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← Ping Pong und das Rätsel des Sieges

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Showing Revision 9 created 08/21/2020 by Angelika Lueckert Leon.

  1. Jede zweite Nacht in Japan
  2. verlasse ich meine Wohnung,
  3. laufe 15 Minuten lang einen Hügel hoch
  4. und gehe dann in
    meinen lokalen Fitnessclub,
  5. wo drei Ping-Pong-Platten
    im Studio aufgebaut sind.
  6. Der Platz ist begrenzt,
  7. weswegen an jedem Tisch
  8. zwei Spieler ihre Vorhand trainieren,
  9. zwei weitere trainieren ihre Rückhand
  10. und hin und wieder treffen sich
    die Bälle in der Luft
  11. und alle sagen "Wow!"
  12. Dann werden Partner ausgelost
    und Doppel gespielt.
  13. Ich kann Ihnen allerdings
    nicht sagen, wer gewonnen hat,
  14. weil wir alle fünf Minuten
    Partner wechseln.
  15. Jeder gibt sich sehr viel Mühe,
  16. Punkte zu machen,
  17. aber niemand schreibt sich auf,
    wer das Spiel gewonnen hat.
  18. Nach ungefähr einer Stunde
    größter Anstrengung,
  19. kann ich Ihnen ehrlich sagen,
  20. dass nicht wissen, wer gewonnen hat,
  21. sich wie der ultimative Sieg anfühlt.
  22. In Japan, so sagt man,

  23. erzeugt man Kampfgeist
    ohne den Kampf.
  24. Wir Ihr alle wisst,
    versteht man Geopolitik am besten
  25. indem man sich Ping Pong anschaut.

  26. (Lachen)

  27. Die zwei größten Weltmächte
    waren die erbittersten Feinde

  28. bis 1972 ein
    amerikanisches Ping-Pong-Team
  29. das kommunistische China besuchen durfte.
  30. Und sobald sich diese ehemaligen Gegner
  31. an kleinen, grünen Tischen versammelten,
  32. konnte jeder von ihnen den Sieg erringen
  33. und die gesamte Welt konnte aufatmen.
  34. Das chinesische Oberhaupt, Mao Zedong,
  35. schrieb eine ganze
    Anleitung für Tischtennis
  36. und er nannte den Sport
    eine spirituelle Atomwaffe.
  37. Und man sagt,
  38. dass das einzige lebenslange Ehrenmitglied
  39. des US-Tischtennisverbands
  40. der damalige Präsident Richard Nixon ist,
  41. der dazu beitrug,
    diese Win-Win-Situation zu arrangieren,
  42. indem er Tischtennis-Dimplomatie nutze.
  43. Aber wirklich schon lange vorher
  44. wurde die Geschichte der modernen Welt
  45. am besten durch einen
    springenden weißen Ball erzählt.
  46. "Ping Pong" klingt ähnlich wie "Sing Song"

  47. wie etwas Fernöstliches.
  48. Aber in Wirklichkeit geht man davon aus,
  49. dass es von gehobenen
    Briten erfunden wurden,
  50. die im viktorianischen Zeitalter
    damit anfingen,
  51. nach dem Dinner Weinkorken
    über Bücher zu schlagen.
  52. (Lachen)
  53. Ich übertreibe nicht.

  54. (Lachter)

  55. Am Ende des ersten Weltkrieges

  56. wurde der Sport von Spielern
    des früheren Österreich-Ungarns bestimmt:
  57. Acht von neun früheren Weltmeisterschaften
  58. wurden von Ungarn gewonnen.
  59. Osteuropäer wurden so geschickt darin,
  60. alles zurück zu schlagen,
    was ihnen zugeschlagen wurden,
  61. dass sie beinahe den gesamten Sport
    zu einem Stillstand zwangen.
  62. Man sagte bei einem Meisterschaftsspiel
    in Prag im Jahr 1936
  63. wurde der erste Punkt erst nach
    zwei Stunden und 12 Minuten erspielt.
  64. Der erste Punkt!
  65. Länger als ein "Mad Max"-Film.
  66. Laut einem Spieler musste der Schiedsrichter
    wegen eines steifen Nackens zurücktreten
  67. noch bevor der Punkt errungen wurde.
  68. (Lachen)

  69. Der selbe Spieler begann den Ball
    mit seiner Linken zurückzuschlagen

  70. und befahl Schachzüge
    zwischen den Schlägen.
  71. (Lachen)

