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← Wie ich die Geheimnisse antiker Texte lüfte

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Showing Revision 29 created 08/18/2016 by Nadine Hennig.

  1. Am 26. Januar 2013
  2. drangen einige Al-Qaida-Kämpfer
    in die antike Stadt Timbuktu
  3. am südlichen Rand der Sahara ein.
  4. Sie steckten eine alte Bibliothek
    in Brand, die 30 000 Handschriften
  5. auf Arabisch und verschiedenen
    afrikanischen Sprachen enthielt
  6. und Themen der Astronomie, Geografie,
    Geschichte und Medizin umfasste,
  7. einschließlich eines Buches,
  8. das die vielleicht erste Behandlung
    männlicher Erektionsstörung enthielt.
  9. Im Westen völlig unbekannt, war dies
    der Wissensschatz eines ganzen Kontinents;
  10. die Stimme Afrikas zu einer Zeit,
  11. in der man dachte,
    Afrika habe keine Stimme.
  12. Bamakos Bürgermeister
    war Zeuge der Ereignisse.
  13. Er nannte das Verbrennen der Schriften
  14. ein "Verbrechen am Weltkulturerbe".
  15. Er hatte Recht --
  16. oder hätte Recht gehabt,
    wenn er nicht gelogen hätte.
  17. Tatsächlich hatten
    afrikanische Studenten kurz zuvor

  18. eine zufällige Auswahl alter Bücher
  19. den Terroristen
    zur Verbrennung überlassen.
  20. Heute ist die Sammlung
    in Bamako versteckt,
  21. der Hauptstadt Malis,
  22. und vermodert in der feuchten Luft.
  23. Was durch List gerettet wurde,
  24. ist jetzt wieder in Gefahr,
  25. diesmal durch das Klima.
  26. Aber Afrika und die entlegenen
    Ecken der Welt

  27. sind weder die einzigen Orte
    noch die Hauptorte,
  28. an denen Handschriften, die die Geschichte
    der Weltkultur verändern könnten,
  29. in Gefahr sind.
  30. Vor einigen Jahren habe ich eine Umfrage
    an europäischen Bibliotheken geleitet
  31. und entdeckt, dass mindestens
    60 000 Handschriften
  32. aus einer Zeit vor dem Jahr 1500
  33. durch Wasserschäden,
  34. verblassende Schrift, Schimmel
    und chemische Reagenzien unlesbar sind.
  35. Die wirkliche Zahl ist
    vermutlich doppelt so hoch.
  36. Und das schließt nicht einmal
  37. Schriften der Renaissance, der Moderne
  38. und Kulturerbe-Objekte
    wie Landkarten mit ein.
  39. Was wäre, wenn es eine Technik gäbe,

  40. die verlorene und unbekannte Werke
    wiederherstellen könnte?
  41. Stellen Sie sich vor, wie ein Fund
  42. von tausenden bisher unbekannten Texten
  43. unser Wissen über die Vergangenheit
    weltweit grundlegend verändern könnte.
  44. Stellen Sie sich vor, welche unbekannten
    Werke wir entdecken würden,
  45. die den Bildungskanon
    von Literatur, Geschichte,
  46. Philosophie und Musik
    umschreiben würden.
  47. Oder provokanter: unsere kulturellen
    Identitäten neu schreiben
  48. und neue Brücken zwischen den Menschen
    und der Kultur bauen würden.
  49. Diese Fragen machten mich
  50. von einem Mediävisten und Leser von Texten
  51. zu einem Textwissenschaftler.
  52. Wie unbefriedigend das Wort "Leser" ist!

