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← Wie viele Leben können wir leben?

Die Spoken-Word-Dichterin Sarah Kay war erstaunt, als sie herausfand, dass sie nicht Prinzessin, Ballerina und Astronautin in einem Leben werden konnte. In diesem Vortrag trägt sie zwei kraftvolle Gedichte vor, die uns zeigen, wie wir mehr als ein Leben leben können.

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Showing Revision 21 created 05/06/2017 by Retired user.

  1. (Singt) Ich seh den Mond.
    Der Mond sieht mich.
  2. Der Mond sieht jemanden,
    den ich nicht seh'.
  3. Gott segne den Mond,
    und Gott segne mich,
  4. und Gott segne diejenige,
    die ich nicht seh'.
  5. Wenn ich in den Himmel
    komm, vor dir,
  6. dann mach ich ein Loch
    und hol dich zu mir.
  7. Ich schreib' deinen Namen
    auf jeden Stern
  8. und auf diese Weise
  9. scheint die Welt nicht so fern.
  10. (Gesang Ende)
  11. Der Astronaut wird heute
    nicht zur Arbeit gehen.

  12. Er hat sich krank gemeldet.
  13. Er hat Handy, Laptop, Piepser
    und Wecker abgestellt.
  14. Auf seinem Sofa schläft
    eine dicke gelbe Katze,
  15. Regentropfen prasseln
    gegen das Fenster
  16. und kein bisschen Kaffeeduft in der Küche.
  17. Alle sind aufgeregt.
  18. Die Techniker im 15. Stock
    haben aufgehört,
  19. an ihrer Teilchenmaschine zu arbeiten.
  20. Der Antigravitationsraum ist undicht
  21. und das sommersprossige Kind mit Brille,
  22. das den Müll hinaus
    bringen soll, ist nervös,
  23. sucht in der Tasche, lässt
    Bananenschale und Pappbecher fallen.
  24. Doch niemand bemerkt es.
  25. Sie sind zu beschäftigt damit,
    die verlorene Zeit auszurechnen.
  26. Wie viele Galaxien verlieren
    wir pro Sekunde?
  27. Wie lang bis zum nächsten Raketenstart?
  28. Irgendwo löst sich ein Elektron
    aus seiner Elektronenwolke.
  29. Ein schwarzes Loch hat sich aufgetan.
  30. Eine Mutter deckt den Tisch fertig
    für das Abendessen.
  31. Ein "Law and Order"-Marathon beginnt.
  32. Der Astronaut schläft.
  33. Er vergaß, seine Armbanduhr abzustellen,
  34. die wie ein metallener Puls
    gegen sein Handgelenk tickt.
  35. Er hört es nicht.
  36. Er träumt von Korallenriffen und Plankton.
  37. Seine Finger ergreifen
    die Schiffsmaste der Kissen.
  38. Er dreht sich auf die Seite,
    öffnet auf einmal seine Augen.
  39. Er denkt, dass Taucher wohl den
    besten Job der Welt haben müssen.
  40. So viel Wasser zum Dahingleiten.
  41. (Applaus)

  42. Danke.

  43. Als Kind konnte ich nicht verstehen,

  44. dass man nur ein einziges
    Leben leben kann.
  45. Das meine ich nicht
    im metaphorischen Sinne.
  46. Ich dachte wirklich,
    ich könnte alles machen,
  47. was man tun kann,
  48. und könnte alles werden,
    was man sein kann.
  49. Es war nur eine Frage der Zeit.
  50. Es gab keine Einschränkungen
    in punkto Alter, Geschlecht,
  51. Herkunft oder Zeitraum.
  52. Ich war mir sicher,
    dass ich tatsächlich erfahre,
  53. wie es ist, ein Anführer
    der Bürgerrechtsbewegung zu sein,
  54. oder ein 10-jähriger Junge,
  55. der die historische Dürre in den USA
    auf einer Farm miterlebte,
  56. oder ein Kaiser der chinesischen
    Tang-Dynastie zu sein.
  57. Meine Mutter sagt,
    wenn mich Leute fragten,
  58. was ich später werden wollte,
    war meine Antwort immer:
  59. Prinzessin-Ballerina-Astronautin.
  60. Sie versteht nicht,
  61. dass ich keinen "kombinierten
    Superberuf" erfinden wollte.
  62. Ich listete Berufe auf,
    die ich alle ausüben wollte:
  63. Prinzessin, Ballerina und Astronautin.
  64. Ich bin mir sicher,
    dass die Liste noch länger war.
  65. Denn ich wurde immer
    irgendwie unterbrochen.
  66. Es ging nie um das "Ob",
    sondern nur um das "Wann".
  67. Ich war mir bewusst,
    dass ich bei so vielen Plänen

