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← Wie rassistische Vorurteile funktionieren -- und wie sie unterbrochen werden können

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Showing Revision 31 created 10/15/2020 by Sonja Maria Neef.

  1. Vor einigen Jahren
  2. war ich mit meinem damals erst
    fünfjährigen Sohn an Bord eines Flugzeugs.
  3. Mein Sohn war so aufgeregt,
    mit Mutti in diesem Flugzeug zu sein.
  4. Er schaut sich um, guckt sich alles an
  5. und beobachtet die Menschen genau.
  6. Dann sieht er diesen Mann und sagt:

  7. "Hey! Der Mann da sieht aus wie Papa!"
  8. Ich schaue den Mann an,
  9. und er sah überhaupt nicht
    wie mein Mann aus,
  10. nicht einmal annähernd.
  11. Ich beginne, mich im Flugzeug umzusehen,
  12. und stelle fest, dass dieser Mann
    der einzige Schwarze Mann an Bord ist.
  13. Ich dachte:
  14. "Okay.
  15. Ich muss mit meinem Sohn
    darüber sprechen,
  16. dass nicht alle Schwarzen Menschen
    gleich aussehen."
  17. Mein Sohn hebt seinen Kopf
    und sagt zu mir:
  18. "Ich hoffe, er überfällt
    das Flugzeug nicht."
  19. Und ich sage: "Wie? Was hast du gesagt?"
  20. Und er sagt:
  21. Naja ich hoffe, dass dieser Mann
    das Flugzeug nicht überfällt."
  22. Ich sagte: "Warum sagst du so etwas?
  23. Du weißt doch, dass Papa
    kein Flugzeug überfallen würde."
  24. Er sagt: "Ja, das weiß ich."
  25. Ich sagte: "Und warum sagst du das denn?"
  26. Und er schaut mich
    mit ganz traurigem Gesicht an
  27. und sagt:
  28. "Ich weiß nicht,
    warum ich das gesagt habe."
  29. "Ich weiß nicht,
    warum ich das gedacht habe."
  30. Wir leben in einer
    so ausgeprägten Rassenhierarchie,

  31. dass sogar ein Fünfjähriger sagen kann,
    was mutmaßlich als Nächstes passiert,
  32. selbst ohne Übeltäter,
  33. und selbst ohne ausdrücklichen Hass.
  34. Diese Assoziierung zwischen
    Schwarzsein und Verbrechen
  35. hat es bis in den Kopf
    meines Fünfjährigen geschafft.
  36. Sie hat es in die Köpfe
    all unserer Kinder geschafft,
  37. in all unsere Köpfe.
  38. Unser Verstand wird geprägt
    durch die rassenbezogenen Ungleichheiten,
  39. die wir draußen in der Welt sehen
  40. und durch die Schilderungen,
    die uns helfen,
  41. den Ungleichheiten, die wir sehen,
    einen Sinn zu geben:
  42. "Diese Menschen sind kriminell."
  43. "Diese Menschen sind gewalttätig."
  44. "Vor diesen Menschen
    muss man sich fürchten."
  45. Als mein Forschungsteam
    Menschen in unser Labor einlud

  46. und ihnen Gesichter zeigte,
  47. fanden wir heraus, dass sie,
    wenn sie Schwarze Gesichter sahen,

  48. verschwommene Bilder von Waffen
    klarer und schneller wahrnahmen.
  49. Vorurteile können nicht nur
    bestimmen, was wir sehen,
  50. sondern auch, wo wir hinschauen.
  51. Wir fanden heraus, dass die Aufforderung,
    an Gewaltverbrechen zu denken,
  52. dazu führen kann, dass Menschen ihre Augen
    auf ein Schwarzes Gesicht richten
  53. und weg von einem Weißen Gesicht.
  54. Polizisten aufzufordern,
    an Gefangennahmen, Schießereien
  55. und Festnahmen zu denken,
  56. führt auch dazu, dass sie ihren Blick
    auf Schwarze Gesichter richten.
  57. Vorurteile können jeden Bereich
    unseres Strafrechtssystems befallen.

