliebte sich in einen Mann
    mit Basketballhänden,
  187. in die Weise, wie er
    das Licht betrachtete.
  188. Sie heirateten. Bekamen ein Kind.
  189. Zogen in ein Haus
    in der Nähe eines Parks.
  190. Aber sie behielten
    das Loft in der Wooster Street,
  191. nutzten es für Geburtstagsfeiern
    und Schatzsuchen.
  192. Das Kind brachte Farbe in ihr Leben.
  193. Füllte die Fotoalben ihrer
    Eltern mit roten Ballons
  194. und gelben Zuckergüssen.
  195. Das Kind wuchs zu einem Mädchen
    ohne Sommersprossen heran,
  196. mit einem schiefen Lächeln,
  197. das nicht verstand, warum ihre Freunde
  198. keine Dunkelkammern
    in ihren Häusern hatten.
  199. Das ihre Eltern nie küssen sah,
  200. das nie sah, wie sie Händchen hielten.
  201. Aber eines Tages kam
    ein weiteres Kind zur Welt.
  202. Es hatte perfekt, glatt gestrichene
    Haare und Hamsterbäckchen.
  203. Sie nannten ihn Süßkartoffel.
  204. Er lachte so laut,
  205. dass er den Tauben auf
    der Feuerleiter Angst einjagte.
  206. Die vier lebten in dem Haus,
    in der Nähe des Parks.
  207. Das Mädchen ohne Sommersprossen
    und der Süßkartoffel-Junge,
  208. der Basketball-Vater und
    die Dunkelkammer-Mutter,
  209. sie zündeten ihre Kerzen an,
    sprachen ihre Gebete
  210. und die Fotografien
    bekamen krumme Ecken.
  211. Eines Tages fielen Türme
  212. und das Haus in der Nähe des Parks
    wurde zu einem Haus unter Asche,
  213. also flüchteten sie.
  214. Mit Rucksäcken, auf Fahrrädern
    zu den Dunkelkammern,
  215. aber das Loft in der Wooster Street
  216. war für einen Künstler eingerichtet,
    nicht für eine Taubenfamilie
  217. und Wände, die nicht
    bis zur Decke reichen,
  218. halten keine Schreie aus
  219. und ein Mann mit Basketball-
    Händen tat seine Waffen weg.
  220. Er konnte diesen Krieg nicht kämpfen
  221. und keine Karten zeigten ihm
    den Weg nach Hause.
  222. Seine Hände passten nicht
    länger zu seiner Kamera,
  223. zu der seiner Frau, zu seinem Körper.
  224. Der Süßkartoffel-Junge drückte
    seine Fäuste in seinen Mund,
  225. bis er nichts mehr zu sagen hatte.
  226. Also ging das Mädchen ohne
    Sommersprossen allein auf Schatzsuche.
  227. In der Wooster Street, in einem
    Gebäude mit knarrenden Dielen
  228. und einem Loft mit 4 m hohen Decken
  229. und einer Dunkelkammer
    mit zu vielen Becken
  230. unter der bunten Lichtschleuse
    fand sie eine Notiz,
  231. mit einer Zwecke an der Wand befestigt,
    noch aus der Zeit vor den Türmen,
  232. noch aus der Zeit vor den Kindern.
  233. Da stand: "Ein Junge liebt das Mädchen,
    das in der Dunkelkammer arbeitet."
  234. Das war ein Jahr, bevor mein Vater wieder
    eine Kamera in die Hand nahm.
  235. Das erste Mal draußen folgte
    er den Weihnachtslichtern,
  236. die ihren Weg durch die Bäume
    von New York leuchteten.
  237. Winzige Lichtpunkte blinkten aus ihm
    heraus, aus den dunkelsten Schatten.
  238. Ein Jahr später reiste er durchs ganze
    Land, um einem Waldbrand zu folgen.
  239. Eine Woche lang jagte er ihm
    mit seiner Kamera hinterher.
  240. Er wütete an der Westküste
  241. und wirbelte Sattelschlepper
    durch die Luft.
  242. Auf der anderen Seite des Landes
  243. ging ich zur Schule und schrieb ein
    Gedicht an den Rand meines Heftes.
  244. Wir haben beide die Kunst
    des Einfangens erlernt.
  245. Vielleicht lernen wir auch
    die Kunst des Fassens.
  246. Vielleicht lernen wir auch
    die Kunst des Loslassens.
  247. Vielen Dank. (Applaus)