  68. bald aktiv werden musste,
  69. weil es noch sehr viel zu tun gab.
  70. Ich befand mich immer in Hektik.
  71. Ich hatte immer Angst,
    hinter dem Zeitplan zu sein.
  72. Da ich in New York aufwuchs,
  73. war Hektik --soweit ich weiß --
    ziemlich normal.
  74. Als ich aber älter wurde,
    wurde mir schmerzlich bewusst,
  75. dass ich nur ein Leben
    würde leben können.
  76. Ich wusste nur, wie es war,
  77. eine Jugendliche in New York zu sein,
  78. und nicht ein Jugendlicher in Neuseeland
  79. oder eine Ballkönigin in Kansas.
  80. Ich konnte alles nur durch
    meine eigenen Augen sehen.
  81. Von da an faszinierten mich Geschichten,
  82. weil ich durch Geschichten
    in der Lage war,
  83. die Welt mit den Augen der anderen zu
    sehen, wenn auch nur kurz.
  84. Ich lechzte regelrecht danach,
    die Erfahrungen anderer zu hören,
  85. weil ich so eifersüchtig war,
    dass es ganze Lebenswege gab,
  86. die ich nie gehen konnte.
  87. Ich wollte all das hören,
    was ich versäumte.
  88. Umgekehrt wurde mir auch klar,
  89. dass manche Menschen nie
    erfahren werden, was es heißt,
  90. eine Jugendliche in New York zu sein.
  91. Sie würden also nie wissen,
  92. wie sich die U-Bahn-Fahrt
    nach dem ersten Kuss anfühlt,
  93. oder wie still es wird, wenn es schneit.
  94. Sie sollten es erfahren,
    ich wollte es ihnen erzählen

  95. und darauf konzentrierte ich mich dann.
  96. Ich erzählte Geschichten,
    teilte und sammelte sie.
  97. Und erst vor kurzem
    ist mir klar geworden,
  98. dass ich Texte nicht immer
    in Windeseile verfassen kann.
  99. Im April, im "National Poetry Month",
    gibt es einen Wettbewerb,
  100. an dem viele aus der
    Lyrik-Szene teilnehmen.
  101. Er heißt "30/30-Wettbewerb".
  102. Der Gedanke dahinter ist,
  103. jeden Tag im Monat April
    ein neues Gedicht zu schreiben.
  104. Letztes Jahr machte ich zum 1. Mal mit
  105. und war ganz begeistert davon,
  106. wie schnell ich Gedichte
    produzieren konnte.
  107. Am Ende des Monats schaute ich mir
    diese 30 Gedichte an
  108. und entdeckte, dass sie alle
    die gleiche Geschichte erzählten.
  109. Ich hatte die Geschichte 30-mal erzählt,
  110. um herauszufinden,
    wie ich sie erzählen wollte.
  111. Ich überlegte, ob dies für andere,
    viel längere Geschichten, genauso gilt.
  112. Ich schrieb Geschichten, die ich
    seit Jahren erzählen wollte,
  113. immer wieder um, auf der Suche
    nach den richtigen Worten.
  114. Der französische Dichter und Essayist
    Paul Valéry hat gesagt:

  115. "Ein Gedicht ist niemals vollendet,
    sondern nur verlassen."
  116. Das macht mir Angst, denn das bedeutet,
  117. ich kann sie immer umschreiben
    und ich entscheide,
  118. wann das Gedicht fertig ist
    und ich davon lassen kann.
  119. Aber das verstößt gegen
    meine perfektionistischen Züge,
  120. immer die richtige Antwort, Form
    Worte finden zu wollen.
  121. Mit Lyrik kann ich meinen Weg
    durchs Leben finden und Dinge verarbeiten.
  122. Aber nur weil ich ein Gedicht
    beendet habe, heißt das nicht,
  123. dass ich das betreffende
    Problem gelöst habe.
  124. Ich sehe mir gern alte Gedichte an,
  125. weil sie mir genau zeigen,
    wie es damals für mich war,
  126. was ich versuchte zu verarbeiten
  127. und welche Worte ich dafür wählte.
  128. Seit Jahren trage ich
    eine Geschichte mit mir herum,