  58. Ein großer Datensatz von Angeklagten,
    für die die Todesstrafe infrage kam,
  59. zeigte, dass sich bei dunklerer Hautfarbe,
    die Chance mehr als verdoppelte,
  60. zur Todesstrafe verurteilt zu werden --
  61. zumindest, wenn ihre Opfer Weiße waren.
  62. Dieser Effekt blieb signifikant,
  63. auch nachdem wir
    die Schwere des Verbrechens
  64. und die Attraktivität des Angeklagten
    mit berücksichtigten.
  65. Und ganz gleich, was wir überprüften,
  66. fanden wir heraus, dass Schwarze
    Menschen bestraft wurden,
  67. im Verhältnis zur Schwärze
    ihres äußeren Erscheinungsbildes:
  68. je schwärzer, desto eher
    erhielten sie die Todesstrafe.
  69. Vorurteile können auch bestimmen,
    wie Lehrende Schulkinder maßregeln.

  70. Meine Kolleg(innen) und ich stellten fest,
    dass Lehrende den Wunsch verspüren,
  71. ein Schwarzes Schulkind der Mittelschule
    strenger zu maßregeln
  72. als ein Weißes Schulkind,
  73. für die selben wiederholten Verstöße.
  74. In einer rezenten Studie
  75. fanden wir heraus, dass Lehrende
    Schwarze Schulkinder als Gruppe,
  76. Weiße Schulkinder jedoch
    als Individuen behandeln.
  77. Wenn sich zum Beispiel
    ein Schwarzes Schulkind daneben benimmt
  78. und ein paar Tage später benimmt sich
    ein anderes Schwarzes Schulkind daneben,
  79. reagiert der Lehrende gegenüber
    dem zweiten Schwarzen Schulkind,
  80. als hätte es sich
    zweimal daneben benommen.
  81. So als ob die Sünden eines Kindes
  82. sich bei dem anderen Kind summieren.
  83. Wir erstellen Kategorien,
    um der Welt einen Sinn zu geben,

  84. und zur Behauptung
    einer gewissen Kontrolle und Kohärenz
  85. gegenüber den Reizen,
    die uns ständig bombardieren.
  86. Kategorisierung und die dadurch
    gesäten Vorurteile
  87. ermöglichen es unseren Gehirnen,
    schneller und effektiver zu urteilen.
  88. Wir tun das, indem wir uns instinktiv
    auf die Strukturen verlassen,
  89. die vorhersehbar scheinen.
  90. Doch genau wie die Kategorien,
    die wir erschaffen, es uns ermöglichen,
  91. schnelle Entscheidungen zu treffen,
    verstärken sie auch Vorurteile.
  92. Also können genau die Dinge,
    die uns helfen, die Welt zu sehen
  93. uns ihr gegenüber auch blind machen.
  94. Sie machen Entscheidungen leicht für uns,
  95. reibungslos.
  96. Doch sie fordern einen hohen Preis.
  97. Was können wir also tun?

  98. Wir alle sind anfällig für Vorurteile,
  99. aber wir handeln nicht ständig
    aus Vorurteilen heraus.
  100. Einige Voraussetzungen
    können Vorurteile ins Leben rufen
  101. während andere Voraussetzungen
    sie abschwächen können.
  102. Ich gebe Ihnen ein Beispiel:

  103. Viele Leute kennen
    das Tech-Unternehmen Nextdoor.
  104. Ihr Sinn und Zweck ist es,
  105. stärkere, gesündere und sicherere
    Nachbarschaften zu schaffen.
  106. Dafür bieten sie diesen Online-Raum an,
  107. in dem sich Nachbarn einfinden
    und Informationen teilen können.
  108. Doch Nextdoor stellte bald fest,
  109. dass sie ein Problem
    mit Racial Profiling haben.
  110. Im typischen Fall schauen
    die Leute aus dem Fenster
  111. und sehen einen Schwarzen Mann
    in ihrer ansonsten Weißen Nachbarschaft
  112. und urteilen spontan,
    dass er nichts Gutes im Schilde führt,
  113. selbst wenn es keine Hinweise
    auf ein kriminelles Vergehen gab.
  114. In vielfacher Hinsicht
    reflektiert unser Online-Verhalten
  115. unser Verhalten in der Welt.
  116. Doch was wir nicht tun wollen,
  117. ist ein einfach zu benutzendes
    System zu schaffen,
  118. das Vorurteile verstärken
  119. und rassenbezogene Ungleichheiten
    intensivieren kann,
  120. anstatt sie zu entschärfen.
  121. Der Mitbegründer von Nextdoor

