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← Ein dringendes Plädoyer für Tierhaltung ohne Antibiotika

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Showing Revision 19 created 07/14/2020 by Andrea Hielscher.

  1. Früher waren einfache Infektionen tödlich,
  2. doch dank der allgemeinen
    Verfügbarkeit von Antibiotika
  3. gehört das heute der Vergangenheit an.
  4. Eigentlich sollte ich sagen "gehörte",
  5. denn heute nutzen wir
    Antibiotika so ausgiebig,
  6. dass die Bakterien, die diese Infektionen
    auslösen, resistent werden.
  7. Das sollte uns allen
    eine Heidenangst machen.
  8. Wenn wir unser Verhalten nicht ändern
    und auf Antibiotika verzichten,
  9. wird laut Prognose der UN
  10. Antibiotikaresistenz bis zum Jahr 2050
    zu unserer häufigsten Todesursache.
  11. Wir müssen jetzt handeln.
  12. Aber wo anfangen? Eine gute Frage.
  13. Denn nicht nur wir Menschen
    nehmen Antibiotika.
  14. Weltweit werden 50 bis 80 %
    aller Antibiotika Tieren verabreicht.
  15. Nicht alle sind für Menschen gefährlich,
  16. aber wenn wir das jetzt nicht regulieren,
  17. sehen wir für Mensch und Tier
    einer düsteren Zukunft entgegen.
  18. Zunächst einmal:
    Wie konnte es soweit kommen?
  19. Antibiotika wurden Anfang der 1950er
    erstmals großflächig eingesetzt.
  20. In der westlichen Welt
    nahm der Wohlstand zu
  21. und die Nachfrage
    nach tierischem Eiweiß stieg.
  22. Kranke Tiere bekamen jetzt Antibiotika,
  23. so dass sie nicht starben
    und weiterwuchsen.
  24. Aber bald entdeckte man,
  25. dass kleine, regelmäßige
    Antibiotika-Dosen im Futter
  26. die Tiere gesund hielten,
    sie schneller wachsen ließen
  27. und geringere Futterrationen erforderten.
  28. Die Antibiotika wirkten also gut,
  29. sogar sehr gut.
  30. Mit zunehmender Tierproduktion
  31. schoss auch der weltweite
    Antibiotikaverbrauch in die Höhe.
  32. Das galt leider auch
    für die Antibiotikaresistenz.
  33. Der Arzt rät uns, die ganze
    Packung Antibiotika aufzubrauchen,
  34. denn sonst erwischen wir
    nicht alle Erreger.
  35. Die überlebenden werden
    gegen das Antibiotikum resistent.
  36. So auch, wenn Tiere regelmäßig,
    kleine Dosen Antibiotika bekommen:
  37. Einige Erreger sterben, aber nicht alle.
  38. Legt man das auf die ganze Industrie um,
  39. dann wird klar, dass wir ungewollt
    eine Menge Bakterien züchten,
  40. die gegen Antibiotika resistent sind.
  41. Aber leider muss ich sagen:
    Das Problem ist noch größer.
  42. Wissen Sie, wer noch Antibiotika nimmt?
  43. Ihre Katze Fluffy und Ihr Hund Rover.
  44. (Gelächter)
  45. Haustiere gehören sogar
    zu den stärksten Nutzern.
  46. Sie nehmen Antibiotika,
  47. die viel gefährlicher
    für den Menschen sind.
  48. Wenn man das enge Verhältnis
    zu unseren vierbeinigen Freunden bedenkt,
  49. verstehen Sie das Risiko,
  50. sich bei Ihrem eigenen Haustier
    mit resistenten Bakterien anzustecken.
  51. Doch wie stark sind wir von resistenten
    Bakterien in Nutztieren betroffen?
  52. Hier ein Beispiel, das wir belegen können.
  53. Bei Schweinen in Europa
    liegt der Prozentsatz von Salmonellen,
  54. die gegen verschiedene
    Antibiotika resistent sind,
  55. zwischen weniger als 1 % und bis zu 60 %.
  56. Also können gewisse Antibiotika
    die Salmonellen meist nicht mehr abtöten.
  57. Es gab auch einen engen Zusammenhang
  58. zwischen resistenten Salmonellen
    in Schweinen und im Endprodukt,
  59. seien es Schweinekoteletts,
    Rippchen oder Hackfleisch.
  60. Zum Glück enthält normalerweise
  61. weniger als 1 % rohes Fleisch,
    Fisch oder Eier überhaupt Salmonellen.
  62. Das ist nur bei unsachgemäßer
    Zubereitung ein Risiko.
