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← Die Freizeit genießen, ohne an die Arbeit zu denken

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Showing Revision 65 created 02/07/2020 by Andrea Hielscher.

  1. Schon als Jugendlicher
    wollte ich Psychologe werden
  2. und ich verfolgte dieses Ziel jahrelang.
  3. Ich eröffnete eine Praxis,
    sobald ich meine Lizenz erhielt.
  4. Es war riskant, keine Vollzeitstelle
    im Krankenhaus zu suchen,
  5. doch nach einem Jahr
    lief die Praxis recht gut
  6. und ich verdiente mehr Geld als je zuvor.
  7. Ich war natürlich
    ein Leben lang Vollzeit-Student.
  8. (Lachen)

  9. Auch bei McDonald's hätte ich
    mehr verdienen können als je zuvor.

  10. An einem Freitagabend im Juli
    war die Praxis ein Jahr alt.

  11. Ich ging nach Hause
  12. und nahm den Aufzug mit einem Nachbarn,
    der Arzt in der Notaufnahme ist.
  13. Der Aufzug fuhr nach oben,
  14. ruckelte plötzlich
    und blieb mittendrin stecken.
  15. Der Mann, der seine Existenz
    mit Notfällen verdiente,
  16. drückte Knöpfe, hämmerte an die Tür
  17. und schrie: "Das ist mein Albtraum!"
  18. Ich dachte: "Und das ist meiner."
  19. (Lachen)

  20. Doch danach fühlte ich mich schrecklich,

  21. weil ich nicht in Panik verfiel
  22. und wusste, wie ich ihn
    hätte beruhigen können.
  23. Aber ich war einfach zu erschöpft.
  24. Ich hatte nichts mehr zu geben
    und das verwirrte mich.
  25. Ich lebte doch endlich meinen Traum --
  26. warum war ich also nicht glücklich?
  27. Wieso fühlte ich mich so ausgebrannt?
  28. Einige schlimme Wochen lang
    fragte ich mich,

  29. ob ich einen Fehler gemacht hatte.
  30. Hatte ich den falschen Beruf gewählt?
  31. Hatte ich mein Leben lang
    die falsche Laufbahn verfolgt?
  32. Doch dann begriff ich:
    Ich liebte die Psychologie immer noch.
  33. Das Problem war nicht die Arbeit im Büro,
  34. es waren die Stunden zu Hause,
    in denen ich über die Arbeit nachdachte.
  35. Ich schloss jeden Abend die Bürotür,
  36. aber die Tür in meinem Kopf
    blieb weit offen
  37. und der Stress strömte nur so herein.
  38. Das ist das Interessante am Arbeitsstress.

  39. Bei der Arbeit
    bemerken wir ihn fast nicht.
  40. Wir sind zu beschäftigt.
  41. Wir bemerken ihn außerhalb der Arbeit.
  42. Wenn wir pendeln, wenn wir zu Hause sind,
  43. wenn wir uns regenerieren wollen.
  44. In der Freizeit sollten wir uns erholen,
  45. uns entspannen,
    Dinge tun, die Spaß machen.
  46. Was uns daran hindert, ist das Grübeln.
  47. Immer wenn wir das tun,
    aktivieren wir eine Stressreaktion.
  48. Grübeln bedeutet Wiederkäuen.

  49. Das Wort beschreibt
    die Verdauung von Kühen.
  50. Für alle, die nicht wissen,
    wie Kühe verdauen:
  51. Kühe kauen ihr Futter,
    schlucken es hinunter
  52. und würgen es wieder hoch,
    um es erneut zu kauen.
  53. (Lachen)

  54. Das ist eklig.

  55. (Lachen)

  56. Aber bei Kühen klappt das.

  57. (Lachen)

  58. Bei Menschen klappt das nicht.

  59. Wir käuen Dinge wieder,
    die uns verärgern und beunruhigen.
  60. Wir tun es völlig unproduktiv.
  61. Wir denken stundenlang
    an unerledigte Aufgaben,
  62. ärgern uns über Spannungen
    mit einem Kollegen,
  63. sorgen uns um die Zukunft
    und hinterfragen Entscheidungen.
  64. Es gibt viele Studien,

