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← Wie das Gehirn Sprache verarbeitet - Gareth Gaskell

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Showing Revision 6 created 08/06/2020 by Sonja Maria Neef.

  1. Im Schnitt kennt ein 20-Jähriger
    27.000 bis 52.000 Wörter.
  2. Bis zum Alter von 60 Jahren pendelt sich
    diese Zahl zwischen 35.000 und 56.000 ein.
  3. Ausgesprochen dauern die meisten
    dieser Wörter weniger als eine Sekunde.
  4. Also muss das Gehirn bei jedem Wort
    eine schnelle Entscheidung treffen:
  5. Welche der unzähligen Optionen
    passt zum Signal?
  6. Das Gehirn entscheidet sich
    zu etwa 98 % für das richtige Wort.
  7. Aber wie?

  8. Sprachverstehen ist anders
    als Leseverstehen,
  9. ähnelt aber dem Verständnis
    von Gebärdensprache --
  10. obwohl gesprochene Sprache
    mehr als letztere erforscht ist.
  11. Der Schlüssel zu unserem
    Verständnis von Gesprochenem
  12. ist die Rolle des Gehirns
    als Parallelverarbeiter,
  13. welches also mehrere unterschiedliche
    Dinge gleichzeitig tun kann.
  14. Den meisten Theorien zufolge
    wird jedes bekannte Wort
  15. von einer separaten, dafür abgestellten
    Verarbeitungseinheit dargestellt:
  16. Diese misst allein die Wahrscheinlichkeit,
    dass genau dieses Wort gesagt wurde.
  17. Im Kontext des Gehirns ist
    diese Verarbeitungseinheit für ein Wort

  18. höchstwahrscheinlich ein
    Aktivitätsmuster einer Neuronengruppe
  19. in der Großhirnrinde.
  20. Wenn wir den Wortanfang hören,
  21. werden mehrere tausend
    solcher Einheiten aktiviert,
  22. denn allein durch den Wortanfang
  23. ergeben sich viele mögliche Treffer.
  24. Wenn das Wort dann weitergeht,
    registrieren immer mehr Einheiten,
  25. dass eine wichtige Information fehlt
    und sie werden deaktiviert.
  26. Vielleicht schon lange vor Wortende
  27. ist nur noch ein Aktivitätsmuster aktiv,
    das einem einzigen Wort entspricht.
  28. Das ist der sogenannte
    "Recognition Point".
  29. Während sie sich auf ein Wort fokussieren,
  30. unterdrücken die aktiven Einheiten
    die Aktivität der anderen,
  31. und sparen dabei wertvolle Millisekunden.
  32. Die meisten Menschen können
    bis zu 8 Silben pro Sekunde verstehen.
  33. Doch das Ziel ist nicht nur,
    das Wort zu erkennen,

  34. sondern auch, auf dessen
    gespeicherte Bedeutung zuzugreifen.
  35. Das Gehirn greift gleichzeitig
    auf mehrere mögliche Wortbedeutungen zu,
  36. noch bevor das Wort
    sicher identifiziert wurde.
  37. Das wissen wir aus Studien, die zeigen,
    dass Hörer selbst bei einem Fragment --
  38. wie "Kap" --
  39. mehrere mögliche Bedeutungen registrieren,
  40. beispielsweise "Kapitän" oder "Kapital",
    noch bevor das ganze Wort erklingt.
  41. Das legt den Schluss nahe,
    dass bei jedem gehörten Wort

  42. eine kurze Bedeutungsexplosion
    in unserem Kopf stattfindet,
  43. bis sich das Gehirn am Recognition Point
    für eine Interpretation entscheidet.
  44. Der Erkennungsprozess
    geht schneller vonstatten,
  45. wenn es um einen Satz im Kontext
    statt einer zufälligen Wortfolge geht.
  46. Kontext hilft uns auch dabei,
    die beabsichtigte Wortbedeutung
  47. aus mehreren Möglichkeiten zu erkennen,
    wie bei "Bank" oder "Strauß",
  48. oder bei Homophonen wie "man" und "Mann".
  49. Für mehrsprachige Menschen ist
    die gehörte Sprache ein weiterer Hinweis,
  50. der dabei hilft, mögliche Wörter aus
    dem falschen Sprachkontext auszusortieren.
  51. Aber was passiert, wenn ganz neue Wörter
    dem System hinzugefügt werden?

  52. Selbst als Erwachsene stoßen wir
    alle paar Tage auf ein neues Wort.
  53. Doch wenn jedes Wort ein fein
    abgestimmtes Aktivitätsmuster darstellt,
  54. das über viele Neuronen verteilt ist,
  55. wie verhindern wir dann,
    dass neue Wörter alte überschreiben?
  56. Wir glauben, dass
    dieses Problem vermieden wird,
  57. indem neue Wörter zunächst
    im Hippocampus gespeichert werden,
  58. einem Teil des Gehirns, der vom
    Hauptspeicher im Cortex weit entfernt ist,
  59. sodass die neuen und alten Wörter
    sich keine Neuronen teilen.
  60. Später, nach ein paar Mal Schlafen,

  61. werden die neuen Wörter nach und nach
    übertragen und mit den alten verknüpft.
  62. Forscher vermuten, dass dieser
    schrittweise Lernprozess
  63. uns dabei hilft, die Störung
    vorhandener Wörter zu vermeiden.
  64. Also ist es tagsüber so,

  65. dass unterbewusste Bedeutungsexplosionen
    losgehen, während wir sprechen.
  66. Und während wir nachts ruhen,
    integriert das Gehirn eifrig neues Wissen,
  67. und zwar in das Wortnetzwerk.
  68. Wenn wir aufwachen, garantiert
    dieser Prozess, dass wir bereit sind
  69. für die sich stetig wandelnde
    Welt der Sprache.