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Michael Rakowitz: Haunting the West | Art21 "Extended Play"

  • 0:12 - 0:16
    Ich weiß noch, wie unsere Mutter uns
    ins Britische Museum in London mitnahm.
  • 0:18 - 0:21
    Die Familie meiner Mutter
    stammte aus dem Irak.
  • 0:21 - 0:25
    Sie ging mit uns sofort
    zu den assyrischen Galerien in die Halle,
  • 0:26 - 0:28
    wo die Löwenjagd von Assurbanipal
    ausgestellt war.
  • 0:31 - 0:34
    Wenn man zehn Jahre alt ist,
    ist es total cool zu erfahren
  • 0:34 - 0:39
    dass das der erste Comic war
    und dein Volk dafür verantwortlich ist.
  • 0:41 - 0:43
    Sie drehte sich zu uns um und sagte:
  • 0:43 - 0:45
    "Und was hat das hier zu suchen?"
  • 0:45 - 0:48
    Das machte uns deutlich bewusst,
  • 0:48 - 0:52
    dass Museen nicht nur höflich
    Dinge aufbewahrten,
  • 0:53 - 0:55
    die Kulturen untereinander
    ausgetauscht hatten,
  • 0:55 - 0:59
    sondern dass diese Stücke gewaltsam
    in ihren Besitz gekommen waren.
  • 1:00 - 1:03
    Es war ein Museum,
    aber auch ein Palast von Verbrechen.
  • 1:05 - 1:10
    [Michael Rakowitz:
    Spuk im Westen]
  • 1:19 - 1:22
    "Der unsichtbare Feind
    sollte nicht existieren"
  • 1:22 - 1:27
    ist ein fortlaufendes Werk,
    das ich 2006 begann.
  • 1:29 - 1:32
    Nach der US-Invasion des Irak wurde
    das irakische Nationalmuseum geplündert.
  • 1:33 - 1:36
    8.000 Artefakte wurden geraubt.
  • 1:38 - 1:43
    Ich überlegte, wie es wäre,
    wenn diese Werke als Geister zurückkämen,
  • 1:43 - 1:46
    um in westlichen Museen herumzuspuken.
  • 1:49 - 1:52
    Dieses Projekt umfasst leider mittlerweile
  • 1:52 - 1:57
    die archäologischen Stätten,
    die von Gruppen wie ISIS verwüstet wurden.
  • 1:59 - 2:04
    Diese Installation ist Raum F
    aus dem Nordwest-Palast von Nimrud.
  • 2:04 - 2:12
    Als er 2015 zerstört wurde,
    befanden sich in ihm zweihundert Reliefs.
  • 2:12 - 2:15
    Ursprünglich fasste er jedoch
    über sechshundert dieser Reliefs.
  • 2:16 - 2:21
    Die Mehrzahl dieser Reliefs wurden
    Mitte des 19. Jahrhunderts ausgegraben
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    und dann an verschiedene
    westliche Institutionen geschickt.
  • 2:27 - 2:32
    Der Westen hält Objekte
    aus diesem Teil der Welt für wertvoll,
  • 2:32 - 2:35
    doch es ist nicht so symmetrisch,
    wenn man bedenkt,
  • 2:36 - 2:41
    wie die Menschen aus diesen Gebieten
    als wertlos betrachtet werden.
  • 2:43 - 2:49
    Die Lage der Reliefs entspricht
    der ursprünglichen Anordnung im Raum.
  • 2:50 - 2:55
    Die Besucher sollen an die Stelle
    eines Irakers versetzt werden
  • 2:55 - 3:00
    - in den Palast, an dem Tag,
    bevor ISIS ihn zerstörte.
  • 3:00 - 3:05
    Das zeigt, wie viel ihrer Geschichte
    sie nicht kennenlernen konnten,
  • 3:05 - 3:08
    und welche Lücken sie sahen,
    durch die sie blicken mussten.
  • 3:12 - 3:16
    Diese Artefakte wurden
    ebenso gewaltsam entwendet,
  • 3:16 - 3:19
    wie meine Familie aus dem Heimatland
    meiner Mutter entfernt wurde.
  • 3:22 - 3:29
    Die Familie meiner Mutter
    verließ den Irak 1947,
  • 3:29 - 3:34
    da im Nahen Osten
    nationalistische Ideologien aufkamen.
  • 3:35 - 3:39
    Die irakischen Juden waren
    in einer unmöglichen Lage.
  • 3:40 - 3:46
    Als sie in die USA kamen, gab es sicher
    großen Druck zum Assimilieren.
  • 3:46 - 3:50
    Ihre Assimilierung bedeutete nicht,
    dass sie alles aufgaben.
  • 3:50 - 3:54
    Die ersten Installationskünstler,
    die ich je traf, waren meine Großeltern.
