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← Wie ein vergessener Virus die Krise der Multiresistenz lösen könnte

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Showing Revision 18 created 01/18/2019 by Sonja Maria Neef.

  1. Nehmen Sie sich einen Moment

  2. und denken Sie an einen Virus.
  3. Was fällt Ihnen dazu ein?
  4. Krankheit?
  5. Angst?
  6. Vermutlich etwas Unangenehmes.
  7. Dennoch sind Viren nicht alle gleich.
  8. Einige verursachen
    verheerende Krankheiten.
  9. Doch andere tun genau das Gegenteil:
    sie können Krankheiten heilen.
  10. Diese Viren heißen "Phagen".
  11. Das erste Mal hörte ich 2013 von ihnen.

  12. Mein Schwiegervater, ein Chirurg,
  13. erzählte mir von seiner Patientin.
  14. Die Frau hatte eine Knieverletzung,
    brauchte mehrere Eingriffe,
  15. und im Laufe dieser
  16. bekam sie eine chronische,
    bakterielle Infektion in ihrem Bein.
  17. Leider sprachen die Bakterien,
  18. welche die Infektion verursachten,
  19. auf kein verfügbares Antibiotikum an.
  20. An diesem Punkt ist Amputation
    normalerweise die einzige Lösung,
  21. um die Ausbreitung
    der Infektion aufzuhalten.
  22. Mein Schwiegervater suchte verzweifelt
    nach einer anderen Lösung
  23. und beantragte eine experimentelle
    Behandlungsmethode mit Phagen.
  24. Wissen Sie was? Es funktionierte.
  25. Drei Wochen nach der Behandlung mit Phagen
    war die chronische Infektion geheilt,
  26. wo zuvor kein Antibiotikum gewirkt hatte.
  27. Ich war fasziniert von
    diesem komischen Konzept:
  28. Viren heilen eine Infektion.
  29. Bis heute fasziniert mich
    das medizinische Potenzial der Phagen.
  30. Tatsächlich kündigte ich
    letztes Jahr meinen Job,
  31. um ein Biotech-Unternehmen zu gründen.
  32. Was ist eine Phage?

  33. Dieses Bild wurde mit Hilfe eines
    Elektronenmikroskops aufgenommen.
  34. Das bedeutet, was wir hier sehen
    ist in Wirklichkeit extrem klein.
  35. Das körnige Ding in der Mitte,
    mit dem Kopf, dem langen Körper
  36. und einigen Beinchen --
  37. das ist eine prototypische Phage.
  38. In gewisser Weise süß.
  39. (Lachen)

  40. Betrachten Sie Ihre Hand.

  41. Unser Team schätzt, dass Sie
    mehr als 10 Milliarden Phagen
  42. auf jeder ihrer Hände haben.
  43. Was haben sie dort zu suchen?
  44. (Lachen)

  45. Viren sind gut im Infizieren von Zellen.

  46. Phagen sind super im
    Infizieren von Bakterien.
  47. Ihre Hand, wie ein großer Teil
    unseres Körpers,
  48. ist eine Brutstätte für
    bakterielle Aktivität,
  49. was sie zum perfekten Jagdrevier
    für Phagen macht.
  50. Denn schließlich jagen Phagen Bakterien.
  51. Es ist wichtig zu wissen, dass Phagen
    extrem selektive Jäger sind.
  52. Typischerweise infiziert eine Phage
    nur eine einzige Bakterienart.
  53. Die Phage in dieser Darstellung
  54. jagt ein Bakterium namens
    Staphylococcus aureus,
  55. das in seiner medikamentenresistenten
    Form als MRSA bekannt ist.
  56. Es verursacht Haut- oder Wundinfektionen.
  57. Die Phage jagt mit ihren Beinchen.

