German subtitles

← Des Streitgesprächs zuliebe

Get Embed Code
34 Languages

Showing Revision 9 created 11/08/2013 by Judith Matz.

  1. Ich heiße Dan Cohen und wie er schon sagte,
    bin ich Wissenschaftler.
  2. Und das bedeutet, dass ich streite.
  3. Das ist ein wichtiger Teil meines Lebens
    und ich streite gerne.
  4. Ich bin nicht nur Wissenschaftler,
    sondern auch Philosoph,
  5. also würde ich behaupten, dass ich sogar
    sehr gut im Streiten bin.
  6. Aber ich denke auch gerne viel
    über das Streiten nach.
  7. Dabei bin ich
    auf ein paar Rätsel gestoßen

  8. und eines dieser Rätsel ist:
  9. Wenn ich an Streitgespräche
    im Verlauf der Jahre zurückdenke,
  10. über Jahrzehnte hinweg, dann bin ich
    im Streiten immer besser geworden,
  11. aber je mehr ich streite
    und je besser ich darin werde,
  12. desto mehr verliere ich.
    Und das ist das Rätsel.
  13. Und das andere Rätsel ist,
    dass ich damit kein Problem habe.
  14. Wieso ist es für mich in Ordnung,
    wenn ich verliere
  15. und wieso denke ich,
    dass gute Streitgesprächspartner
  16. besser im Verlieren sind?
  17. Nun, es gibt da
    noch ein paar andere Rätsel.

  18. Eines ist: Wieso streiten wir?
    Wer profitiert von Streitgesprächen?
  19. Bei Streitgesprächen,
    von denen ich spreche,
  20. nennen wir sie wissenschaftliche
    oder kognitive Dispute,
  21. steht etwas Kognitives
    auf dem Spiel.
  22. Ist diese Behauptung wahr?
    Ist diese Theorie eine gute?
  23. Ist das eine vertretbare Interpretation
    der Daten oder des Textes? usw.
  24. Ich interesse mich nicht für Streitereien,
    bei denen es darum geht,
  25. wer mit Spülen an der Reihe ist
    oder wer den Müll raus bringt.
  26. Klar, solche Streitereien haben wir auch.
  27. Bei solchen Streitereien gewinne ich immer,
    weil ich die Tricks kenne.
  28. Aber das sind keine
    wichtigen Diskusssionen.
  29. Heute geht es mir um
    wissenschaftliche Streitgespräche
  30. und dies sind die Dinge,
    die mich ins Grübeln bringen.
  31. Erstens, was gewinnen die Gesprächspartner,
    wenn sie ein Streitgesrpäch gewinnen?

  32. Was gewinne ich, wenn ich Sie
    davon überzeuge, dass
  33. Utilitarismus eigentlich nicht der richtige Rahmen
    ist, um über ethische Theorien nachzudenken?
  34. Was gewinnen wir also,
    wenn wir ein Streitgespräch gewinnen?
  35. Sogar noch wichtiger ist,
    warum ist es mir nicht egal,
  36. ob Sie denken,
    dass Kants Theorie haltbar,
  37. oder dass Mill der Ethiker ist,
    dem man zustimmen sollte?
  38. Es ist nicht meine Sache,
    ob Sie finden, dass
  39. der Funktionalismus
    eine vertretbare Theorie ist.
  40. Warum versuchen wir dann
    überhaupt zu streiten?
  41. Wieso versuchen wir, andere Menschen
    davon zu überzeugen,
  42. Dinge zu glauben,
    die sie nicht glauben wollen?
  43. Und ist das überhaupt in Ordnung?
    Behandelt man so Menschen,
  44. indem man versucht, sie dazu zu bringen,
  45. etwas zu denken,
    das sie nicht denken wollen?
  46. Meine Antwort wird sich auf

  47. drei Streitmodelle beziehen.
  48. Das erste Modell, nennen wir es
    dialektisches Modell, besagt,
  49. dass wir Auseinandersetzungen
    für Krieg halten.
  50. Sie wissen schon.
    Viel Geschrei und Gebrüll
  51. und Gewinnen und Verlieren
  52. und das ist kein sehr hilfreiches,
  53. aber ein ziemlich verbreitetes und
    etabliertes Streitmodell.
  54. Aber es gibt noch ein zweites Streitmodell:
    Streitgespräche mit Argumentation.