  53. In mir ruft es Bilder
    von Passivität hervor,
  54. von einem, der müßig im Lehnstuhl sitzt
  55. und erwartet, dass das Wissen
  56. in fertigen Päckchen zu ihm kommt.
  57. Wie viel besser ist,
    an der Vergangenheit teilzunehmen
  58. als Abenteurer in einem unentdeckten Land,
  59. auf der Suche nach dem verborgenen Text.
  60. Als Akademiker war ich bloß ein Leser.
  61. Ich las und lehrte dieselben Klassiker,
  62. die Menschen seit Jahrhunderten
    gelesen und gelehrt hatten:
  63. Virgil, Ovid, Chaucer und Petrarca.
  64. Mit jeder wissenschaftlichen Publikation
  65. trug ich mit sich stetig verringernden
    Erkenntnissplittern zum Wissensstand bei.
  66. Eigentlich wollte ich
  67. ein Archäologe der Vergangenheit sein,
  68. ein Entdecker der Literatur,
  69. ein Indiana Jones ohne Peitsche --
  70. oder eigentlich doch mit Peitsche.
  71. (Gelächter)

  72. Ich wollte das nicht nur für mich,
    sondern auch für meine Studenten.
  73. Daher änderte ich vor sechs Jahren
    meine berufliche Richtung.

  74. Damals arbeitete ich gerade
    an "Liebesschach",
  75. dem letzten wichtigen Langgedicht
    des europäischen Mittelalters,
  76. das nie veröffentlicht wurde,
  77. weil nur ein einziges
    Manuskript existierte,
  78. das bei der Bombardierung Dresdens
    im Zweiten Weltkrieg
  79. so schwer beschädigt wurde,
  80. dass ganze Forschergenerationen
    es für verloren erklärten.
  81. Fünf Jahre hatte ich
    mit einer UV-Lampe daran gearbeitet
  82. Schriftspuren zu vervollständigen
  83. und dabei herausgeholt,
  84. was die damalige Technik erlaubte.
  85. Ich tat, was viele Menschen tun:

  86. Ich suchte im Internet,
  87. wo ich herausfand,
  88. dass mittels Multispektraltechnik
  89. die Renovierung von
    zwei verlorenen Abhandlungen
  90. des berühmten griechischen
    Mathematikers Archimedes
  91. von Palimpseste des 13. Jahrhunderts --
  92. Manuskripte, die abgeschabt
    und überschrieben wurden -- geglückt war.
  93. Aus heiterem Himmel beschloss ich,

  94. mich mit einem Konzept und einer Bitte
  95. an den führenden Bildwissenschaflter
  96. des Archimedes-Palimpsest-Projektes,
  97. Professor Roger Easton, zu wenden.
  98. Zu meiner Überraschung antwortete er.
  99. Mit seiner Hilfe erhielt ich
    die Unterstützung der US-Regierung,
  100. um ein tragbares
    Multispektraltechniklabor zu bauen.
  101. Mit diesem Labor verwandelte ich das
    angekohlte und verblasste Durcheinander
  102. in neue mittelalterliche Klassiker.
  103. Wie funktioniert Multispektraltechnik?

  104. Hinter der Technik steckt etwas,
  105. das jeder, der mit
    Infrarotnachtsichtgeräten vertraut ist,
  106. sofort verstehen wird:
  107. Das für uns sichtbare
    Lichtspektrum zeigt nur
  108. einen winzigen Teil
    des eigentlich Vorhandenen.
  109. Das gleiche gilt für unsichtbare Schrift.
  110. Unser System nutzt zwölf Lichtwellenlängen
  111. zwischen Ultraviolett und Infrarot,
  112. die durch LED-Röhren
    von oben auf das Manuskript strahlen.
  113. Ein anderes multispektrales Licht
  114. strahlt von unten durch die einzelnen
    Seiten des Manuskripts.
  115. Bis zu 35 Bilder werden
    pro Sequenz und Blatt abgelichtet,
  116. durch eine leistungsstarke Digitalkamera
  117. mit einer Linse aus Quarz.
  118. Davon gibt es auf der Welt nur fünf.
  119. Die gemachten Bilder
  120. werden durch statistische Algorithmen
  121. verbessert und gereinigt,
  122. mit einer Software, die für
    Satellitenbilder konzipiert wurde
  123. und von Wissenschaftlern
    zum Sammeln von Geoinformationen
  124. und der CIA benutzt wird.
  125. Die Ergebnisse können sensationell sein.