  58. Die Beinchen sind eigentlich
    hoch-empfindliche Rezeptoren,
  59. die die richtige Oberfläche auf
    einer Bakterienzelle suchen.
  60. Sobald sie die finden,
  61. hängt sich die Phage
    an die Zellwand des Bakteriums
  62. und injiziert ihre DNA.
  63. Die DNA sitzt im Kopf der Phage
  64. und wandert durch den langen Körper
    in das Bakterium.
  65. An diesem Punkt reprogrammiert
    die Phage das Bakterium,
  66. sodass es viele neue Phagen produziert.
  67. Das Bakterium wird somit
    zur Phagen-Fabrik.
  68. Sobald sich in etwa 50-100 Phagen in
    der Bakterienzelle angesammelt haben,
  69. können die Phagen ein Protein freisetzen,
  70. das die Zellwand des Bakteriums zerstört.
  71. Das Bakterium platzt,
    die Phagen schwärmen aus
  72. und jagen nach einem neuen
    infizierbaren Bakterium.
  73. Verzeihung, das klang wahrscheinlich
    nach einem gruseligen Virus.

  74. Aber es ist genau
    diese Fähigkeit der Phagen --
  75. die Vermehrung im Bakterium
    und es dann zu töten --
  76. die sie aus medizinischer Sicht
    so interessant macht.
  77. Was ich außerdem extrem interessant finde,
  78. ist der Umfang in dem dies geschieht.
  79. Vor nur fünf Jahren hatte ich
    keine Ahnung von Phagen.
  80. Heute würde ich sagen, dass sie
    Teil eines natürlichen Prinzips sind.
  81. Phagen und Bakterien gehen auf
    die ersten Tage der Evolution zurück.
  82. Sie haben immer zusammen existiert
    und einander unter Kontrolle gehalten.
  83. Es ist die Geschichte von Yin und Yang,
    dem Jäger und der Beute,
  84. auf mikroskopischem Niveau.
  85. Einige Wissenschaftler schätzen sogar,
  86. dass Phagen die zahlreichsten Organismen
    auf unserem Planeten sind.
  87. Bevor wir also weiter über
    ihr medizinisches Potenzial sprechen,
  88. sollte jeder etwas über Phagen und
    ihre Rolle auf der Erde wissen:
  89. sie jagen, infizieren und töten Bakterien.
  90. Wie kommt es, dass es etwas gibt,
    das in der Natur so gut funktioniert,

  91. täglich um uns herum passiert,
  92. und doch existiert
    in meisten Teilen der Welt
  93. kein Medikament, dass dieses Prinzip
    gegen bakterielle Infektionen einsetzt?
  94. Die einfache Antwort: Bisher hat noch
    niemand ein solches Medikament entwickelt.
  95. Zumindest keines, das westlichen
    Regulierungen standhält,
  96. die die Norm für viele Länder setzen.
  97. Um zu verstehen warum,
    müssen wir in der Zeit zurückreisen.
  98. Das ist ein Bild von Félix d'Herelle.

  99. Die Entdeckung der Phagen wird ihm und
    einem zweiten Forscher zugeschrieben.
  100. Nur, dass er, als er sie 1917 entdeckte,
    keine Ahnung hatte,
  101. was er da entdeckt hatte.
  102. Er war an der Bakterienruhr interessiert.
  103. Einer bakterielle Infektion,
    die starken Durchfall verursacht
  104. und damals vielen Menschen
    das Leben kostete,
  105. da es noch kein Heilmittel für
    bakterielle Infektionen gab.
  106. Er untersuchte Proben von Patienten,
    die diese Krankheit überlebt hatten.
  107. Und er entdeckte, dass etwas
    Merkwürdiges passierte.
  108. Etwas in den Proben tötete die Bakterien,
  109. die die Krankheit angeblich verursachten.
  110. Um herauszufinden, was los war,
    machte er ein geniales Experiment.