  65. wie wir über die Arbeit nachdenken,
    wenn wir nicht bei der Arbeit sind.
  66. Die Erkenntnisse sind recht alarmierend.
  67. Über die Arbeit zu grübeln,
  68. dieselben Gedanken und Sorgen
    immer wieder abzuspielen,
  69. beeinträchtigt stark die Fähigkeit,
    sich in der freien Zeit zu erholen.
  70. Je mehr wir zu Hause an die Arbeit denken,
  71. desto eher leiden wir an Schlafstörungen,
  72. ernähren uns ungesund
    und haben schlechte Laune.
  73. Es kann sogar das Risiko
    für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen
  74. und die exekutiven
    Funktionen beeinträchtigen,
  75. jene Fähigkeiten,
    die zum Arbeiten wichtig sind.
  76. Außerdem belastet es
    Beziehungen und Familienleben,
  77. da die Menschen um uns merken,
    dass uns etwas beschäftigt.
  78. Dieselben Studien stellten fest:

  79. Grübeln über die Arbeit,
    wenn wir zu Hause sind,
  80. schadet dem emotionalen Wohlbefinden,
  81. doch das gilt nicht für kreatives oder
    problemlösendes Denken zum Thema Arbeit.
  82. Denn diese Art Gedanken lösen
    keinen emotionalen Stress aus
  83. und außerdem können wir sie kontrollieren.
  84. Wir können eine E-Mail beantworten
    oder bis zum nächsten Morgen warten
  85. oder wir können spannende
    Arbeitsprojekte durchdenken.
  86. Doch Grübeleien laufen unfreiwillig ab.
  87. Sie drängen sich auf.
  88. Sie schießen uns ungewollt in den Kopf.
  89. Sie regen uns auf,
    obwohl wir keine Aufregung wollen.
  90. Sie halten uns auf Trab,
    obwohl wir versuchen, abzuschalten.
  91. Es ist schwer, ihnen zu widerstehen,
  92. da sich unsere unerledigten Aufgaben
    geradezu aufdrängen.
  93. Sich Zukunftssorgen zu machen,
    übt einen eigenen Reiz aus.
  94. Grübeln fühlt sich immer an,
    als täten wir etwas Wichtiges,
  95. obwohl wir etwas tun, das uns schadet.
  96. Und wir tun es häufiger, als wir denken.
  97. Als ich so ausgebrannt war,

  98. beschloss ich, eine Woche Buch zu führen
  99. und zu dokumentieren,
    wie viel Zeit ich mit Grübeln verbrachte.
  100. Ich war vom Ergebnis schockiert.
  101. Es waren jeden Abend
    vor dem Einschlafen über 30 Minuten.
  102. Ich grübelte beim Pendeln
    zur Arbeit und zurück --
  103. das waren 45 Minuten pro Tag.
  104. Auf der Dinnerparty eines Kollegen
    war ich 20 Minuten völlig neben der Spur.
  105. Man lud mich nie mehr ein.
  106. (Lachen)

  107. Dasselbe Spiel 90 Minuten lang
    bei der "Talentshow" eines Freundes,

  108. die zufällig 90 Minuten dauerte.

  109. (Lachen)

  110. Insgesamt waren es
    in dieser Woche fast 14 Stunden.

  111. So viel "Freizeit"
    verlor ich also bei etwas,
  112. das eigentlich nur
    meinen Stress erhöhte.
  113. Notieren Sie eine Woche lang,
    wie oft Sie es tun.
  114. Das zeigte mir, dass ich
    meine Arbeit immer noch liebte.