  126. Sie wissen vielleicht,
  127. was man mit den
    Qumranschriften gemacht hat,
  128. die langsam gelieren.
  129. Mit Infrarotlicht konnten
    wir sogar die dunkelsten Ecken
  130. der Quamranschriften lesen.
  131. Sie wissen vielleicht nicht,
  132. dass auch andere
    biblische Texte in Gefahr sind.
  133. Dies ist etwa das Blatt einer Handschrift,

  134. die wir abgebildet haben,
  135. aus der vielleicht kostbarsten
    christlichen Bibel der Welt.
  136. Der Codex Vercellensis ist die älteste
    lateinische Übersetzung der Evangelien
  137. und stammt aus der ersten Hälfte
    des vierten Jahrhunderts.
  138. Näher kommen wir an die Bibel
  139. aus der Gründungszeit des Christentums
  140. unter Kaiser Konstantin
  141. und zurzeit des Konzils von Nicäa,
  142. als die Basis des christlichen Glaubens
    formuliert wurde, nicht heran.
  143. Diese Handschrift wurde
    leider sehr schwer beschädigt,
  144. weil sie jahrhundertelang
  145. für Vereidigungsfeiern in der Kirche
  146. benutzt und angefasst wurde.
  147. Der lilafarbene Klecks
    oben links in der Ecke
  148. ist Gießkannenschimmel,
  149. ein Pilz, der von den ungewaschenen Händen
  150. einer mit Tuberkulose
    infizierten Person stammt.
  151. Unsere Bildtechnik ermöglichte es,
    die erste Transkription
  152. dieser Handschrift
    in 250 Jahren vorzunehmen.
  153. Ein Labor, das man mitnehmen kann,
    wo immer es gebraucht wird,

  154. ist nur Teil der Lösung.
  155. Die Technik ist teuer und sehr selten.
  156. Ihre Handhabung und
    die Bildverarbeitung ist kompliziert.
  157. Eine Wiederherstellung anzugehen,
  158. ist den wenigsten Forschern
    und reichsten Institutionen vorbehalten.
  159. Deshalb habe ich
    das Lazarus-Projekt gegründet,
  160. eine gemeinnützige Initiative,
  161. um die Multispektraltechnik einzelnen
    Forschern und kleinen Institutionen
  162. günstig oder kostenfrei anzubieten.
  163. In den letzten fünf Jahren
  164. hat unser Team aus Wissenschaftlern,
    Gelehrten und Studenten
  165. in sieben verschiedenen Ländern
  166. einige der weltweit wertvollsten
    beschädigten Handschriften gerettet:
  167. auch das Vercelli Book,
    das älteste Buch auf Englisch,
  168. das Schwarze Buch von Carmarthen,
    das älteste in Walisisch
  169. und einige der kostbarsten
    frühen Evangelien,
  170. die man im ehemaligen sowjetischen
    Georgien gefunden hat.
  171. Die Spektraltechnik kann also
    verlorene Texte wiederherstellen

  172. und sogar eine zweite, subtilere
    Geschichte hinter den Objekten aufdecken:
  173. wie, wann und von wem
    der Text geschaffen wurde,
  174. und manchmal auch, was der Autor
    beim Schreiben gedacht hat.
  175. Ein Beispiel ist ein Entwurf
    der Unabhängigkeitserklärung,
  176. in Thomas Jeffersons Handschrift,
  177. die einige Kollegen vor ein paar Jahren
  178. in der Library of Congress
    abgebildet haben.
  179. Den Kuratoren war
    aufgefallen, dass ein Wort
  180. durchweg ausgekratzt
    und überschrieben war.
  181. Das darüber geschriebene Wort
    lautet "Bürger".
  182. Vielleicht erraten Sie,
    was darunter stand.
  183. "Untertanen".
  184. Hier sehen Sie, wie
    die amerikanische Demokratie
  185. sich in der Handschrift
    Thomas Jeffersons entwickelt hat.
  186. Oder denken Sie
    an die Martellus-Karte von 1491 --