  111. Er nahm die Probe, filterte sie so lange
  112. bis er sicher war, dass nur etwas
    sehr Kleines übrig bleiben konnte,
  113. nahm dann einen kleinen Tropfen und
    gab ihn zu frisch gezüchteten Bakterien.
  114. Er beobachtete, dass innerhalb
    einiger Stunden
  115. die Bakterien getötet worden waren.
  116. Er wiederholte den Vorgang: filtern,
    einen kleinen Tropfen nehmen,
  117. ihn zu dem nächsten Schwung
    Bakterien dazugeben.
  118. Er wiederholte dies 50 Mal,
  119. immer mit dem selben Effekt.
  120. An diesem Punkt zog er
    zwei Schlussfolgerungen.
  121. Erstens, das Offensichtliche:
    ja, etwas tötete die Bakterien
  122. und es war in der Flüssigkeit.
  123. Das Andere: es musste biologisch sein,
  124. weil ein kleiner Tropfen reichte,
    um eine große Auswirkung zu haben.
  125. Er nannte den gefundenen Wirkstoff:
    "unsichtbare Mikrobe"
  126. und nannte sie "Bakteriophage",
  127. was wörtlich übersetzt
    "Bakterienfresser" heißt.
  128. Das ist übrigens eine der
    grundlegendsten Entdeckungen
  129. der modernen Mikrobiologie.
  130. So viele moderne Verfahren gründen
    in unserem Verständnis über Phagen --
  131. im Genome Editing und auch
    in anderen Bereichen.
  132. Gerade heute war die Ausschreibung
    des Nobel Preis für Chemie
  133. für zwei Wissenschaftler, die mit Phagen
    arbeiten und Medikamente entwickeln.
  134. In den 1920er und 1930er Jahren

  135. erkannten die Menschen das
    medizinische Potenzial der Phagen.
  136. Schließlich, obgleich unsichtbar,
  137. hatte man etwas, das Bakterien
    verlässlich tötete.
  138. Unternehmen, die es heute noch gibt,
    wie Abbott, Squibb oder Lilly,
  139. verkauften Phagen-Präparate.
  140. Doch der Weg von
    einer unsichtbaren Mikrobe
  141. zu einem verlässlichen Medikament
    ist sehr schwer.
  142. Man stelle sich
    die Arzneimittelbehörde vor,
  143. wenn Sie denen von einem
    unsichtbaren Virus erzählen,
  144. den Sie Patienten geben wollen.
  145. Als chemische Antibiotika
    in den 1940ern herauskamen,
  146. veränderten sie alles.
  147. Und er spielte eine wichtige Rolle.
  148. Das ist Alexander Fleming.

  149. Er bekam den Nobel Preis für Medizin
  150. für seinen Beitrag zur Entwicklung
  151. des ersten Antibiotikums, Penizillin.
  152. Antibiotika und Phagen funktionieren
    sehr unterschiedlich.
  153. Der Großteil hemmt das Wachstum
    von Bakterien
  154. und es ist ihnen egal, welche Art
    von Bakterien das sind.
  155. Die sogenannten Breitbandantibiotika
  156. helfen sogar gegen
    eine ganze Reihe von Bakterien.
  157. Verglichen mit Phagen,
    die sehr spezifisch gegen
  158. eine Art von Bakterien wirken,
  159. ist das ein offensichtlicher Vorteil.
  160. Das muss damals gewesen sein,
    wie ein wahr-gewordener Traum.

  161. Einem Patienten mit Verdacht auf
    eine bakterielle Infektion
  162. gab man ein Antibiotikum
  163. und ohne mehr über
    die Bakterien wissen zu müssen,
  164. welche die Krankheit verursachten,
  165. genasen viele der Patienten.
  166. Während wir also immer mehr
    Antibotika entwickelten
  167. wurden sie, zu Recht, die Standardtherapie
    für bakterielle Infektionen.
  168. Sie haben unglaublich
    zu unserer Lebenserwartung beigetragen.
  169. Heute können wir komplexe
    medizinische Eingriffe und Operationen
  170. nur wegen Antibiotika durchführen,
  171. ohne zu riskieren, dass der Patient
    am nächsten Tag
  172. an einer bakteriellen Infektion stirbt.
  173. Also haben wir Phagen, vor allem in der
    westlichen Medizin, vergessen.

