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← Make Sex, not Love? Über die “Scharfstellung” unserer Triebe! | Heike Melzer | TEDxStuttgart

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6 llengües

Showing Revision 1 created 01/24/2019 by Marília Correia.

  1. Ein gemütlicher Fernsehabend
    auf der Couch zu zweit geht zu Ende.

  2. Der Film war wirklich kein Höhepunkt.
  3. Die Frau verabschiedet sich ins Bett:
  4. "Du Schatz, ich glaub,
    ich werde heute nicht mehr alt.
  5. Mit mir brauchst du nicht rechnen."
  6. Er ergreift die Chance
    und verabschiedet sich ins Arbeitszimmer:
  7. "Liebling, macht nichts,
    ich muss eh noch ein bisschen arbeiten."
  8. Sobald beide ungestört sind,
    widmen sie sich
  9. dem eigentlichen Höhepunkt des Abends.
  10. Er checkt die ein
    oder andere Business-E-Mail
  11. und switcht dann relativ schnell
    auf seine favorisierten --
  12. genau -- Porno- und Sex-Seiten.
  13. Was er nicht weiß, ist,
    dass sie zeitsynchron
  14. sich mit dem Sex-Toy ihrer Wahl verwöhnt
  15. und das sie innerhalb von Minuten
    orgastisch dahinschmelzen lässt.
  16. Beide schlafen tiefenentspannt
    nebeneinander vor Mitternacht ein.
  17. Wenn ihr denkt, dass dieses Ritual
    selten ist in unserem Lande,
  18. dann muss ich euch leider enttäuschen --
    das ist vielerorts Alltag.
  19. Und wer kennt das nicht?
  20. Da hat man einen Partner, den man liebt
  21. und den man auch noch
    irgendwie halbwegs attraktiv findet,
  22. und dann kommt der Alltag
    und der legt sich so über die Lust.
  23. Und dann gibt es so viele Möglichkeiten,
    sich alternativ zu vergnügen.
  24. Nur ist auch ein bisschen peinlich,
    darüber zu sprechen,
  25. und man möchte ja auch den Partner
    nicht kränken oder nachhaltig irritieren.
  26. Eins ist Gewiss:
  27. Die Anzahl von Orgasmen ohne Partner,
  28. zumindest ohne verbindlichen Partner,
  29. die hat in den letzten Jahren
    massiv zugenommen.
  30. Lustlosigkeit ist eines der Themen
  31. in meiner Praxis
    für Paar- und Sexualtherapie.
  32. Aber sind wir wirklich
    so "overworked" and "underfucked",
  33. wie wir immer vorgeben?
  34. Oder sind wir nicht vielleicht
    schon ein wenig "oversexed"
  35. und dadurch bedingt "underworked"?
  36. Wenn man sich die Lustlosigkeit
    einmal näher anschaut,
  37. stellt man schnell fest,
  38. es ist nämlich
    keine generelle Lustlosigkeit,
  39. sondern eine partnerbezogene.
  40. Und das liegt unter anderem
    an dem sogenannten Coolidge-Effekt.
  41. Dazu eine kleine Geschichte:
  42. Calvin Coolidge war
    ein US-amerikanischer Präsident,
  43. der vor 100 Jahren
    mit seiner Gattin Grace
  44. eine Hühnerfarm besuchte.
  45. Nach einer getrennten Führung
  46. kam seine Frau ganz aufgeregt
    auf ihn zu und sagte:
  47. „Calvin, stell dir vor,
    der Hahn treibt es 12 Mal am Tag.“
  48. Daraufhin er: "Grace, mein Schatz,
    aber nicht immer mit derselben Henne."
  49. Sexueller Überdruss,
    nachlassende sexuelle Funktionen,
  50. dieser Effekt tritt leider
    nicht nur bei Tieren
  51. bei fortwährend demselben Partner auf,
    sondern auch bei uns Menschen.
  52. Und das ist ja auch irgendwie ein Dilemma:
  53. Liebe braucht Nähe,
    aber Erotik braucht Abstand.