  187. von uns in der Beinecke Library
    in Yale abgebildet.
  188. Kolumbus hat sie vermutlich
    zu Rate gezogen,
  189. bevor er in die Neue Welt reiste.
  190. Durch sie bekam er
    eine Vorstellung von Asien
  191. und der Lage Japans.
  192. Leider hatten ihre Tinte und Farbe
  193. sich mit der Zeit so zersetzt,
  194. dass auf der riesigen,
    fast zwei Meter großen Karte
  195. die Welt wie eine riesige Wüste aussah.
  196. Bisher war wenig Genaues darüber bekannt,
  197. was Kolumbus über die Welt
  198. und ihre kulturellen
    Erscheinungsformen wusste.
  199. Die Hauptlegende der Karte war
    mit normalem Licht völlig unlesbar.
  200. Ultraviolettes Licht half wenig.
  201. Die Multispektraltechnik
    hat uns alles gezeigt.
  202. Wir erfuhren von Monstern in Asien
    mit so langen Ohren,
  203. dass sie den gesamten Körper
    des Wesens bedecken konnten.
  204. Wir erfuhren von einer Schlange in Afrika,
    die den Boden zum rauchen brachte.
  205. Wie Sternenlicht Bilder des Universums
  206. aus ferner Vergangenheit übermittelt,
  207. kann multispektrales Licht
    uns zurück zu den holperigen Anfängen
  208. der Schaffung eines Dinges bringen.
  209. In diesem Licht werden wir Zeugen
    von Fehlern, Meinungsänderungen,
  210. Naivität, unzensierten Gedanken
  211. und der Unvollkommenheit
    menschlicher Fantasie,
  212. sodass diese geheiligten
    Objekte und ihre Schöpfer
  213. wirklicher werden
  214. und wir der Geschichte näherkommen.
  215. Und die Zukunft?

  216. Es gibt so vieles aus der Vergangenheit
  217. und kaum Leute mit der Fähigkeit,
    Objekte zu retten,
  218. bevor sie für immer verschwinden.
  219. Darum lehre ich seit kurzem
    ein neues interdisziplinäres Fach,
  220. das ich "Textwissenschaft" nenne.
  221. Sie vereint die traditionellen
    Fähigkeiten der Literaturgelehrten --
  222. alte Sprachen und Schriften
    lesen zu können,
  223. ihre Entstehung zu verstehen,
  224. sie zu verorten und zu datieren --
  225. mit neuen Techniken
    wie Bildwissenschaften,
  226. also Farb- und Pigmentchemie
  227. und computergestütze optische
    Buchstabenerkennung.
  228. Letztes Jahr arbeitete ein Student,

  229. ein Erstsemester mit Griechisch-
    und Lateinkenntnissen,
  230. an einem Palimpsest,
  231. das wir in einer berühmten Bibliothek
    in Rom fotografiert hatten.
  232. Während seiner Arbeit, erschienen hinter
    dem Text winzige griechische Buchstaben.
  233. Wir scharten uns um den Text
  234. und er las eine Zeile
    aus einem verlorenen Werk
  235. des griechischen
    Komödiendichters Menander vor.
  236. Zum ersten Mal in über tausend Jahren
  237. wurden diese Worte laut ausgesprochen.
  238. In diesem Moment wurde der Student
    zu einem Gelehrten.
  239. Meine Damen und Herren,
    das ist die Zukunft der Vergangenheit.

  240. Vielen Dank.

  241. (Applaus)