  122. setzte sich also mit mir
    und anderen in Kontakt
  123. um herauszufinden, was man tun konnte.
  124. Sie stellten fest, dass sie zur Eindämmung
    von Racial Profiling auf der Plattform
  125. Reibung hinzufügen müssen;
  126. das heißt, sie müssen
    die Leute ausbremsen.
  127. Nextdoor hatte also
    eine Entscheidung zu treffen,
  128. und entgegen jedem Impuls,
  129. entschieden sie sich,
    Reibung hinzuzufügen.
  130. Sie taten das, durch die Ergänzung
    um eine einfache Checkliste.
  131. Sie bestand aus drei Punkten.
  132. Zuerst baten sie die Nutzer
    innezuhalten und zu überlegen:
  133. "Was hat diese Person getan,
    das sie verdächtig erschienen ließ?"
  134. Die Kategorie "Schwarze Person"
    ist kein Anlass für eine Verdächtigung.
  135. Als zweitens baten sie die Nutzer,
  136. die Körpermerkmale
    der Person zu beschreiben,
  137. nicht bloß ihre ethnische Herkunft
    und ihr Geschlecht.
  138. Drittens erkannten sie, dass viele Leute
  139. gar nicht zu wissen schienen,
    was Racial Profiling ist,
  140. oder dass sie es betreiben.
  141. Also lieferte Nextdoor
    ihnen eine Definition
  142. und teilte Ihnen mit,
    dass es strengstens verboten ist.
  143. Die meisten von Ihnen kennen
    diese Schilder in Flughäfen
  144. und in U-Bahn Stationen:
    "Wenn du etwas siehst, sag etwas."
  145. Nextdoor versuchte dies zu ändern:
  146. "Wenn du etwas Verdächtiges siehst,
  147. sag etwas Konkretes."
  148. Und durch diese Strategie,
  149. bei der die Leute
    einfach ausgebremst werden,
  150. gelang es Nextdoor,
    Racial Profiling um 75 % zu senken.
  151. Jetzt sagen die Leute oft zu mir:
  152. "Man kann Reibung nicht in jeder Situation
    und in jedem Kontext hinzufügen,
  153. vor allem nicht für Leute,

  154. die ständig Entscheidungen
    in Sekundenbruchteilen treffen müssen."
  155. Aber es stellt sich heraus,
  156. dass wir Reibung in mehr Situationen,
    als wir denken, hinzufügen können.
  157. In Zusammenarbeit mit der
    Polizeibehörde von Oakland in Kalifornien
  158. war es mir und einigen
    meiner Kolleg(innen) möglich,
  159. der Behörde zu helfen,
    die Anzahl ihrer Stopps zu verringern,
  160. wegen Leuten, die keinerlei
    Straftaten begingen.
  161. Und wir taten dies,
    indem wir die Polizisten aufforderten,
  162. sich vor jeder einzelnen Kontrolle
    eine Frage zu stellen:
  163. "Ist diese Kontrolle
    informationsgeleitet, ja oder nein?"
  164. Mit anderen Worten:
  165. "Verfüge ich über Vorinformationen,
    die diese bestimmte Person
  166. mit einer konkreten Straftat
    in Verbindung bringen?"
  167. Durch Hinzufügen dieser Frage
    auf dem Formular,
  168. das Polizisten während
    einer Kontrolle ausfüllen,
  169. werden sie langsamer,
    halten inne, denken nach:
  170. "Warum erwäge ich,
    diese Person anzuhalten?"
  171. Im Jahr 2017,
  172. bevor wir das Formular um diese
    informationsgeleitete Frage ergänzten,

  173. führten Polizisten etwa 32 000 Kontrollen
    in der ganzen Stadt durch.
  174. Im nächsten Jahr,
    mit der Ergänzung dieser Frage,
  175. fiel die Zahl auf 19 000 Kontrollen.
  176. Allein die Kontrollen
    von Afroamerikanern fielen um 43 %.
  177. Die Kontrolle weniger Schwarzer Menschen
  178. machte die Stadt
    in keinster Weise gefährlicher.
  179. Tatsächlich, fiel die Kriminalität weiter
    und die Stadt wurde sicherer für jeden.
  180. Eine Lösung kann also darin bestehen,

  181. die Zahl unnötiger
    Kontrollen zu verringern.
  182. Eine andere kann darin bestehen,
  183. die Qualität der Kontrollen zu verbessern,
    die die Polizisten durchführen.
  184. Die Technologie kann uns dabei helfen.
  185. Wir alle wissen über
    George Floyds Tod Bescheid,
  186. weil die, die versuchten ihm zu helfen,
    ihre Handy-Kameras benutzten,
  187. um diese schreckliche, tödliche Begegnung
    mit der Polizei aufzunehmen.
  188. Doch wir verfügen über
    alle Arten von Technologie,
  189. die wir nicht sinnvoll einsetzen.
  190. In Polizeibehörden im gesamten Land
  191. wird nun ein Tragen
    von Körperkameras verlangt,
  192. sodass wir nicht nur Aufnahmen von den
    extremsten und schrecklichsten Begegnungen
  193. sondern von alltäglichen
    Interaktionen haben.
  194. Mit einem interdisziplinären
    Team aus Stanford