  54. Wir sehnen uns nach Verbindlichkeit,
    nach Gut-aufgehoben-Sein, nach Nähe.
  55. Und dann sehnen wir uns
    noch nach Neuigkeit,
  56. Abenteuer und Aufregung.
  57. Wie kann denn das
    überhaupt zusammenpassen?
  58. Der Alltag ist keine gute Leinwand
    für unsere sexuellen Fantasien.
  59. Wir machen jetzt ein kleines Experiment.
  60. Schließt dazu bitte einmal kurz die Augen
  61. und denkt an die schönste
    Nebensache der Welt, an Sex.
  62. Genau.
  63. Und sei einmal neugierig,
  64. was für Bilder da
    vor deinem inneren Auge kommen
  65. und was für Gefühle.
  66. Und was diese Bilder
    und diese Gefühle mit dir machen.
  67. Vielen Dank.
  68. Ich gehe mal davon aus, dass die Wenigsten
  69. an den Akt der Fortpflanzung
    gedacht haben,
  70. an die Zeugung eines Kindes.
  71. Nun ja, ich gehe jetzt davon aus...
  72. Vielleicht schon ein paar mehr
    ans Liebe machen,
  73. so dem Sex in der Partnerschaft.
  74. Die meisten werden jedoch
  75. an die triebhafte Seite
    der Sexualität gedacht haben,
  76. die mit Abenteuer, Leidenschaft
    und Aufregung einhergeht
  77. und diesem unwahrscheinlich
    guten Gefühl im Bauch.
  78. Fortpflanzung, Liebe und Triebe,
    das sind die drei Dimensionen von Sex.
  79. In der sexuellen Revolution,
  80. da hat sich die Fortpflanzung
    von der Sexualität entkoppelt
  81. durch die Pille, die eingeführt wurde,
    und die Straffreiheit von Abtreibung.
  82. Sex konnte frei genossen werden,
    Kinder waren planbar
  83. und der Slogan damals war:
    "Make love, not war."
  84. Was heute passiert, ist eine wesentlich
    brisantere gesellschaftliche Entwicklung.
  85. Heute spalten sich
    die Triebe aus der Liebe ab,
  86. und zwar durch einen
    enormen Sog nach draußen.
  87. Wir haben heute Pornos,
    die laufen 24 Stunden am Tag
  88. in den abenteuerlichsten Genres,
  89. in 3D-Welten,
  90. mittlerweile auch in 4D-Welten,
    in virtuellen Welten,
  91. und mit einem entsprechenden
    Ganzkörperanzug.
  92. Wir haben Sex-Toys,
    die werden immer interaktiver.
  93. Wir können heute in Timbuktu sitzen
    und mit jemanden am Nordpol Sex haben.
  94. Hinzu kommen Millionen an Menschen,
  95. die über diese zahlreichen
    Apps und Portale
  96. unverbindliche und käufliche
    sexuelle Angebote suchen.
  97. Viele in verbindlichen Partnerschaften,
    nebenbei gesagt,
  98. und alles aus der heimischen Komfortzone
    anbahnbar.
  99. Wir haben heute die Qual der Wahl.
  100. Sex-Traffic hat sich heute
  101. in die High-Speed-Datenautobahnen
    des Internets verschoben
  102. und sorgt für eine weitere
    Verkehrsberuhigung
  103. innerhalb der Partnerschaft.
  104. Wenn wir uns den Slogan anschauen
    "Make love, not war",
  105. verändert der sich nicht heute
    in ein "Make sex, not love"?
  106. Und was ist eigentlich mit der Liebe?
  107. Ganz schön einsam.
  108. Hat die Liebe
    in diesen turbulenten Zeiten
  109. überhaupt noch eine Chance?
  110. Wir alle nutzen diese Freiheiten
    und experimentieren damit.
  111. Und diese Freiheiten betreffen uns alle,
    früher oder später, direkt oder indirekt,
  112. in unserer Partnerschaft,
    in unserer Familie
  113. oder in unserem Freundeskreis.