  72. Viele Zuschauer verließen
    natürlich das Match,

  73. denn dieser eine Punkt
    dauerte vielleicht 12.000 Schläge.
  74. Eine Krisensitzung
    des Internationalen Tischtennisbundes
  75. musste an Ort und Stelle abgehalten werden
  76. und schon bald wurden die Regeln geändert,
  77. damit kein Spiel länger
    als 20 Minuten andauern konnte.
  78. (Lachen)

  79. Sechszehn Jahre später
    schaltet sich Japan ein,

  80. als ein unbekannter Uhrenherrsteller
    namens Hiroji Satō
  81. 1952 bei der Weltmeisterschaft
    in Mumbai auftauchte.
  82. Satō war nicht sehr groß,
    er wurde nicht hoch gehandelt,
  83. er trug eine Brille,
  84. aber er war bewaffnet mit einem Schläger,
    der keine Pimpen besaß,
  85. anders als andere Schläger,
  86. und von einem dicken, schwammigen
    Schaumgummi überzogen war.
  87. Dank dieser stillschweigenden Geheimwaffe
  88. gewann der unbekannte Satō
    die Goldmedaille.
  89. Eine Millionen Menschen
    gingen auf die Straßen Tokios,
  90. um ihn bei seiner Rückkehr zu begrüßen,
  91. und Japans Wiederaufleben
    nach dem Krieg wurde in Gang versetzt.
  92. Was ich aber während meiner
    regulären Spielen in Japan lernte,

  93. kann man eher den inneren Sport
    der Weltherrschaften nennen,
  94. auch bekannt als das Leben.
  95. Wir spielen nie Einzel in unserem Verein,
  96. nur Doppel,
  97. und weil wir, wie gesagt,
    alle fünf Minuten die Partner wechseln,
  98. und du doch verlieren solltest
  99. ist es sehr wahrscheinlich,
    dass du sechs Minuten später gewinnst.
  100. Wir spielen auch auf einen Gewinnsatz,
  101. daher gibt es meist gar keinen Verlierer.
  102. Ping Pong-Diplomatie.
  103. Ich erinnere mich immer daran,
    dass, als ich in England aufwuchs,

  104. mir beigebracht wurde, dass es
    beim Spiel darum geht zu gewinnen.
  105. Aber in Japan glaube ich eher,
    dass es bei Spielen darum geht,
  106. sich so viele Menschen wie möglich
    als Gewinner fühlen zu lassen.
  107. Also schlittert man nicht rauf und runter,
    wie man es als Individuum tut,
  108. sondern man ist Teil eines
    gleichmäßigen, beständigen Chors.
  109. Die besten Spieler in unserem Club
  110. benutzen ihr Können dafür,
    einen 9:1 Vorsprung für ihr Team
  111. in ein 9:9-Spiel umzuwandeln,
    bei dem jeder intensiv involviert ist.
  112. Und mein Freund, der diese hohen
    sich windenden Lupfer trifft,
  113. bei denen kleinere Spieler
    wild um sich schlagen und verfehlen,
  114. tja, er macht viele Punkte, aber
    ich glaube man sieht ihn als Verlierer an.
  115. In Japan, ist ein Ping-Pong-Spiel
    wie ein Akt der Liebe.
  116. Man lernt eher wie man mit jemanden spielt
  117. als gegen jemanden.
  118. Und ich gebe zu,

  119. Anfangs schien es mir als nähme es
    dem Sport den ganzen Spaß.
  120. Ich konnte mich nach einem
    unglaublichen Überraschungserfolg
  121. nicht über einen Sieg
    gegen die stärksten Gegner freuen,
  122. denn sechs Minuten später
    und mit einem neuen Partner
  123. lang ich wieder hinten.
  124. Andererseits fühlte ich mich
    nie niedergeschlagen.
  125. Als ich aus Japan weg flog
    und wieder Einzel spielte,
  126. gegen meinem englischen Erzfeind,
  127. fühlte ich mich nach
    jeder Niederlage untröstlich.
  128. Doch auch nach jedem Sieg
    konnte ich nicht schlafen,
  129. denn ich wusste weiter hoch geht es nicht,
  130. es geht nur noch nach unten.
  131. Würde ich versuchen,
    in Japan Geschäfte zu machen,

  132. würde das zu endloser Frustration führen.
  133. In Japan, anders als sonstwo,
  134. falls der Punktestand nach Stunden
    noch gleich hoch ist,
  135. endet ein Baseballspiel
    in einem Unentschieden.
  136. Da Ligaplatzierungen
    auf den Gewinnprozentsatz basieren
  137. kann sich ein Team
    mit vielen Unentschieden
  138. vor einem Team mit mehr Siegen platzieren.
  139. Einer der ersten Amerikaner,
    der nach Japan gebracht wurde,