  55. Denken Sie an ein Streitgespräch
    unter Mathematikern.
  56. Hier ist mein Argument.
    Ist es haltbar? Ist es gut?
  57. Sind die Prämissen gerechtfertigt?
    Sind die Folgerungen stichhaltig?
  58. Folgt der Rückschluss logisch
    auf die Prämissen?
  59. Kein Widerspruch, kein Gegensatz,
  60. nicht unbedingt ein Streitgespräch
    im gegnerischen Sinn.
  61. Aber es gibt noch ein drittes
    beachtenswertes Modell,

  62. das ich für sehr hilfreich halte,
  63. und das sind Streitgespräche als Auftritte,
  64. Debatten vor einem Publikum.
  65. Denken wir an einen Politiker,
    der versucht, eine Position darzulegen,
  66. der das Publikum von etwas überzeugen will.
  67. Aber in dem Modell gibt es einen Aspekt,
    den ich für sehr wichtig erachte,
  68. nämlich, dass, wenn wir
    vor einem Publikum debattieren,
  69. das Publikum manchmal
    eine aktive Rolle in der Debatte hat,
  70. das heißt, Debatten sind auch
    Audienzen vor Juroren,
  71. die ein Urteil fällen
    und über den Fall entscheiden.
  72. Nennen wir es
    "das rhetorische Modell",
  73. bei dem man die Debatte an
    das nahe Publikum anpassen muss.
  74. Eine solide, gut argumentierte,
    anspruchsvolle Debatte auf Englisch
  75. wird vor einem frankophonen Publikum
  76. einfach nicht funktionieren.
  77. Nun haben wir diese Modelle
    – Streit als Krieg,
  78. Streit als Argumentation
    und Streit als Auftritt (Debatte).
  79. Von diesen dreien ist der Streit
    als Krieg das dominanteste.

  80. Es dominiert, wie wir über Streit reden,
  81. es dominiert, wie wir über Streit denken,
  82. und daher prägt es unsere Art zu streiten;
  83. unser Handeln im Streit.
  84. Wenn wir über Streit reden,

  85. dann reden wir auf sehr militaristische Art.
  86. Wir wollen stichhaltige,
    schlagfertige Streitgespräche,
  87. einige Argumente
    gehen am Ziel vorbei.
  88. Wir wollen eine Abwehr
    und unsere Strategien geordnet wissen.
  89. Wir wollen "Killer-Streitgespräche".
  90. Das sind die Art Streitgespräche,
    die wir wollen.
  91. Das ist die dominante Art,
    über Streitgespräche nachzudenken.
  92. Wenn ich über Streit rede,
    ist es wahrscheinlich das,
  93. was Sie sich vorgestellt haben,
    das gegnerische Modell.
  94. Aber die Kriegsmetapher,
    das Kriegsparadigma
  95. oder das Modell,
    um über Streit nachzudenken,
  96. hat m. E. einen deformierenden Einfluss
    auf unsere Art zu streiten.
  97. Erstens stellt es Taktik über Substanz.

  98. Mann kann einen Kurs in Logik,
    in der Argumentation belegen.
  99. Man kann über all die Ausflüchte lernen,
    die die Menschen benutzen,
  100. um Streitgespräche zu gewinnen,
    die falschen Schritte.
  101. Das verstärkt den "Wir-gegen-Sie"-Aspekt
    des Streits.
  102. Das macht es gegnerisch. Es ist polarisierend.
  103. Und die einzigen vorhersehbaren Ausgänge
  104. sind Triumph bzw. glorreicher Triumph
    oder Demütigung bzw. schmachvolle Niederlage.
  105. Ich halte das für einen deformierenden Einfluss
    und, schlimmer noch,
  106. scheint es Dinge wie Verhandlung,
  107. Befreiung, Kompromisse
  108. oder Kollaboration zu verhindern.
  109. Denken Sie mal drüber nach.
    Sind Sie je in ein Streitgespräch gegangen
  110. und haben gedacht: "Mal sehen,
    ob wir etwas besprechen können,
  111. anstatt es auszufechten? Was können wir
    zusammen herausfinden?"
  112. Ich glaube die Streit-als-Krieg-Metapher
  113. hindert diese anderen Arten der Vorsätze
    für ein Streitgespräch.
  114. Und zuletzt,
    was wirklich das Schlimmste ist:
  115. Streitgespräche scheinen uns
    nicht voranzubringen.
  116. Sie sind Sackgassen. Sie sind Kreisverkehre,
  117. Staus oder Verkehrkollapse
    im Gespräch.
  118. Wir kommen nicht voran.
  119. Oh, und noch etwas, als Lehrer