  174. Die Vorstellung während
    meiner Kindheit war großteils:
  175. Wir haben mit Antibiotika die Lösung
    für bakterielle Infektionen gefunden.
  176. Heute wissen wir natürlich,
    dass das falsch ist.
  177. Die meisten haben schon
    von Superbazillen gehört.
  178. Das sind Bakterien, die resistent sind
  179. gegen viele, wenn nicht alle,
    der existierenden Antibiotika
  180. zur Behandlung dieser Infektion.
  181. Wie ist es so weit gekommen?

  182. Tja, wir waren nicht so schlau,
    wie wir dachten.
  183. Wir begannen Antibiotika
    überall zu verwenden --
  184. in Kliniken, zur Behandlung und
    Vorbeugung; privat, gegen Erkältungen;
  185. auf Farmen, um die Tiere
    gesund zu halten --
  186. und die Bakterien passten sich an.
  187. Den Angriff von Antibiotika,
    die sie überall umgaben,
  188. überlebten nur jene Bakterien,
    die sich am besten anpassten.
  189. Heute nennen wir sie
    "multiresistente Bakterien".
  190. Ich präsentiere Ihnen
    eine verstörende Zahl.
  191. Laut einer aktuellen Studie
    der britischen Regierung
  192. wird geschätzt, dass bis 2050
    jährlich 10 Millionen Menschen
  193. an multiresistenten Infektionen
    sterben könnten.
  194. Verglichen mit den heutigen 8 Millionen
    Krebstoten pro Jahr,
  195. ist das eine beängstigende Zahl.
  196. Die gute Nachricht ist,
    dass Phagen immer noch da sind.

  197. Und ich sage Ihnen, Multiresistenz
    kann sie nicht beeindrucken.
  198. (Lachen)

  199. Sie töten und jagen immer noch gerne
    die Bakterien um uns herum.

  200. Und sie sind selektiv geblieben,
    was heute eine sehr gute Sache ist.
  201. Wir können ein bakterielles Pathogen,
    dass eine Entzündung verursacht,
  202. in vielen Umgebungen
    verlässlich identifizieren.
  203. Ihre Selektivität wird uns helfen,
    Nebenwirkungen zu vermeiden,
  204. die häufig mit Breitbandantibiotika
    in Verbindung gebracht werden.
  205. Die wahrscheinlich beste Nachricht ist:
    sie sind nicht länger unsichtbar.
  206. Wir können sie uns ansehen.
  207. Das haben wir gemeinsam getan.
  208. Wir können ihre DNA sequenzieren.
  209. Wir verstehen wie sie sich vermehren
  210. und kennen die Grenzen.
  211. Wir sind auf dem Weg,
  212. starke und verlässliche Phagen-basierte
    Arzneimittel zu entwickeln.
  213. Und das passiert auf der ganzen Welt.

  214. Mehr als 10 Biotech-Unternehmen,
    unseres eingeschlossen,
  215. entwickeln Human-Phagen-Anwendungen
    gegen bakterielle Infektionen.
  216. Einige klinische Studien werden in den
    USA und Europa in die Wege geleitet.
  217. Ich bin überzeugt: wir sind am Rande
  218. einer Renaissance der Phagen-Therapie.
  219. Für mich sieht die richtige Weise
    Phagen abzubilden so aus.
  220. (Lachen)

  221. Für mich sind Phagen die Superhelden,
    auf die wir gewartet haben,

  222. in unserem Kampf gegen
    multiresistente Infektionen.
  223. Wenn Sie also das nächste Mal
    an einen Virus denken,

  224. denken Sie an dieses Bild.
  225. Schließlich könnte eine Phage
    eines Tages ihr Leben retten.
  226. Danke.

  227. (Applaus)