  129. bei der ich nicht sicher bin,
    ob sie perfekt geschrieben ist
  130. oder ob dies nur ein weiterer Versuch ist
  131. und ich sie später umschreiben werde,
    um sie besser zu erzählen.
  132. Aber wenn ich später darauf
    zurückblicke, werde ich wissen:
  133. So war es damals für mich
  134. und das habe ich versucht zu lösen,
  135. mit diesen Worten, hier,
    in diesem Raum, mit Ihnen.
  136. Also -- Bitte lächeln.

  137. Es war nicht immer so einfach.

  138. Früher musste man sich
    die Hände schmutzig machen.
  139. Du musstest in der Dunkelheit
    immer herumtasten.
  140. Wolltest du mehr Kontrast, mehr Sättigung,
  141. dunklere Schatten und hellere Lichter,
  142. nannte man das verlängerte Entwicklung.
  143. Man war den Chemikalien länger ausgesetzt,
  144. weiter die Handgelenk hinauf.
  145. Es war nicht immer leicht.
  146. Opa Stewart war ein Fotograf
    bei der US-Marine.
  147. Jung, rote Wangen mit
    hochgekrempelten Ärmeln,
  148. richtige Wurstfinger;
  149. er sah wie der leibhaftige
    Seemann Popeye aus.
  150. Mit schiefem Lächeln
    und Büscheln von Brusthaaren
  151. kam er im 2. Weltkrieg an,
    mit einem Grinsen und einem Hobby.
  152. Als sie ihn fragten, ob er
    viel über Fotografie wüsste,
  153. log er, lernte, Europa wie
    eine Karte zu lesen,
  154. von oben, vom Kampfflugzeug aus,
  155. die Kamera knipste, die Lider zuckten,
  156. die dunkelsten Schatten
    und die hellsten Lichter.
  157. Er lernte den Krieg so,
    wie er seinen Heimweg kannte.
  158. Bei ihrer Rückkehr räumten
    andere Männer ihre Waffen weg,

  159. aber er nahm die Linsen und
    die Kameras mit nach Hause,
  160. eröffnete ein Geschäft und
    gründete ein Familienunternehmen.
  161. Mein Vater wurde in diese
    schwarz-weiße Welt hinein geboren.
  162. Seine Basketballhände
    lernten die Feinarbeit,
  163. die Linsen in die Fassungen, den
    Film in die Kamera zu schieben
  164. und die Chemikalien
    in Plastikbecken zu füllen.
  165. Sein Vater kannte die Ausrüstung,
    aber nicht die Kunst.
  166. Er kannte die Schatten,
    aber nicht die Lichter.
  167. Mein Vater erlernte die Magie, verbrachte
    die Zeit damit, dem Licht zu folgen.
  168. Einmal reiste er durchs ganze Land,
    um einem Waldbrand zu folgen.
  169. Er jagte ihm mit seiner Kamera
    eine Woche lang hinterher.
  170. "Folge dem Licht", sagte er.
  171. "Folge dem Licht."
  172. Es gibt eine Zeit, an die ich mich
    nur durch Fotos erinnere.

  173. Das Loft in der Wooster Street
    mit knarrenden Dielen,
  174. 4 m hohen Decken, weißen
    Wänden und kalten Böden.
  175. Das war das Zuhause meiner
    Mutter, bevor sie Mutter war.
  176. Bevor sie Ehefrau war,
    war sie Künstlerin.
  177. Die einzigen zwei Räume im Haus,
  178. bei denen die Wände
    bis an die Decke reichten,
  179. und die schließende Türen hatten,
  180. waren das Bad und die Dunkelkammer.
  181. Die Dunkelkammer baute sie sich selbst,
  182. mit speziell angefertigten
    Edelstahlbecken,
  183. einem 8x10"-Vergrößerungsgerät,
  184. das sich mit einer riesigen Handkurbel
    auf- und abbewegen ließ,
  185. farblich abgestimmten Lampen,
  186. einer weißen Glaswand zur Bildansicht,
  187. einem Trockengestell, das sich
    aus der Wand herausziehen ließ.
  188. Meine Mutter baute sich eine Dunkelkammer.
  189. Dort war sie daheim.
  190. Verliebte sich in einen Mann
    mit Basketballhänden,
  191. in die Weise, wie er
    das Licht betrachtete.
  192. Sie heirateten. Bekamen ein Kind.