  140. um ein professionelles japanisches
    Baseballteam anzuführen,
  141. war Bobby Valentine, im Jahr 1995.
  142. Er nahm diese wirklich mittelmäßige Gruppe
  143. und führte sie zu einem
    unglaublichenzweiten Platz
  144. und wurde sofort gefeuert.
  145. Warum?
  146. "Tja", sagte der Teamsprecher,
  147. "wegen seiner Fixierung aufs Gewinnen."
  148. (Lachen)

  149. Das öffentliche Japan kann sich
    sehr wie dieser eine Punkt anfühlen,

  150. der zwei Stunden und 12 Minuten
    gebraucht haben soll,
  151. und wenn man spielt,
    um nicht zu verlieren,
  152. kann all die Fantasie, den Wagemut,
    die Aufregung nehmen.
  153. Gleichzeitig erinnert mich
    das Spielen von Ping Pong in Japan daran,

  154. warum Chöre generell
    mehr Spaß haben als Solisten.
  155. In einem Chor ist es die einzige Aufgabe,
    seinen kleinen Part perfekt zu spielen,
  156. seine Töne mit Gefühl zu treffen
  157. und dadurch eine wunderschöne
    Harmonie entstehen zu lassen,
  158. die viel größer ist,
    als die Summer ihrer Teile.
  159. Ja, ein Chor benötigt zwar einen Dirigent,
  160. aber ich denke Chöre befreien einen
    von der kindlichen Idee vom Entweder-Oder.
  161. Man erkennt, dass das Gegenteil
    von Gewinnen nicht Verlieren ist,
  162. sondern das große Ganze nicht zu erkennen.
  163. Im Laufe meines Lebens

  164. hat mich wirklich überrascht,
    dass kein Ereignis
  165. sich noch Jahre danach,
    wirklich bewerten lässt.
  166. Ich habe mal alles verloren,
    was ich auf der Welt besaß,
  167. jede einzelne Sache,
    in einem Lauffeuer.
  168. Aber mit der Zeit erkannte ich,
    dass es dieser vermeintliche Verlust war,
  169. der es mir erlaubte,
    mit mehr Sanftmut zu leben,
  170. zu schreiben, ohne Notizen zu machen,
  171. und, sogar, nach Japan zu ziehen,
  172. zum innerlichen Fitnessclub
    bekannt als Ping-Pong-Tisch.
  173. Umgekehrte, stolperte ich einst
    in den perfekten Job
  174. und ich erkannte,
    dass sich vermeintliches Glück
  175. wahrer Freude in den Weg stellen kann,
  176. mehr noch, als es das Unheil kann.
  177. In Japan Doppel zu spielen, befreit
    mich wirklich von all meinen Ängsten,

  178. und am Ende jedes Abends,
  179. sehe ich wie jeder hinausmarschiert,
    mehr oder weniger gleich froh.
  180. Jede Nacht stelle ich erneut fest,
  181. dass Vorankommen, nicht dasselbe ist
    wie in Rückstand geraten,
  182. genauso wie nicht lebhaft sein,
    nicht das selbe wie tot sein ist.
  183. Und ich begann zu verstehen,
  184. warum chinesische Universitäten
    einen Abschluss in Ping Pong anbieten
  185. und warum Forscher entdeckten,
  186. dass Ping Pong sogar bei leichteren
    psychischen Störungen helfen kann
  187. und sogar bei Autismus.
  188. Doch wenn ich die Olympischen Spiele
    2020 in Tokio anschaue,
  189. werde ich mir äußerst bewusst sein,
  190. dass man kaum sagen werden kann,
    wer gewonnen oder verloren hat,
  191. für eine lange Zeit.
  192. Sie erinnern sich an den Punkt,
    den ich erwähnte

  193. der zwei Stunden und 12 Minuten andauerte?
  194. Einer der Spieler dieses Matches
    fand sich, sechs Jahre später,
  195. in den Konzentrationslagern
    von Auschwitz und Dachau wieder.
  196. Aber er schaffte es lebend heraus.
  197. Warum?
  198. Nur weil einer der Wächter der Gaskammern
  199. Ihn als früheren
    Ping-Pong-Spieler erkannte.
  200. War er der Sieger dieses epischen Spiels?
  201. Das hatte kaum Bedeutung.
  202. Wie Sie sich erinnern, verließen viele
    das Spiel noch vor dem ersten Punkt.
  203. Das einzige, was ihn rettete,
  204. war, dass er am Spiel teilnahm.
  205. Die beste Art und Weise
    um jedes Spiel zu gewinnen,

  206. so zeigt es mir Japan jede zweite Nacht,
  207. ist nie, nie, an den Punktestand zu denken
  208. Danke.

  209. (Applaus)