  • 3:55 - 4:00
    Im Haus in Great Neck, auf Long Island,
    war alles auf dem Fußboden aus dem Irak.
  • 4:00 - 4:03
    Alles an den Wänden war aus dem Irak.
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    Und was aus der Küche kam,
    war definitiv irakisch.
  • 4:17 - 4:22
    In meinem letzten Highschool-Jahr
    brach der erste Golfkrieg aus
  • 4:22 - 4:25
    und meine Brüder und ich
    wurden Zeugen davon.
  • 4:27 - 4:28
    Meine Mutter sagte zu uns:
  • 4:28 - 4:32
    "Wisst ihr, dass es in New York
    kein einziges irakisches Restaurant gibt?"
  • 4:32 - 4:37
    Sie zeigte uns damit, dass in den USA
    die irakische Kultur unsichtbar war,
  • 4:37 - 4:39
    von Öl und Krieg einmal abgesehen.
  • 4:43 - 4:46
    Kurz vor dem nächsten Irakkrieg
    begann ich ein Projekt,
  • 4:47 - 4:50
    bei dem ich mit meiner Mutter
    zusammenarbeiten konnte.
  • 4:51 - 4:53
    Das wurde das Projekt
    "Die Küche des Feindes".
  • 4:54 - 4:58
    Meine Mutter verteilte
    unsere Familienrezepte
  • 4:59 - 5:02
    und ich kochte dann
    mit verschiedenen Gruppen.
  • 5:02 - 5:04
    --Mach eine kleine Mulde,
  • 5:04 - 5:07
    und dann nimm so ein Fleischstück hier
  • 5:07 - 5:08
    und leg es in die Mitte...
  • 5:09 - 5:13
    "Die Küche des Feindes" stellte
    eine Art Widerstand dagegen dar,
  • 5:13 - 5:18
    dass der Krieg alles dominierte,
    wenn wir über den Irak sprachen.
  • 5:21 - 5:27
    Ich erzähle immer gern von dem Erlebnis
    mit einer Gruppe Schülern im Jahr 2006.
  • 5:28 - 5:33
    Die Schulen, in die sie gingen,
    hatten vielen Lehrern verboten,
  • 5:33 - 5:36
    im Unterricht über den Krieg zu sprechen,
  • 5:36 - 5:43
    weil viele Schüler Brüder und Onkel,
    Mütter und Väter hatten,
  • 5:43 - 5:47
    die im Irak stationiert waren.
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    Es war so unglaublich brutal,
    dass niemand je auf die Idee kam,
  • 5:51 - 5:55
    sie zu fragen,
    was sie von dem Krieg hielten.
  • 5:56 - 5:59
    Nun, "die Küche des Feindes"
    ist eine fahrende Küche,
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    die mit irakischen Köchen besetzt ist.
  • 6:02 - 6:08
    Die Kellner und stellvertretenden Köche
    sind amerikanische Kriegsveteranen,
  • 6:08 - 6:10
    die im Irak gedient haben.
  • 6:10 - 6:13
    Diese Geschichten sind nun mobilisiert.
  • 6:20 - 6:24
    Die Farbkonzepte, die mein Atelier
    und ich ausgewählt haben...
  • 6:24 - 6:27
    Es ist ein bisschen wie die Farbe,
    die in den Körper zurückkehrt.
  • 6:27 - 6:32
    Es gibt viele verschiedene Materialien,
    die man hier sehen kann.
  • 6:33 - 6:40
    Die Anisteebeutel haben den gelblichen Ton
    für die Kleidung dieses Abgals gebildet.
  • 6:40 - 6:43
    Das hier ist eine meiner Lieblingsfarben.
  • 6:43 - 6:47
    Mit dieser Art Orange
    bin ich eigentlich aufgewachsen:
  • 6:48 - 6:52
    Die Verpackung einer Aprikosenpaste.
  • 6:53 - 6:55
    Sie war ein bisschen
    wie die Urform des Fruit Roll-Up.
  • 7:00 - 7:05
    Damit ein Geist ordentlich spuken kann,
    muss er anders aussehen als das Wesen,
  • 7:05 - 7:08
    das er zu Lebzeiten war.
  • 7:11 - 7:15
    In diesen Reliefs nutzen wir Verpackungen
    von Lebensmitteln aus dem Nahen Osten.
  • 7:16 - 7:23
    Wegen der Heimatschutzregelungen darf
    aus dem Irak nichts importiert werden.
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    Eine Dose Dattelsirup mit dem Etikett
    "Hergestellt im Libanon"
  • 7:30 - 7:32
    wird eigentlich
    in der irakischen Hauptstadt produziert
  • 7:32 - 7:36
    und dann in den Libanon gebracht
    und an den Rest der Welt verkauft.
  • 7:38 - 7:44
    Das Objekt im Museum ist wertvoll,
    weil es sagen kann, woher es kommt.