  193. Zogen in ein Haus
    in der Nähe eines Parks.
  194. Aber sie behielten das Loft
    in der Wooster Street,
  195. nutzten es für Geburtstagsfeiern
    und Schatzsuchen.
  196. Das Kind brachte Farbe in ihr Leben.
  197. Füllte die Fotoalben ihrer
    Eltern mit roten Ballons
  198. und gelben Zuckergüssen.
  199. Das Kind wuchs zu einem Mädchen
    ohne Sommersprossen heran,
  200. mit einem schiefen Lächeln,
  201. das nicht verstand, warum ihre Freunde
  202. keine Dunkelkammern
    in ihren Häusern hatten.
  203. Das ihre Eltern nie küssen
  204. oder sie Händchen halten sah.
  205. Aber eines Tages kam
    ein weiteres Kind zur Welt.

  206. Es hatte perfekte, gerade Haare
    und Hamsterbäckchen.
  207. Sie nannten ihn Süßkartoffel.
  208. Er lachte so laut,
  209. dass er den Tauben auf
    der Feuerleiter Angst einjagte.
  210. Die vier lebten in dem Haus,
    in der Nähe des Parks.
  211. Das Mädchen ohne Sommersprossen
    und der Süßkartoffel-Junge,
  212. der Basketball-Vater und
    die Dunkelkammer-Mutter,
  213. sie zündeten ihre Kerzen an,
    sprachen ihre Gebete
  214. und die Fotos bekamen krumme Ecken.
  215. Eines Tages stürzten Türme ein

  216. und das Haus in der Nähe des Parks
    wurde zu einem Haus unter Asche,
  217. also flüchteten sie,
  218. mit Rucksäcken, auf Fahrrädern
    zu den Dunkelkammern,
  219. aber das Loft in der Wooster Street
  220. war für einen Künstler eingerichtet,
    nicht für eine Taubenfamilie
  221. und Wände, die nicht
    bis zur Decke reichen,
  222. halten keine Schreie aus
  223. und ein Mann mit Basketball-
    Händen räumte seine Waffen weg.
  224. Er konnte diesen Krieg nicht kämpfen
  225. und keine Karten zeigten ihm
    den Weg nach Hause.
  226. Seine Hände passten nicht
    länger zu seiner Kamera,
  227. zu der seiner Frau, zu seinem Körper.
  228. Der Süßkartoffel-Junge drückte
    seine Fäuste in seinen Mund,
  229. bis er nichts mehr zu sagen hatte.
  230. Also ging das Mädchen ohne
    Sommersprossen allein auf Schatzsuche.

  231. In der Wooster Street, in einem
    Gebäude mit knarrenden Dielen
  232. und einem Loft mit 4 m hohen Decken
  233. und einer Dunkelkammer
    mit zu vielen Becken
  234. unter den abgestimmten Leuchten
    fand sie eine Notiz,
  235. mit einer Zwecke an der Wand befestigt,
    noch aus der Zeit vor den Türmen,
  236. noch aus der Zeit vor den Kindern.
  237. Da stand: "Ein Junge liebt das Mädchen,
    das in der Dunkelkammer arbeitet."
  238. Das war ein Jahr, bevor mein Vater wieder
    eine Kamera in die Hand nahm.
  239. Das erste Mal draußen folgte
    er der Weihnachtsbeleuchtung,
  240. die ihren Weg durch die Bäume
    New Yorks wiesen.
  241. Winzige Lichtpunkte blinkten ihn
    aus den dunkelsten Schatten an.
  242. Ein Jahr später reiste er durchs ganze
    Land, um einem Waldbrand zu folgen.

  243. Eine Woche lang jagte er ihm
    mit seiner Kamera hinterher.
  244. Er wütete an der Westküste
  245. und vernichtete die
    Sattelschlepper, auf die er traf.
  246. Auf der anderen Seite des Landes
  247. ging ich zur Schule und schrieb
    ein Gedicht an meinen Heftrand.
  248. Wir haben beide die Kunst
    des Einfangens erlernt.

  249. Vielleicht erlernen wir auch
    die Kunst des Annehmens.

  250. Vielleicht erlernen wir auch
    die Kunst des Loslassens.

  251. (Applaus)