German subtítols

← Was passierte, als wir tausende Fremde zu politischen Zwiegesprächen zusammenbrachten

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27 llengües

Showing Revision 26 created 10/16/2019 by Andrea Hielscher.

  1. Das ist Joanna.
  2. Joanna arbeitet an
    einer Universität in Polen.
  3. An einem Samstagmorgen um 3 Uhr
  4. stand sie auf, packte ihren Rucksack
  5. und reiste über 1000 Kilometer weit,
  6. um eine politische Diskussion
    mit einem Fremden zu führen.
  7. Sein Name ist Christoph,
    ein Kundenbetreuer aus Deutschland.
  8. Die beiden waren sich nie begegnet.
  9. Sie wussten nur, sie hatten
    ganz andere Meinungen
  10. zur Europapolitik, zur Migration,
    dem Verhältnis zu Russland usw.
  11. Sie diskutierten fast einen Tag lang.
  12. Danach schrieb mir Joanna
    eine irritierende E-Mail:
  13. "Das war echt cool,
    ich habe jede Minute genossen!"
  14. (Gelächter)

  15. Das ist Tom aus
    dem Vereinigten Königreich

  16. mit Nils aus Deutschland.
  17. Sie kannten sich auch nicht.
  18. Beide sind Fans ihres
    örtlichen Fußballteams,
  19. vielleicht erraten Sie es schon,
    Borussia Dortmund und Tottenham Hotspurs.
  20. Sie trafen sich dort,
    wo Fußball erfunden wurde:
  21. auf einer Wiese in Cambridge.
  22. Sie diskutierten nicht über Fußball,
    sondern über den Brexit.
  23. Nachdem sie viele Stunden über
    das umstrittene Thema gesprochen hatten,
  24. schickten auch sie mir
    eine ziemlich unerwartete E-Mail:
  25. "Es war wunderbar,
    es hat uns beiden sehr gefallen."
  26. (Gelächter)

  27. Im Frühling 2019

  28. meldeten sich über
    17.000 Europäer aus 33 Ländern
  29. zu einer politischen Diskussion an.
  30. Tausende kamen über die Grenzen,
  31. um einen Fremden
    mit anderer Meinung zu treffen.
  32. Alle waren Teil eines Projekts
    namens "Europe Talks".

  33. Mit andersdenkenden Menschen
    über Politik zu sprechen,
  34. ist nicht nur in Europa
    sehr schwierig geworden.
  35. Familien trennen sich, Freunde
    sprechen nicht mehr miteinander.
  36. Wir bleiben in unseren Blasen.
  37. Diese sogenannten Filterblasen
    werden durch soziale Medien verstärkt,
  38. aber im Grunde sind sie
    kein digitales Produkt.
  39. Filterblasen gab es schon immer,
  40. sie existieren in unseren Gedanken.

  41. Wie Studien immer wieder zeigen,
  42. ignorieren wir beispielsweise Dinge,
    die unserer Überzeugung widersprechen.
  43. Die Korrektur von Fake News
    ist zwar definitiv notwendig,
  44. aber nicht ausreichend,
  45. um eine gespaltene Gesellschaft
    zum Umdenken zu bringen.
  46. Zum Glück weisen zumindest einige Studien
  47. einen einfachen Weg
    zu einem Perspektivwechsel:
  48. ein persönliches Gespräch mit jemandem,
  49. der nicht derselben Meinung ist.
  50. Das hilft, die Welt durch die Augen
    eines anderen neu zu sehen.
  51. Ich bin Chefredakteur von "ZEIT ONLINE",

  52. einem der großen deutschen
    Online-Nachrichtendienste.
  53. "Europe Talks" begann
    als bescheidenes redaktionelles Projekt.
  54. Wie viele Journalisten standen wir unter
    dem Eindruck Trumps und des Brexits.
  55. Deutschland war zunehmend gespalten,
    besonders beim Thema Migration.
  56. Die Ankunft von über einer Million
    Flüchtlinge in den Jahren 2015 und 2016
  57. dominierte die Debatte.
  58. In Hinblick auf die Wahlen
    im Jahr 2017 wussten wir genau,
  59. dass wir unseren Umgang mit der Politik
    neu erfinden mussten.
  60. Da wir digitale Freaks sind,
  61. hatten wir viele seltsame Ideen
    für digitale Produkte.
  62. Eine davon war ein "Tinder" für Politik --

  63. (Gelächter)

  64. eine Dating-Plattform
    für politische Gegensätze,
  65. ein Tool, um Andersdenkende
    zusammenzubringen.
  66. Wir beschlossen, es auszuprobieren,
  67. und starteten, was Technikfreaks
    "Minimum Viable Product" nennen würden.
  68. Es war also sehr einfach.
  69. Wir nannten es "Deutschland spricht"
  70. und starteten im Mai 2017.
  71. Es war wirklich einfach.
  72. Wir nutzten hauptsächlich Google Forms,
  73. ein Tool, das jeder
    für Online-Umfragen nutzen kann.
  74. Dort stellten wir einfache Fragen ein
    wie beispielsweise:
  75. "Hat Deutschland zu viele
    Flüchtlinge aufgenommen?"
  76. Man klickt auf "Ja" oder "Nein".
  77. Wir stellten weitere Fragen wie:
    "Behandelt der Westen Russland fair?"
  78. "Sollten gleichgeschlechtliche
    Paare heiraten dürfen?"
  79. Wurden alle Fragen beantwortet,
    stellten wir eine letzte:
  80. "Wollen Sie einen Nachbarn treffen,
    der komplett anderer Ansicht ist?"