  63. Trotzdem gibt es über 100.000
    Salmonellen-Fälle bei Menschen in der EU
  64. und mehr als eine Million in den USA.
  65. Dort führt das
    zu 23.000 Klinikaufenthalten
  66. und 450 Todesfällen im Jahr.
  67. Antibiotikaresistente
    Salmonellen nehmen zu --
  68. also steigen die Opferzahlen.
  69. Aber es geht nicht nur
    um uns als Verbraucher.
  70. Dieses Jahr infizierten sich
    über 100 Menschen
  71. mit multiresistenten Salmonellen.
  72. Sie hatten ihren Hunden
    Schweinsohren als Leckerli gegeben.
  73. Wir müssen Antibiotika in der Tierhaltung
    unbedingt reduzieren.
  74. Zum Glück bewegt sich hier etwas.
  75. Die EU verbot als erste Region
    niedrig dosierte Antibiotika im Futter.
  76. Seit 1999 wurde die erlaubte Menge
    von Antibiotika schrittweise reduziert
  77. und 2006 wurden sie komplett verboten.
  78. Antibiotika waren nur erlaubt,
  79. wenn ein Tierarzt
    eine Erkrankung feststellte.
  80. Klingt toll, oder? Problem gelöst.
  81. Doch nein, nicht so schnell.
  82. Nach Beginn des Reduktionsprogramms
    zeigte sich sehr bald:
  83. Antibiotika hatten in der Tierhaltung
    viele schlechte Praktiken verschleiert.
  84. Immer mehr Tiere wurden krank
    und mussten behandelt werden --
  85. mit Antibiotika.
  86. Also nahm die Gesamtmenge
    nicht ab, sondern sogar zu.
  87. Das war wohl der falsche Weg.
  88. Aber zum Glück war
    die Geschichte nicht zu Ende.
  89. Der gesamteuropäische Agrarsektor
    orientierte sich um
  90. und ich denke,
    dass alle davon lernen können.
  91. Damals wurde ich hier selbst tätig --
  92. bei einem großen europäischen
    Futtermittelbetrieb.
  93. Solche Betriebe stellen Bauern
    die komplette Tiernahrung zusammen
  94. und bieten oft auch Beratung
    zur optimalen Aufzucht.
  95. Ich war hoch motiviert,
  96. mit Kollegen, Tierärzten
    und natürlich den Bauern herauszufinden,
  97. wie man die Tiere gesund
    und frei von Antibiotika hält.
  98. Es gibt drei Hauptfaktoren
    für antibiotikafreie Tierhaltung.
  99. Hier sind die wichtigsten Punkte.
  100. Ganz klar fängt alles mit der Hygiene an:
  101. bessere Reinigung von Ställen
    und Trinkwasserleitungen,
  102. um Auftreten und Verbreitung
    von Krankheiten zu erschweren.
  103. Das ist sehr wichtig,
  104. aber was mich am meisten interessierte,
  105. war bessere Fütterung,
    bessere Ernährung der Tiere.
  106. Eine ausgewogene Kost ist wichtig.
  107. Sehen Sie es so:
  108. Ohne genug Ballaststoffe
    fühlen wir uns nicht wohl.
  109. Ein Teil der Nahrung
    wird nicht von uns verdaut,
  110. sondern im Dickdarm
    von Bakterien fermentiert.
  111. Wir füttern also die Mikroben
    mit einem Teil unserer Nahrung.
  112. Ursprünglich bekamen die meisten Jungtiere
  113. sehr fein gemahlene,
    leicht verdauliche Nahrung
  114. mit wenig Ballaststoffen,
    viel Stärke und Proteinen.
  115. Das ist, als ernährte man sich
    nur von Hamburgerbrötchen,
  116. Reiswaffeln und Eiweißriegeln.
  117. Wir boten stattdessen gröberes Futter
  118. mit weniger Proteinen
    und mehr Ballaststoffen --
  119. eine Art Speiseplan mit Vollkornprodukten
    und Salat mit Fleisch oder Bohnen.
  120. So wurde der Darm der Tiere
    von nützlicheren Bakterien besiedelt,
  121. und die Wahrscheinlichkeit
    der Ausbreitung von pathogenen gesenkt.
  122. Überraschenderweise spielt auch
    die Konsistenz der Nahrung eine Rolle.
  123. Dieselbe Nahrung in gröberer Form
  124. führt zu einem besser
    entwickelten Verdauungstrakt
  125. und so zu einem gesünderen Tier.
  126. Doch das Beste war,
    dass die Bauern das auch kauften.
