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← Was Flüchtlinge für den Start in ein neues Leben brauchen

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37 Languages

Showing Revision 34 created 05/15/2019 by Swenja Gawantka.

  1. Vor etwa 2 Jahren bekam ich einen Anruf,

  2. der mein Leben veränderte.
  3. "Hallo, hier spricht dein Cousin Hassan."

  4. Ich erstarrte.

  5. Ich habe nämlich gut über 30 Cousins,
  6. aber einen Hassan kannte ich nicht.
  7. Hassan war eigentlich
    der Cousin meiner Mutter

  8. und er war gerade als Flüchtling
    in Montreal angekommen.
  9. Während der nächsten Monate kamen
    drei weitere asylsuchende Verwandte
  10. mit kaum mehr als dem,
    was sie am Leib trugen, nach Kanada.
  11. In den 2 Jahren seit diesem Anruf
    hat sich mein Leben komplett verändert.
  12. Ich verließ die Universität
  13. und führe nun ein Team von Technologen,
    Forschern und Flüchtlingen,
  14. das individuelle 'Hilfe zur Selbsthilfe'
    für Neuankömmlinge entwickelt.
  15. Wir wollen ihnen helfen, Sprach-, Kultur-
    und andere Barrieren zu überwinden,
  16. die ihnen das Gefühl geben, die Kontrolle
    über ihr Leben verloren zu haben.
  17. KI könnte dabei helfen,
    die Rechte und Würde zurückzugeben,
  18. die viele Menschen
    auf der Suche nach Hilfe verlieren.
  19. Die Migrationserfahrung
    meiner Familie ist nicht einzigartig.

  20. Laut UNHCR werden jede Minute
    20 Menschen in die Flucht getrieben --
  21. aufgrund von Klimawandel,
    Wirtschaftskrisen
  22. und sozialer und politischer Unsicherheit.
  23. Während meines Freiwilligendienstes
    bei einem christlichen Verein,
  24. zu dem auch mein Cousin Hassan
    und andere Verwandte geschickt wurden,
  25. erkannten und schätzten wir,
  26. wie viel Einsatz und Koordination
    eine Eingliederung erfordert.
  27. Wenn man ankommt, muss man
    zunächst einen Anwalt finden

  28. und Formulare innerhalb
    von zwei Wochen ausfüllen.
  29. Auch eine Untersuchung
    durch einen autorisierten Arzt ist nötig,
  30. nur um eine Arbeitserlaubnis
    beantragen zu können.
  31. Man muss sich eine Bleibe suchen,
  32. bevor man Sozialhilfe
    in Anspruch nehmen kann.
  33. Angesichts der tausenden
    Flüchtlinge aus den USA,

  34. die in den letzten Jahren
    in Kanada Asyl suchten,
  35. sahen wir schnell, wie es ist,
  36. wenn es mehr Hilfsbedürftige
    als Mittel gibt.
  37. Sozialdienste passen sich nur langsam an.
  38. Auch wenn die Gemeinden ihr Bestes geben,
  39. um mit begrenzten Ressourcen
    mehr Menschen zu helfen,
  40. bleiben Neuankömmlinge
    verstärkt im Ungewissen
  41. und wissen nicht,
    an wen sie sich wenden sollen.
  42. In Montreal etwa wissen fast 50 % --

  43. trotz Millioneninvestitionen
    in Eingliederungsmaßnahmen --
  44. immer noch nicht von den
    kostenfreien Hilfsangeboten
  45. für alles von formalem Papierkram
    bis hin zur Jobsuche.
  46. Die Herausforderung ist nicht,
    dass keine Informationen vorliegen.
  47. Im Gegenteil, Bedürftige werden
    so sehr mit Infos bombardiert,
  48. dass es schwer ist,
    aus ihnen schlau zu werden.
  49. "Geben Sie mir nicht
    noch mehr Informationen,
  50. sagen Sie mir nur, was ich tun soll",
    hörten wir immer wieder.
  51. Es zeigt, wie schwer
    die Orientierung sein kann,
  52. wenn man in einem fremden Land ankommt.
  53. Ich hatte die gleichen Probleme,
    als ich in Montreal ankam,
  54. und ich habe einen Doktortitel.
  55. (Lachen)