  81. (Gelächter)

  82. Das war also ein sehr einfaches,
    kostenfreies Experiment.
  83. Wir rechneten mit etwa 100 Anmeldungen
  84. und wollten die Paare
    per Hand zusammenstellen.
  85. Nach einem Tag hatten sich
    1.000 Menschen angemeldet.
  86. Und nach einigen Wochen
    waren es 12.000 Deutsche,
  87. die einen Andersdenkenden treffen wollten.
  88. Also hatten wir ein Problem.

  89. (Gelächter)

  90. Wir hackten einen schnellen,
    schmutzigen Algorithmus,
  91. um perfekte Tinder-Paare
    zusammenzustellen,
  92. etwa Menschen, die möglichst nah
    beieinander lebten,
  93. aber die Fragen ganz anders
    beantwortet hatten.
  94. Wir stellten sie einander per E-Mail vor.
  95. Sie können sich denken,
    dass wir viele Einwände hatten.
  96. Vielleicht würde niemand
    persönlich auftauchen.
  97. Vielleicht würden die Gespräche
    alle furchtbar sein.
  98. Oder vielleicht hatten wir
    einen Serienmörder in der Datenbank.

  99. (Gelächter)

  100. Doch dann, an einem Sonntag im Juni 2017,
  101. passierte etwas Wunderschönes.
  102. Tausende Deutsche trafen sich zu zweit
    und diskutierten friedlich über Politik.
  103. So wie Anno, ein ehemaliger Polizist,
  104. der gegen die gleichgeschlechtliche
    Ehe ist beziehungsweise war,
  105. und Anne, eine Ingenieurin,
    die mit einer Frau zusammenlebt.
  106. Sie sprachen stundenlang über alle Themen,
  107. bei denen sie anderer Meinung waren.
  108. Anno sagte uns später,
    er habe irgendwann gemerkt,
  109. dass Anne über seine Aussagen zur
    gleichgeschlechtlichen Ehe verletzt war,
  110. und so begann er,
    seine Meinung zu hinterfragen.
  111. Nach dreistündiger Diskussion
  112. lud Anne Anno zu ihrem Sommerfest ein.
  113. Heute, Jahre später,
  114. treffen sie sich ab und zu
    und sind befreundet.

  115. Unser Algorithmus brachte
    diesen Gerichtsvollzieher,
  116. einen Sprecher der deutschen
    rechtspopulistischen Partei AfD,
  117. mit einer Beraterin
    für Schwangere zusammen.
  118. Sie war früher bei den Grünen aktiv.
  119. Wir brachten sogar einen Professor
    mit einem seiner Studenten zusammen.

  120. (Gelächter)

  121. Es ist ein Algorithmus, also ...

  122. (Gelächter)

  123. Wir brachten sogar einen Schwiegervater
    und seine Schwiegertochter an einen Tisch.
  124. Sie wohnten zwar nahe beieinander,
    haben aber ganz andere Ansichten.

  125. Grundsätzlich wurden die Gespräche
  126. weder beobachtet, aufgezeichnet
    noch dokumentiert,
  127. weil wir keine Schauspielerei wollten.
  128. Doch ich machte eine Ausnahme
    und nahm selbst teil.
  129. In meinem schicken Berliner Stadtviertel
    Prenzlauer Berg traf ich mich mit Mirko.
  130. Hier bin ich im Gespräch mit Mirko.
    Mirko wollte nicht aufs Bild.
  131. Er ist ein junger Anlagenbetreiber
  132. und sah mit Bart und Mütze aus
    wie alle Hipster in unserer Gegend.
  133. Wir redeten stundenlang
    und ich fand ihn wunderbar.
  134. Obwohl wir bei den meisten Themen
    ganz unterschiedlicher Meinung waren --
  135. mal abgesehen von den Rechten der Frau,
  136. wo ich seine Gedanken
    nicht nachvollziehen konnte --,
  137. war es wirklich schön.
  138. Nach dem Gespräch googelte ich Mirko.
  139. Ich fand heraus, dass er als Jugendlicher
    ein Neonazi gewesen war.
  140. Also rief ich ihn an und fragte:
  141. "Warum hast du das verschwiegen?"
  142. Er sagte: "Ich will darüber hinwegkommen
  143. und einfach nicht mehr darüber reden."