  115. Aber das Grübeln
    zerstörte diese Liebe gerade
  116. und es zerstörte auch mein Privatleben.
  117. Also las ich eine Menge Studien
    und erklärte der Grübelei den Krieg.
  118. Es ist schwer, Gewohnheiten zu ändern.
  119. Es erforderte Fleiß,
    um mich beim Grübeln zu erwischen,
  120. und Beharrlichkeit,
    um die neuen Gewohnheiten zu festigen.
  121. Aber schließlich klappte es.
  122. Ich gewann den Krieg gegen das Grübeln
  123. und sage Ihnen nun,
    wie auch Sie es schaffen können.
  124. Zunächst brauchen Sie klare Vorgaben.

  125. Sie müssen festlegen,
  126. wann Sie abends abschalten
    und aufhören zu arbeiten.
  127. Dabei müssen Sie streng bleiben.
  128. Damals machte ich es mir zur Regel,
    um 20 Uhr aufzuhören.
  129. Ich zwang mich, das einzuhalten.
  130. Man fragt mich oft:
  131. "Was? Keine einzige E-Mail nach 20 Uhr?
  132. Kein Blick aufs Handy?
  133. Nein, kein einziges Mal.
  134. Denn in den 90ern
    gab es keine Smartphones.
  135. (Lachen)

  136. Mein erstes Smartphone bekam ich 2007.

  137. Damals kam das iPhone heraus
  138. und ich wollte ein cooles Handy.
  139. Ich kaufte ein BlackBerry.
  140. (Lachen)

  141. Ich war begeistert und dachte sofort:

  142. "Ich kriege meine Mails, egal wo ich bin."
  143. 24 Stunden später dachte ich:
  144. "Ich kriege meine Mails, egal wo ich bin."
  145. (Lachen)

  146. Der Kampf gegen das Grübeln
    war schwer genug,

  147. Jetzt gibt es ein Trojanisches Pferd,
    um sich zu verstecken -- das Handy.
  148. Wenn wir Stunden später
    auf unser Handy schauen,
  149. denken wir an die Arbeit,
    fangen vielleicht an zu grübeln
  150. und ruinieren uns den Abend
    oder das Wochenende.
  151. Wenn Sie also abschalten,
    schalten Sie die Mail-Mitteilungen aus.
  152. Wenn Sie Mails checken müssen,
  153. bestimmen Sie eine Zeit,
    um sich nicht stören zu lassen,
  154. und halten Sie sich daran.
  155. Nicht nur über das Handy
    regt uns die Technik zum Grübeln an --

  156. es ist schon etwas Größeres im Anmarsch.
  157. Der Anteil an Telearbeitern
    stieg im letzten Jahrzehnt um 115 Prozent
  158. und wird in Zukunft
    noch rasanter ansteigen.
  159. Wir verlieren immer mehr die physische
    Grenze zwischen Arbeit und Privatleben.
  160. Die Arbeit kann uns zu Hause
    also jederzeit einholen.
  161. Wenn die physische Grenze
    zwischen Arbeit und Zuhause fehlt,
  162. müssen wir eine psychologische erzeugen.
  163. Wir müssen den Verstand austricksen
  164. und Zeitzonen für Arbeit,
    und Nichtarbeit einführen.
  165. So schaffen Sie das:
  166. Legen Sie zu Hause zunächst
    einen Arbeitsbereich fest,

  167. egal wie klein,
  168. und arbeiten Sie möglichst nur dort.
  169. Arbeiten Sie nicht
    auf der Couch oder im Bett,
  170. denn diese Bereiche sollten nur mit Wohnen
    und ... Schlafen verbunden werden.
  171. (Lachen)

  172. Wenn Sie zu Hause arbeiten,
    tragen Sie grundsätzlich Arbeitskleidung.

  173. Ziehen Sie sich am Ende des Tages um
    und nutzen Sie Musik und Beleuchtung,
  174. um Arbeitsatmosphäre
    in Freizeitatmosphäre umzuwandeln.
  175. Sehen Sie es als Ritual.
  176. Einige halten das wohl für dumm:
  177. Können Kleidung und Beleuchtung
    dem Gehirn suggerieren:
  178. "Ich habe jetzt frei!"?
  179. Ihr Verstand fällt sicher darauf rein.
  180. Da wir so schlau sind,
    ist unser Verstand umso dümmer.
  181. (Lachen)