  127. Im Gegensatz zu anderswo
  128. entscheiden Bauern in Westeuropa
    immer noch großteils unabhängig,
  129. wo sie Futter kaufen
    und an wen sie Tiere verkaufen.
  130. Was also verkauft wird,
  131. reflektiert die Bedürfnisse
    der örtlichen Bauern.
  132. In Ländern, die Antibiotika
    deutlich stärker reduzieren,
  133. wie etwa Deutschland und die Niederlande,
  134. enthielt die Nahrung für Ferkel
    bereits 10 bis 15 % weniger Protein
  135. als in Ländern wie Großbritannien,
    wo das langsamer geschieht.
  136. Ähnlich wie bessere Hygiene
    hilft bessere Ernährung zwar,
  137. kann aber nicht allein
    vor Krankheiten schützen.
  138. Dazu ist mehr nötig.
  139. Deshalb befassten wir uns
    mit dem Mikrobiom.
  140. Ist der ph-Wert des Tränkwassers geringer,
  141. entsteht eine günstige Umgebung
    für nützlichere Bakterien
  142. und pathogene werden abgewehrt.
  143. Wie fermentierte Lebensmittel,
    z. B. Joghurt, Sauerkraut oder Salami,
  144. verdirbt das auch nicht so schnell.
  145. Dank moderner Verfahren,
    etwa mithilfe von DNA-Tests, wird klar:
  146. Es gibt weit mehr Mikroorganismen
  147. und das Ökosystem,
    das wir Mikrobiom nennen,
  148. ist wesentlich komplexer.
  149. Es gibt im Verdauungssystem
    etwa achtmal so viele Mikroorganismen
  150. wie Gewebezellen in unserem Körper.
  151. Bei Tieren ist das nicht anders.
  152. Wenn wir also Tierhaltung
    ohne Antibiotika wollen,
  153. müssen wir die Tiere
    viel robuster machen,
  154. damit sie bei Ausbruch einer Krankheit
    viel widerstandsfähiger sind.
  155. Der dreigliedrige "Nutribiosis"-Ansatz,
  156. bestehend aus dem Tier,
    der Ernährung und dem Mikrobiom,
  157. ist der Weg zum Ziel.
  158. Tierzucht-Methoden mit einer Ernährung,
  159. die Antibiotika enthält
    oder deren Einsatz vorsieht,
  160. ist für die Bauern etwas billiger.
  161. Aber für den Verbraucher
    sind das am Ende wenige Prozent.
  162. Für Menschen mit mittlerem
    und hohem Einkommen ist das erschwinglich.
  163. Und der Preis ist sehr gering,
  164. wenn es um unsere Gesundheit
    oder die unserer Nächsten geht.
  165. Welchen Weg sollen wir also einschlagen?
  166. Soll Antibiotikaresistenz
    unsere häufigste Todesursache werden,
  167. verbunden mit hohen Kosten
    und persönlichen Risiken?
  168. Oder beginnen wir neben der Reduktion
    von Antibiotika-Konsum beim Menschen
  169. auch ernsthaft mit
    Tierhaltung ohne Antibiotika?
  170. Für mich liegt die Antwort auf der Hand.
  171. Doch dann müssen wir
    Reduktionsziele setzen
  172. und deren Einhaltung
    weltweit sicherstellen.
  173. Denn Bauern konkurrieren miteinander.
  174. Auf Landesebene, im Handelsblock
    und auf dem globalen Markt
  175. spielen Kosten eine große Rolle.
  176. Wir müssen realistisch sein.
  177. Bauern müssen mehr
    in besseres Management
  178. und besseres Futter investieren können,
  179. um die Reduktion zu erreichen.
  180. Neben Gesetzesvorgaben
    kann auch der Markt eingreifen,
  181. indem Produkte mit weniger
    oder ohne Antibiotika angeboten werden.
  182. Mit wachsendem Bewusstsein
    beim Verbraucher
  183. werden diese Marktkräfte
    an Einfluss gewinnen.
  184. Alles, was ich Ihnen erzählt habe,
    scheint uns zu nützen.
  185. Aber was ist mit den Tieren?
  186. Auch ihr Leben wird besser.
  187. Mehr Gesundheit, weniger Stress,
    ein glücklicheres Dasein.
  188. Jetzt wissen Sie es.
  189. Wir sind in der Lage,
    Fleisch, Eier und Milch zu produzieren,
  190. die keine oder kaum Antibiotika enthalten.
  191. Ich behaupte, der Preis ist gering,
    um eine Zukunft zu verhindern,
  192. in der bakterielle Infektionen
    erneut zur häufigsten Todesursache werden.
  193. Vielen Dank.
  194. (Applaus)