  114. Und diese Freiheiten verändern sukzessive
  115. unsere sexuellen Fantasien,
    unsere Skripte,
  116. das, was wir wollen,
  117. und das, was wir überhaupt noch
    in der Lage sind zu können.
  118. Die Messlatte ist sehr hoch.
  119. Ich arbeite seit 25 Jahren
    als Neurologin und Psychotherapeutin
  120. und natürlich sehe ich mehr
    die Kehrseite der Medaille.
  121. Und dabei beobachte ich
    in den letzten 10 Jahren
  122. deutliche Veränderungen von den Themen,
  123. mit denen Klienten zu mir
    in meine Praxis kommen.
  124. Es gibt vier große Themenfelder.
  125. Erstens: Alte sexuelle Funktionsstörungen
    im neuen Gewand.
  126. Zu mir kommen junge Männer
    mit Potenzstörungen
  127. und Viagra in der Tasche.
  128. Zu Pornos geht alles prima,
    beim Partner gar nichts mehr.
  129. Orgasmusverzögerung und Orgasmushemmung
    ist paradoxerweise im Kommen.
  130. Und die Männer emanzipieren sich
    in Lustlosigkeit,
  131. aber ihr wisst schon:
    keine generelle Lustlosigkeit,
  132. nur eine partnerbezogene.
  133. Zweitens: Es gibt
    quantitative Veränderungen.
  134. Die Schere geht immer weiter auseinander
    zwischen den Unberührten,
  135. die sich hervorragend
    im Internet versorgen
  136. und schon alles theoretisch wissen,
  137. aber überhaupt keine
    praktische Erfahrung haben,
  138. und denen, die sich so
    durch die Betten tindern,
  139. ruh- und rastlos.
  140. Die WHO hat zwanghafte sexuelle Störung
  141. mittlerweile
    als psychische Erkrankung anerkannt.
  142. Wir haben allein in Deutschland
  143. nach konservativen Schätzungen
    eine halbe Million Porno- und Sexsüchtige.
  144. Dazu kommt ungefähr
    die gleiche Anzahl noch mal
  145. von indirekt betroffenen
    Partnern und Kindern.
  146. Das ist eine ernstzunehmende Entwicklung.
  147. Drittens: Wir haben
    qualitative Veränderungen.
  148. Was früher Hardcore war,
    ist heute Blümchensex.
  149. Spezielle außergewöhnliche Praktiken
  150. wie Voyeurismus, Exhibitionismus,
    Fetischismus und BDSM
  151. sind heute Kulturgut;
  152. mittig angekommen,
    nichts Außergewöhnliches mehr.
  153. Und die Themen, mit denen Paare kommen,
    drehen sich sehr stark ums Smartphone
  154. und dem Begriff der Treue,
    der unklarer ist als je zuvor.
  155. Wir können heute Sex
    mit anderen haben und treu sein.
  156. Wir müssen es halt
    vorher abgesprochen haben.
  157. Wir können aber auch mit dem Partner
    zusammen im Bett liegen
  158. und ihn Online betrügen.
  159. Dabei sehe ich, dass
    der Treubegriff sich verschiebt
  160. von dem "Ich bin dir treu"
    hin zu "Ich bin mir treu".
  161. Probleme sind da durchaus vorprogrammiert.
  162. Und nun die Frage aller Fragen:
  163. Wie können wir diese neuen Freiheiten
  164. so in unser Leben
    integrieren und genießen,
  165. dass wir gesund bleiben und dass
    unsere Partnerschaft gesund bleibt.
  166. Und was machen Sexgourmets
    anders als Sexaholics,
  167. die den Ausschalter nicht mehr finden?
  168. Ein saftiges Tiramisu
    und ein feuchter Orgasmus
  169. sind gar nicht so unterschiedlich.
  170. Ernährung und Sexualität
    haben ganz viele Ähnlichkeiten.
  171. Und ihr wisst wahrscheinlich
    ganz viel über Ernährung,
  172. lest darüber und das
    könnt ihr transferieren.