  56. Ein anderes Teammitglied,
    auch Flüchtling, sagte:

  57. "In Kanada ist eine SIM-Karte
    wichtiger als Essen,
  58. weil wir nicht verhungern werden.
  59. Aber der Zugang zu den
    richtigen Mitteln und Informationen
  60. kann den Unterschied
    zwischen Leben und Tod bedeuten."
  61. Ich sage es noch einmal:
  62. Der Zugang zu den richtigen
    Mitteln und Informationen
  63. kann den Unterschied
    zwischen Leben und Tod bedeuten.
  64. Deshalb entwickelten wir Atar,

  65. den ersten automatisierten
    virtuellen Anwalt,
  66. der einen schrittweise
    durch die ersten Wochen
  67. in einer neuen Stadt begleitet.
  68. Man muss Atar nur sagen,
    wofür man Hilfe braucht.
  69. Atar stellt dann
    einige grundsätzliche Fragen,
  70. um die spezifischen Umstände zu verstehen
  71. und über die Voraussetzung
    für Hilfsmittel zu entscheiden.
  72. Zum Beispiel: Haben Sie
    eine Übernachtungsmöglichkeit?
  73. Falls nicht, bevorzugen Sie
    ein Frauenhaus?
  74. Haben Sie Kinder?
  75. Atar erstellt dann eine spezielle,
    schrittweise To-Do-Liste,
  76. die genau beschreibt, was zu tun ist:
  77. wo man hinmuss, wie man dort hinkommt,
  78. was man mitnehmen muss
    und was zu erwarten ist.
  79. Man kann jederzeit eine Frage stellen
  80. und falls Atar keine Antwort hat,
  81. bekommt man sie von einer echten Person.
  82. Das Beste daran ist,

  83. dass wir humanitären
    und Service-Organisationen helfen,
  84. die notwendigen Daten
    und Analysen zu sammeln,
  85. um die sich ändernden Bedürfnisse
    der Neuankömmlinge
  86. in Echtzeit zu verstehen.
  87. Das ist revolutionär.
  88. Wir arbeiten mit dem UNHCR zusammen,
  89. um diese Technologie in Kanada anzubieten,
  90. und haben gemeinsam Kampagnen
    auf Arabisch, Englisch, Französisch,
  91. Kreolisch und Spanisch durchgeführt.
  92. Sprechen wir über
    die Flüchtlingsproblematik,

  93. sehen wir oft nur die offizielle Statistik
  94. der weltweit 65,8 Millionen
    gewaltsam vertriebenen Flüchtlinge.
  95. In der Realität sind
    die Zahlen deutlich höher.
  96. Bis 2050 werden weitere
    140 Millionen Menschen Gefahr laufen,
  97. aufgrund von Umweltzerstörung
    vertrieben zu werden.
  98. Schon heute leben
    fast eine Milliarde Menschen
  99. in illegalen Siedlungen und Slums.
  100. Umsiedlung und Integration
    sind mit die größten Herausforderungen
  101. der heutigen Zeit.
  102. Atar kann hoffentlich
    jedem einzelnen Neuankömmling
  103. einen Anwalt zur Verfügung stellen.
  104. Atar kann hoffentlich
    bestehende Bemühungen verstärken
  105. und den Druck auf ein Sozialnetz mildern,
  106. dass bereits völlig überlastet ist.
  107. Das Wichtigste für uns ist,
  108. dass unsere Arbeit dabei hilft,
    die Rechte und Würde wiederherzustellen,
  109. die Flüchtlinge während ihrer Umsiedlung
    und Integration verlieren,
  110. indem wir ihnen Mittel geben,
    um sich selbst helfen zu können.
  111. Vielen Dank.

  112. (Applaus)