  144. Ich dachte, Menschen mit solchem
    Hintergrund könnten sich nie ändern.
  145. Doch ich musste
    meine Ansichten überdenken --
  146. ähnlich wie viele Teilnehmer,
  147. die uns tausende E-Mails
    und Selfies schickten.
  148. Es gab nirgends Meldungen von Gewalt.

  149. (Gelächter)

  150. Wir wissen auch nicht,
    ob manche Paare geheiratet haben.

  151. (Gelächter)

  152. Jedenfalls waren wir begeistert
    und wollten das wieder machen --
  153. besonders in der Version 2.0.
  154. Wir wollten den Teilnehmerkreis erweitern,
  155. weil sich in der ersten Runde
    vor allem unsere Leser gemeldet hatten.

  156. Also gingen wir auf die Konkurrenz zu
  157. und luden andere Medien zur Teilnahme ein.
  158. Die Koordination funktionierte per Slack.
  159. Die Live-Zusammenarbeit
    von elf großen deutschen Medienhäusern
  160. war in Deutschland eine echte Premiere.
  161. Die Zahlen schnellten empor:
  162. Diesmal bewarben sich
    über 28.000 Menschen.
  163. Der deutsche Bundespräsident --
    hier in der Bildmitte --
  164. wurde unser Schirmherr.
  165. So trafen sich im Sommer 2018
    erneut tausende Deutsche
  166. zur Diskussion mit einem Andersdenkenden.
  167. Manche Paare luden wir
    zu einem besonderen Event nach Berlin ein.
  168. Dort entstand dieses Bild,
  169. bis heute mein Lieblingssymbol
    für "Deutschland spricht".
  170. Das ist Henrik, Busfahrer und Boxtrainer,
  171. mit Engelbert, dem Leiter
    eines Kinderhilfswerks.
  172. Sie beantworteten all unsere
    sieben Fragen unterschiedlich.
  173. Sie waren sich nie zuvor begegnet,
  174. führten sehr intensive Gespräche
  175. und schienen trotz allem
    miteinander auszukommen.
  176. Diesmal wollten wir auch wissen,
  177. ob die Gespräche bei den Teilnehmern
    Wirkung zeigen würden.

  178. Wir baten Forscher,
    die Teilnehmer zu befragen.
  179. Zwei Drittel der Teilnehmer sagten,
  180. sie hätten etwas über die Einstellung
    ihres Partners gelernt.
  181. 60 Prozent gaben an,
    ihre Standpunkte hätten sich angenähert.
  182. Das Vertrauen in die Gesellschaft
  183. war laut der Studie
    nach dem Event gestiegen.
  184. 90 Prozent sagten,
    ihnen habe das Gespräch gefallen.
  185. 10 Prozent verneinten dies,
  186. 8 Prozent allerdings deshalb,
    weil ihr Partner nicht auftauchte.
  187. (Gelächter)
  188. Nach "Deutschland spricht" kamen
    viele internationale Medien auf uns zu

  189. und wir beschlossen, diesmal eine seriöse
    und sichere Plattform zu erstellen.

  190. Wir nannten sie "My Country Talks".
  191. In dieser kurzen Zeit wurde
    "My Country Talks" bisher
  192. für über ein Dutzend lokale
    und nationale Events genutzt
  193. wie etwa "Het grote gelijk" in Belgien,
    "Suomi puhuu" in Finnland
  194. oder "Britain Talks" in Großbritannien.
  195. Wie schon erwähnt,
    starteten wir auch "Europe Talks" --
  196. zusammen mit 15
    internationalen Medienpartnern
  197. von der britischen "Financial Times"
    bis zur finnischen "Helsingin Sanomat".
  198. Tausende Europäer
    trafen sich mit einem Fremden,
  199. um über Politik zu diskutieren.
  200. Bisher wurden wir weltweit
    von über 150 Medien angesprochen.
  201. Vielleicht entsteht irgendwann
    das Event "Die Welt spricht"
  202. mit hunderttausenden Teilnehmern.
  203. Doch was hier zählt,
    sind offensichtlich nicht die Zahlen.
  204. Was hier zählt ...

  205. Wenn immer sich zwei Menschen
    persönlich treffen
  206. und stundenlang ungestört
    miteinander reden,
  207. verändern sie sich.
  208. Wie auch unsere Gesellschaften.
  209. Sie verändern sich Schritt für Schritt
    mit jedem Gespräch.
  210. Wichtig ist, dass wir wieder lernen,
  211. diese persönlichen Gespräche zu führen --
  212. mit einem Fremden und ungestört.
  213. Nicht nur mit einem Fremden,
  214. der uns von einem "Tinder"
    für Politik vorgestellt wird,
  215. sondern auch mit einem
    Fremden in der Kneipe,
  216. im Fitnesscenter oder auf einer Konferenz.
  217. Also treffen Sie bitte jemanden,
    diskutieren Sie mit ihm
  218. und haben Sie viel Freude daran.

  219. Vielen Dank.
  220. (Applaus)