  173. Und ich möchte euch gerne
    an diese Analogie
  174. ein bisschen was mitgeben heute,
  175. was ihr direkt umsetzen könnt,
    nach dem Motto "Act, Change, Now".
  176. Erstens: Wissen ist die Basis,
    um sein Verhalten zu verändern.
  177. Wenn wir wissen, welche Nahrungsmittel
    uns gesund halten, auch langfristig,
  178. dann können wir den vielen Versuchungen
    der Nahrungsmittelindustrie,
  179. die uns krank und dick machen,
    eher mal ein Nein erteilen.
  180. Genauso ist das
    mit den sexuellen Superreizen.
  181. Wenn ich weiß und mich informiere...
  182. Und wir wissen mittlerweile ganz viel,
    es gibt viele Forschungsstudien dazu,
  183. coole Bücher
    und viele Informationen im Internet.
  184. Schaut hin und nehmt
    dieses Wissen mit auf,
  185. weil das wird eine Key-Ressource sein,
    um sich entsprechend zu positionieren.
  186. Viele sind in diesem Graubereich unterwegs
  187. und ich würde mir wünschen von euch,
  188. dass ihr nicht erst aufwacht,
    wenn ihr krank werdet dadurch.
  189. Zweitens: Erhaltet euch rezeptiv
    für natürliche Reize.
  190. Wenn ihr Schokolade, Cola, Junk-Food esst,
  191. dann schmeckt irgendwann
    kein Apfel und Gemüse mehr.
  192. So ist es auch bei der Sexualität.
  193. Irgendwann stumpft man ab.
  194. Schon mal was von Sex-Fasten gehört,
  195. dem freiwilligen Verzicht
    auf sexuellen Superreize,
  196. mal so wenigstens probeweise
    für eine gewisse Zeit?
  197. Zugegebenerweise macht das nicht schlank,
  198. aber wieder sensitiver
    für natürliche Reize.
  199. Es ist überhaupt nicht schlimm,
    dieses Ganze, was es heute gibt,
  200. Pornografie, Sex-Toys,
  201. aber das sind Genussmittel
    ähnlich wie Süßigkeiten.
  202. Und wir kriegen, wenn wir es
    zu viel konsumieren, Nebeneffekte.
  203. Auch in der Sexualität
    geht Qualität vor Quantität.
  204. Und heute ist manchmal weniger mehr.
  205. Drum, wenn ihr
    das nächste Mal Mails checkt,
  206. einfach mal die Pornos auslassen,
    Sex-Toy in der Schublade lassen
  207. und beim nächsten One-Night-Stand
    einfach mal fragen:
  208. Bringt mich das jetzt wirklich
    persönlich weiter?
  209. Und last but not least: Unterhaltet euch.
  210. Geht in einen Dialog, in einen echten
    differenzierten Dialog mit eurem Partner.
  211. Das ist wichtig und das kostet
    Überwindung und Mut.
  212. Unterhaltet euch über eure Bedürfnisse,
    aber auch über eure Ängste.
  213. Partnerschaften brauchen Grenzen,
  214. damit sie sich unterscheiden
    von dem, was da draußen ist.
  215. Und wenn man Verträge ausmacht,
  216. sollte man sich auch
    an diese Verträge halten.
  217. Und heute kommt dem Nein
    eine ganz besondere Bedeutung zu.
  218. Denn was ist ein Ja
    eigentlich wert ohne ein Nein?
  219. Liebe gibt der Sexualität
    Bedeutung und Tiefe
  220. und unsere Beziehung ist ganz maßgeblich
    für unsere Lebensqualität zuständig.
  221. Eine sanfte Berührung von einem Partner,
    der einem wirklich am Herzen liegt,
  222. kann sehr viel intimer sein
    als der 3286. Orgasmus aus der Konserve.
  223. Bei all dem, was heute passiert,
    bei all den Freiheiten, die wir haben:
  224. Denkt auch an die Liebe.
  225. Vielen Dank.
  226. (Applaus)