  195. haben wir begonnen,
    maschinelle Lernverfahren zu nutzen,
  196. um große Zahlen
    an Begegnungen zu untersuchen.
  197. Es geht darum, besser zu verstehen,
  198. was bei routinemäßigen
    Verkehrskontrollen passiert.
  199. Was wir herausfanden ist, dass,
  200. selbst wenn sich Polizisten
    professionell verhalten,
  201. sie Schwarze Fahrer weniger respektvoll
    ansprechen als Weiße Fahrer.
  202. Tatsächlich konnten wir,
    allein aufgrund der Wörter,
  203. die Polizisten benutzten, vorhersagen,
  204. ob sie zu einem Schwarzen
    oder Weißen Fahrer sprachen.
  205. Das Problem ist, dass der Großteil
    der Aufnahmen dieser Kameras

  206. nicht von Polizeibehörden benutzt wird,
  207. um zu verstehen,
    was auf den Straßen vor sich geht,
  208. oder um Polizisten fortzubilden.
  209. Und das ist eine Schande.
  210. Wie kann sich eine Routinekontrolle
    in eine tödliche Begegnung verwandeln?
  211. Wie konnte das in
    George Floyds Fall passieren?
  212. Wie konnte das
    in anderen Fällen passieren?
  213. Als mein ältester Sohn 16 Jahre alt war,

  214. fand er heraus, dass Weiße Leute,
  215. wenn sie ihn ansehen, Angst verspüren.
  216. Aufzüge seien am schlimmsten, sagte er.
  217. Wenn diese Türen sich schließen,
  218. sind die Leute auf kleinstem Raum gefangen
  219. mit jemandem, für den
    ihnen beigebracht wurde,
  220. ihn mit Gefahr zu verbinden.
  221. Mein Sohn fühlt ihr Unbehagen,
  222. und er lächelt, um sie zu beruhigen,
  223. um ihre Ängste zu lindern.
  224. Wenn er spricht,
    entspannt sich ihr Körper.
  225. Sie atmen ruhiger.
  226. Sie mögen seinen Tonfall,
  227. seinen Ausdruck und seine Wortwahl.
  228. Er klingt wie einer von ihnen.
  229. Ich dachte immer,
  230. dass mein Sohn wie sein Vater
    natürlicherweise extrovertiert sei.
  231. Doch in diesem Moment,
    bei diesem Gespräch stellte ich fest,
  232. dass sein Lächeln kein Zeichen dafür war,
  233. dass er sich mit Fremden verbinden wollte.
  234. Es war ein Talisman,
    den er zu seinem eigenen Schutz nutzte.
  235. Eine Überlebensstrategie,
  236. die er während tausenden von Fahrten
    mit dem Aufzug perfektioniert hatte.
  237. Er lernte, der Anspannung
    entgegenzukommen,
  238. die seine Hautfarbe verursache,
  239. und die sein eigenes Leben
    in Gefahr brachte.
  240. Wir wissen, dass unser Gehirn
    auf Vorurteile programmiert ist.

  241. Und eine Möglichkeit,
    diese Vorurteile zu unterbrechen,
  242. ist innezuhalten und über die Beweise
    für unsere Annahmen nachzudenken.
  243. Wir müssen uns also fragen:
  244. Welche Annahmen bringen wir mit,
    wenn wir in einen Aufzug steigen?
  245. Oder ein Flugzeug?
  246. Wie werden wir uns unserer eigenen
    unbewussten Vorurteile bewusst?
  247. Wen schützen diese Annahmen?
  248. Wen setzen sie einer Gefahr aus?
  249. Nicht bevor wir diese Fragen stellen
    und darauf bestehen,
  250. dass unsere Schulen, unsere Gerichte
    und unsere Polizeibehörden
  251. und alle Institutionen dasselbe tun,
  252. werden wir weiterhin zulassen,
    dass Vorurteile uns blind machen.
  253. Und wenn wir das tun,
  254. ist niemand von uns wirklich sicher.
  255. Danke.