  182. Der knüpft doch gern Zusammenhänge, oder?

  183. Deshalb sabberte der Pawlowsche Hund
    beim Klang einer Glocke
  184. und TED-Sprecher kommen beim Anblick
    eines roten Kreises ins Schwitzen.
  185. (Lachen)

  186. Diese Tipps werden Ihnen helfen,
    aber Sie werden trotzdem grübeln.

  187. Dann müssen Sie die Gedanken
    produktiv umwandeln,
  188. etwa um Probleme zu lösen.
  189. Meine Patientin Sally
    ist ein gutes Beispiel.

  190. Sally bekam die Beförderung ihres Lebens,
  191. aber die hatte ihren Preis.
  192. Sie konnte ihre Tochter
    nicht mehr von der Schule abholen
  193. und das brach ihr das Herz.
  194. Sally entwickelte einen Plan.
  195. Jeden Dienstag und Donnerstag
    ging sie früher heim,
  196. holte die Tochter von der Schule ab,
  197. spielte und aß mit ihr,
    badete sie und brachte sie ins Bett.
  198. Dann arbeitete sie im Büro
    bis nach Mitternacht,
  199. um den Rückstand aufzuholen.
  200. Allerdings zeigte Sallys Grübel-Tagebuch,
  201. dass sie in fast jeder Minute
    der kostbaren Zeit mit ihrer Tochter
  202. an die noch zu erledigende Arbeit dachte.
  203. Grübeln hält uns oft davon ab,
    die schönsten Augenblicke zu genießen.

  204. Sallys Gedanke "Ich habe noch
    so viel zu tun" ist sehr verbreitet.
  205. Wie all diese Gedanken
    ist er nutzlos und schädlich,
  206. denn so denken wir nicht,
    wenn wir bei der Arbeit sind.
  207. Wir denken so außerhalb der Arbeit,
  208. wenn wir entspannen wollen
    oder sinnvolle Dinge tun,
  209. etwa mit den Kindern spielen
    oder mit unserem Partner ausgehen.
  210. Um eine Grübelei in einen
    produktiven Gedanken umzuwandeln,

  211. müssen Sie ein Problem formulieren.
  212. Die Problemlösungs-Version von
    "Ich habe so viel zu tun"
  213. ist eine Frage der Zeitplanung.
  214. Etwa: "Wie kann ich störende Aufgaben
    in meinen Plan integrieren?"
  215. Oder: "Was kann ich verschieben,
    um Platz für Wichtigeres zu schaffen?"
  216. Oder sogar: "Wann habe ich 15 Minuten,
    um meinen Zeitplan durchzugehen?"
  217. All das sind Probleme,
    die gelöst werden können.
  218. "Ich habe so viel zu tun" ist keins.
  219. Grübeln zu bekämpfen ist schwer,

  220. aber wenn Sie am Ball bleiben,
  221. wenn Sie den Übergang
    zwischen Arbeit und Freizeit ritualisieren
  222. und wenn Sie üben, grüblerische Gedanken
    in produktive umzuwandeln,
  223. dann haben Sie Erfolg.
  224. Das Verbannen von Grübeleien
    hat mein Leben reicher gemacht,
  225. aber noch reicher wurde es
    durch Spaß und Erfüllung in meiner Arbeit.
  226. Der Nullpunkt für eine
    gesunde Work-Life-Balance

  227. liegt nicht draußen in der Welt,
    sondern in unserem Kopf.
  228. Das hat mit Grübeln zu tun.
  229. Wenn Sie Stress reduzieren und
    die Lebensqualität steigern wollen,
  230. müssen Sie nicht die Arbeitszeit ändern
    oder den Job wechseln.
  231. Sie müssen nur Ihre Denkweise verändern.
  232. Vielen Dank.

  233. (Applaus)