  • 7:44 - 7:48
    Der Dattelsirup, der nicht sagen darf,
    woher er kommt,
  • 7:48 - 7:52
    ist deshalb die Haut,
    die diese Artefakte tragen sollten,
  • 7:52 - 7:54
    wenn sie als Gespenster zurückkehren.
  • 8:01 - 8:05
    Es gibt mehr als 8.000 Artefakte,
    die noch übrig sind.
  • 8:05 - 8:11
    Von diesen haben wir nur
    knapp mehr als 900 gemacht.
  • 8:11 - 8:16
    Das ist ein Projekt,
    das mich und mein Atelier überleben wird.
  • 8:18 - 8:19
    Hey!
  • 8:20 - 8:21
    Salaam!
  • 8:22 - 8:24
    [Assistentin] Wie geht's?
  • 8:25 - 8:28
    [Alle lachen]
  • 8:29 - 8:32
    [Assistentin] Ich habe zu Hause
    ein paar Flügelknochen vorbereitet.
  • 8:34 - 8:37
    [Rakowitz]
    Oh, das ist wunderschön, Denise!
  • 8:38 - 8:44
    Als das Atelier wegen der Pandemie
    geschlossen wurde,
  • 8:44 - 8:50
    war es mir sehr wichtig, sicherzustellen,
    dass es jedem aus dem Atelier gut ging.
  • 8:50 - 8:54
    Und ich wollte,
    dass sie weiterarbeiten konnten.
  • 8:56 - 8:59
    Die Assistenten kommen
    alle paar Wochen vorbei
  • 9:00 - 9:03
    und holen mehr Materialien ab.
  • 9:09 - 9:12
    Ich arbeite aktuell an dieser Grabbüste.
  • 9:13 - 9:18
    Ich habe mit einem Artefakt begonnen,
    das aus dem östlichen Irak stammte.
  • 9:19 - 9:24
    Das ist eine Figur aus Mesopotamien,
    um genau zu sein aus der Khafaje-Region.
  • 9:25 - 9:30
    In dieser Zeit, in der wir die Nähe
    zueinander verloren haben
  • 9:30 - 9:33
    und diese verlorenen Objekte herstellen,
  • 9:33 - 9:36
    haben wir noch Momente,
    in denen wir einander wiederfinden können
  • 9:36 - 9:38
    und das Gefühl haben,
    nicht allein zu sein.
  • 9:46 - 9:52
    Als ich 2015 für das 4th Plinth-Projekt
    in London nominiert wurde,
  • 9:54 - 9:58
    griff ISIS Nineveh und Nimrud an.
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    Der "Lamassu" wurde praktisch
    zu Kieselsteinen zerschlagen.
  • 10:06 - 10:11
    Mir war klar, dass ich ich öffentlich
    auf einem Sockel arbeiten würde,
  • 10:11 - 10:15
    der sich in Zentrum Londons befand,
    im Herzen des Britischen Empire.
  • 10:15 - 10:21
    Und nur wenige Gehminuten
    entfernt vom Britischen Museum,
  • 10:21 - 10:24
    das ich mit meiner Mutter
    Jahrzehnte zuvor besucht hatte,
  • 10:24 - 10:26
    wo sie mehrere "Lamassu" haben.
  • 10:42 - 10:46
    Die Tate Modern kontaktierte mich
    hinsichtlich der Möglichkeit,
  • 10:46 - 10:49
    dass sie als Hüterin
    dieses Werks fungieren könnte.
  • 10:50 - 10:53
    Ich wollte nicht einfach wiederholen,
  • 10:53 - 10:58
    dass diese imperialen Museen
    als Hüter angesehen würden.
  • 10:58 - 11:03
    Ich wollte, dass ein irakisches Museum
    das Werk veröffentlichte.
  • 11:04 - 11:08
    Es erhielt die Diskussion darüber,
    wohin etwas gehört, am Leben.
  • 11:10 - 11:15
    Eine diasporische Skulptur mit Flügeln,
    die sich zwischen zwei Orten bewegt,
  • 11:15 - 11:18
    und so die Bedingungen
    der modernen Iraker darstellt,
  • 11:19 - 11:20
    wo es keinen festen Platz gibt.
  • 11:24 - 11:29
    Wenn wir darüber sprechen wollen,
    wie Dekolonisation wirklich aussieht,
  • 11:29 - 11:34
    dann muss das mit Wiedergutmachung
    und Rechenschaftspflicht einhergehen.
  • 11:34 - 11:37
    Und diese Arbeit wird nie vollendet sein.
Title:
Michael Rakowitz: Haunting the West | Art21 "Extended Play"
Description:

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Video Language:
English
Team:
Art21
Proiect:
"Extended Play" series
Duration:
12:01

German subtitles

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