  120. stört mich das besonders:
  121. Wenn Streit Krieg bedeutet,
    dann gibt es eine implizite Gleichung
  122. vom Lernen mit Verlieren.
  123. Lassen Sie es mich erklären.
  124. Nehmen wir an, Sie und ich haben
    ein Streitgespräch.
  125. Sie glauben eine Behauptung B
    und ich nicht.
  126. Und ich sage: "Wieso glauben Sie B?"
  127. Und Sie nennen mir Ihre Gründe.
  128. Und ich widerspreche und sage:
    "Wie wäre es mit...?"
  129. Und Sie antworten auf meinen Einwand.
  130. Ich habe eine Frage:
    "Was meinen Sie damit?
  131. Wie trifft es in jenem Fall zu?"
    Und Sie beantworten meine Frage.
  132. Ich denke, letzten Endes habe ich
  133. widersprochen, ich habe hinterfragt,
  134. ich habe allerlei
    Gegenpositionen aufgeworfen,
  135. und in jedem Fall haben Sie mir
    zu meiner Zufriedenheit geantwortet.
  136. So sage ich letzten Endes:
  137. "Wissen Sie was?
    Ich schätze, Sie haben Recht. B."
  138. Also habe ich einen neuen Glauben.
    Und nicht nur einen Glauben,
  139. sondern einen gut artikulierten,
    untersuchten,
  140. kampferprobten Glauben.
  141. Ein großer Erkenntnisgewinn.
    Wer hat das Streitgespräch gewonnen?

  142. Die Kriegsmetapher scheint uns
    dazu zu zwingen zu sagen,
  143. Sie haben gewonnen, obwohl ich der Einzige bin,
    der Erkenntnis gewonnen hat.
  144. Welche Erkenntnis haben Sie daraus gewonnen,
    mich zu überzeugen?
  145. Klar, es gefällt Ihnen,
    vielleicht ist es gut für Ihr Ego,
  146. vielleicht bekommen Sie einen
    professionellen Status in dem Bereich.
  147. Dieser Typ kann gut argumentieren.
  148. Aber kognitiv – nur von der
    Erkenntnisperspektive aus –
    wer war der Gewinner?
  149. Die Kriegsmetapher zwingt uns zu denken,
  150. dass Sie der Gewinner sind
    und ich verloren habe,
  151. obwohl ich etwas gewonnen habe.
  152. Mit dem Bild stimmt etwas nicht.
  153. Das ist das Bild, das ich wirklich verändern will,
    wenn wir es können.
  154. Also wie können wir Wege finden,
    dass sich aus Streitgesprächen

  155. etwas Positives ergibt?
  156. Was wir brauchen, sind neue
    Ausgangsstrategien für Streitgespräche.
  157. Aber wir werden erst neue
    Ausgangsstrategien haben,
  158. wenn wir neue Ansätze
    für Streitgespräche haben.
  159. Wir müssen uns neue Streitarten ausdenken.
  160. Um das zu tun –
  161. eigentlich weiß ich nicht, wie man das macht.
  162. Das ist die schlechte Nachricht.
  163. Die Streit-als-Krieg-Metapher ist
    einfach ein Monster.
  164. Sie hat einfach einen Platz
    in unseren Köpfen eingenommen
  165. und es gibt keine Zauberkugel,
    die sie töten wird.
  166. Es gibt keinen Zauberstab,
    der sie verschwinden lässt.
  167. Ich habe keine Antwort.
  168. Aber ich habe ein paar Vorschläge
  169. und hier ist mein Vorschlag.
  170. Wenn wir uns neue Streitarten
    ausdenken wollen,

  171. müssen wir an neue Arten
    von Streitgesprächspartnern denken.
  172. Also versuchen Sie es.
  173. Denken Sie an alle Rollen,
    die Menschen in Streitgesprächen spielen.
  174. Da gibt es den Befürworter
    und den Gegenspieler
  175. in einem gegnerischen,
    dialektischen Streitgespräch.
  176. Bei der Debatte gibt es das Publikum.
  177. Da gibt es den logischen Denker
    in Streitgesprächen mit Argumentation.
  178. All diese verschiedenen Rollen. Können Sie sich
    ein Streitgespräch vorstellen,
  179. an dem Sie teilnehmen,
    aber auch im Publikum sitzen
  180. und sich beim Debattieren zusehen?
  181. Können Sie sich vorstellen,
    sich selbst beim Streitgespräch zuzusehen
  182. und wie Sie am Verlieren sind,
    und trotzdem am Ende des Streitgesprächs
  183. sagen: " Wow, das war
    ein gutes Streitgespräch."
  184. Können Sie das? Ich glaube schon.
  185. Ich glaube, wenn Sie sich dieses
    Streitgespräch vorstellen können,
  186. bei dem der Verlierer dem Gewinner sagt
  187. und das Publikum und die Jury sagen können:
  188. "Ja, das war ein gutes Streitgespräch",
  189. dann haben Sie sich ein
    gutes Streitgespräch vorgestellt.
  190. Und mehr als das haben Sie sich
  191. einen guten Streitgesprächspartner
    vorgestellt, einer,
  192. der Sie versuchen sollten zu sein.
  193. Ich verliere viele Streitgespräche.

  194. Es braucht viel Übung, gut im Streiten zu sein,
  195. so, dass man Nutzen
    aus dem Verlieren zieht,
  196. aber glücklicherweise hatte ich
    viele, viele Kollegen,
  197. die gewillt waren, dies mit mir zu üben.
  198. Vielen Dank.

  199. (Applaus)