YouTube

Got a YouTube account?

New: enable viewer-created translations and captions on your YouTube channel!

German subtitles

← Einblicke in Autismus | Carina Morillo | TEDxRíodelaPlata

Get Embed Code
6 Languages

Showing Revision 5 created 09/23/2017 by Angelika Lueckert Leon.

  1. "Schau mich an!"

  2. Diese Worte machten aus mir
    einen "Augenkontakt-Trainer".
  3. Ich bin Ivans Mutter, er ist 15 Jahre alt.
  4. Ivan hat Autismus,
  5. er spricht nicht.
  6. Er kommuniziert mittels eines iPads,
  7. in dem sein ganzer Wortschatz
    in Form von Bildern abgelegt ist.
  8. Er bekam die Diagnose,
    als er zweieinhalb war.
  9. Ich erinnere mich noch
    sehr schmerzlich an diesen Tag.
  10. Mein Mann und ich fühlten
    uns sehr verloren;
  11. wir wussten nicht,
    wo wir anfangen sollten.
  12. Es gab kein Internet,
  13. wir konnten nicht
    nach Informationen googeln.
  14. Wir machten unsere
    ersten Schritte rein intuitiv.
  15. Ivan hielt keinen Blickkontakt,
  16. vergaß alle Wörter wieder, die er wusste,
  17. und er reagierte weder auf seinen Namen,
    noch auf alles, was wir ihn fragten,
  18. als ob Wörter nur Geräusche wären.
  19. Der einzige Weg zu erfahren,
  20. was in ihm vorging,
  21. was er fühlte,
  22. war ein Blick in seine Augen.
  23. Aber dieser Zugang war versperrt.
  24. Wie sollte ich ihm das Leben beibringen?
  25. Wenn ich Dinge tat, die er mochte,
    schaute er mich an.
  26. Dann waren wir verbunden.
  27. Also habe ich diese Dinge genutzt,
  28. um immer mehr Momente
    mit Augenkontakt zu haben.
  29. Wir spielten viele Stunden
    mit Alexia, seiner älteren Schwester.
  30. Und wenn wir riefen:
    "Ich habe dich gefangen!",
  31. suchte er mit den Augen nach uns.
  32. In solchen Augenblicken
    fühlte ich das Leben in ihm.
  33. Wir halten den Rekord
    für Schwimmbadaufenthalte.
  34. Ivan hatte immer schon
    eine Leidenschaft für Wasser.
  35. Ich erinnere mich, als er zweieinhalb war,
  36. fuhren wir an einem regnerischen Wintertag
  37. zu einem Hallenbad.
  38. Denn wir gingen auch
    an regnerischen Tagen schwimmen.
  39. Auf der Autobahn
    nahm ich die falsche Abfahrt.
  40. Er brach in Tränen aus, weinte
    ununterbrochen und war untröstlich,
  41. bis ich umdrehte.
  42. Erst das beruhigte ihn.
  43. Wie ist es möglich,
    dass ein Zweieinhalbjähriger,
  44. der seinen eigenen Namen nicht kennt,
  45. in dichtem Regen und Nebel,
    wo ich nichts sehen konnte,
  46. die genaue Wegstrecke erkennt?
  47. Ich erkannte Ivans außergewöhnliches
    visuelles Gedächtnis --
  48. und dass dies mein Weg war,
    um mit ihm in Kontakt zu kommen.
  49. Ich fing an, alles zu fotografieren,
  50. und ihn so das Leben zu lehren.
  51. Ich zeigte es ihm, Bild für Bild.
  52. Auch heute teilt Ivan so mit,
  53. was er möchte,
  54. was er braucht
  55. und auch was er fühlt.
  56. Aber nicht nur Ivans
    Blickkontakt war wichtig --
  57. der aller anderen auch.
  58. Wie konnte ich die Menschen dazu bringen,
    nicht nur seinen Autismus zu sehen,
  59. sondern auch ihn als Mensch
  60. und alles, was er geben kann?
  61. Alles, was er tun kann.
  62. Die Dinge, die er mag und nicht mag.
  63. Genauso wie jeder von uns.
  64. Aber dafür musste ich auch etwas geben.

  65. Ich musste die Kraft aufbringen,
    ihn loszulassen.
  66. Das war sehr schwierig.
  67. Als Ivan 11 Jahre alt war,
  68. ging er zur Behandlung
    ganz in der Nähe von seinem zu Hause.
  69. Eines Nachmittags,
    während ich auf ihn wartete,
  70. ging ich zum Gemüsehändler,
  71. ein typischer Tante-Emma-Laden,
    mit ein bisschen von allem.
  72. Beim Einkaufen sprach ich
    mit Jose, dem Besitzer.
  73. Ich erzählte ihm von Ivan,
  74. dass er Autismus hat,
  75. und dass ich ihm beibringen wollte,
    allein durch die Straßen zu gehen,
  76. ohne dass ihn jemand an die Hand nimmt.
  77. Also fragte ich Jose, ob
    Ivan donnerstags um 14 Uhr
  78. kommen konnte, um ihn zu helfen, die
    Wasserflaschen in den Regalen zu ordnen.
  79. Denn er liebt es, Dinge zu ordnen.
  80. Als Belohnung würde er
    Schokokekse kaufen.
  81. Die mochte er am liebsten.
  82. Er sagte sofort "Ja".
  83. Und so ging es dann ein Jahr lang:
  84. Ivan ging zum Gemüsehändler,
  85. half ihm die Regale mit
    den Wasserflaschen zu ordnen,
  86. sodass die Etiketten alle
    perfekt gleich ausgerichtet waren,
  87. und ging dann glücklich
    mit seinen Schokokeksen.
  88. Jose ist kein Autismus-Experte.
  89. Man muss kein Experte sein
  90. oder etwas Heldenhaftes tun,
    um jemanden nicht auszuschließen.
  91. Wir müssen nur da sein --
  92. (Beifall)

  93. wirklich, keine heldenhafte Tat --

  94. Wir müssen einfach nur nah sein.

  95. Und wenn wir Angst vor etwas haben
  96. oder etwas nicht verstehen,
  97. müssen wir fragen.
  98. Seien wir neugierig,
  99. aber niemals gleichgültig.
  100. Haben wir den Mut,
    einander in die Augen zu sehen.
  101. Denn durch Ansehen
  102. können wir anderen eine ganze Welt öffnen.
  103. (Beifall)

  104. (Jubel)